Deutschland, ein unangenehmer Gast

5. Juli 2016, 17:46
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Party-Crasher par exzellence: DFB-Team gewann die jüngsten neun Duelle mit Turniergastgebern – Seit verlorenem WM-Finale 1966 in England gegen Veranstalterländer immer erfolgreich

Marseille – Die Gesamtbilanz zwischen Deutschland und Frankreich sieht den Weltmeister mit neun zu zwölf Siegen bei sechs Remis im Nachteil. Von den bisher vier K.-o.-Duellen gewannen die Auswahlen des deutschen Fußballbundes jedoch drei. Für das erste Treffen bei einer EM, knapp sieben Monate nach der dem Horror der Pariser Terroranschläge vom 13. November nur knapp entgangenen Testpartie im Stade de France, sind die sportlichen DFB-Aussichten nicht ganz so rosig. Schließlich fehlen Coach Joachim Löw die Stützen Mats Hummels (gesperrt) und Mario Gómez, Sami Khedira und wohl auch Bastian Schweinsteiger (alle verletzt). Löw sieht ein Spiel auf Augenhöhe, während andere in die Vergangenheit blicken.

Beeindruckende DFB-Serie gegen Turniergastgeber

Insgesamt kann Deutschland bei Großereignissen auf eine bemerkenswerte Serie gegen Turniergastgeber vertrauen. Vor dem EM-Halbfinale am Donnerstag (21.00 Uhr/im Ticker auf derStandard.at, live ORF eins) in Marseille gegen Frankreich haben die Deutschen ihre jüngsten neun Duelle mit den Veranstalterländern der jeweiligen Turniere gewonnen, zwei davon im Elfmeterschießen.

Ihre bisher letzte Niederlage gegen einen Gastgeber datiert vom WM-Finale 1966, als sich England auch dank des "Wembley-Tores" von Geoff Hurst mit 4:2 nach Verlängerung durchsetzte. Beim jüngsten Turnier, der WM 2014, führten die Deutschen im Halbfinale Brasilien mit 7:1 vor. Davor eliminierte das DFB-Team bei der EM 2008 mit einem 1:0 dank eines Freistoßes von Michael Ballack zum Abschluss der Gruppenphase in Wien auch Gastgeber Österreich.

28. Juni 1958, Göteborg/Schweden

WM, Spiel um Platz 3

Frankreich – Deutschland 6:3

An diesem Tag spielte Deutschland fast nur gegen einen, Just Fontaine – und verlor mit 3:6. Fontaine erzielte vier der sechs französischen Tore. 13 Treffer schoss der in Marokko geborene Fontaine damals in nur sechs WM-Spielen und stellte damit einen Rekord auf, den nicht einmal der deutsche "Bomber" Gerd Müller knacken konnte – zehn Tore 1970.

8. Juli 1982, Sevilla/Spanien

WM-Halbfinale

Deutschland siegt nach einem 3:3 im Elferschießen

Der "Thrilla von Sevilla" war wirklich kein Spiel für schwache Nerven. 1:3 lag Deutschland in der Verlängerung zurück und schaffte doch noch durch Tore von Karl-Heinz Rummenigge (103.) und Klaus Fischer (108.) den 3:3-Ausgleich. Im Elfmeterschießen setzte sich die DFB-Elf mit 5:4 durch, obwohl Ulli Stielike verschossen hatte. Die brutale Attacke des deutschen Torhüters Toni Schumacher nach knapp einer Stunde Spielzeit gegen Patrick Battiston erregt noch heute die französischen Gemüter. Mit voller Wucht sprang der "kölsche Tünn" dem Franzosen mit der Hüfte gegen den Kopf. Battiston erlitt einen angebrochenen Halswirbel, eine Gehirnerschütterung und büßte zwei Zähne ein. "Wenn es nur das ist, zahle ich ihm die Jacketkronen", sagte Schumacher danach zynisch, als er von ausgeschlagenen Zähnen erfuhr. Für Frankreich ist die Niederlage von Sevilla immer noch ein großes Trauma.

25. Juni 1986, Guadalajara/Mexiko

WM, Halbfinale

Deutschland – Frankreich 2:0

Manchmal wiederholt sich Geschichte. Vier Jahre nach Sevilla erwiesen sich die Deutschen für Michel Platini und Co erneut in einem WM-Halbfinale als zu stark. In Guadalajara entzauberte die Mannschaft von Teamchef Franz Beckenbauer die hocheingeschätzten Franzosen, die sich zuvor in einem denkwürdigen Viertelfinale gegen Brasilien im Elfmeterschießen durchgesetzt hatten. Eigentlich wollte sich die Équipe Tricolore in Mexiko erstmals zum Weltmeister küren, die Tore von Andreas Brehme (9.) und Rudi Völler (90.) machten allerdings einen Strich durch die französische Rechnung. Frankreich musste bis zum ersten WM-Triumph zwölf weitere Jahre warten.

4. Juli 2014, Rio/Brasilien

WM-Viertelfinale

Deutschland – Frankreich 1:0

Der Mann des Tages war Mats Hummels. Der Dortmunder war nicht nur Kopfballtorschütze des entscheidenden Treffers im Maracanã-Stadion, sondern auch Stabilisator und Kämpfer in einer Person im deutschen Team. Allerdings zeigte auch Goalie Manuel Neuer am Ende seine Klasse, als er beim letzten Angriff einen Schuss von Karim Benzema mit einem Reflex parierte. Bundestrainer Joachim Löw sprang in diesem Spiel im Übrigen über seinen Schatten. Er beorderte Philipp Lahm aus dem defensiven Mittelfeld zurück rechts in die Viererkette, brachte Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger auf der Doppelsechs. Der Lahm-Schachzug erwies sich am Ende als richtungweisend für den späteren WM-Triumph an gleicher Stätte gegen Argentinien (1:0 n. V.). (APA, sid, red, 5.7.2016)

Deutschlands bisherige Duelle mit Gastgeberländern bei EM und WM (11 Spiele – 9 Siege, 2 Niederlagen):

WM 1958, Halbfinale:
Schweden – Deutschland 3:1

WM 1966, Finale:
England – Deutschland 4:2 n.V.

EM 1972, Halbfinale:
Belgien – Deutschland 1:2

EM 1976, Halbfinale:
Jugoslawien – Deutschland 2:4 n.V.

WM 1982, Zwischenrunde:
Spanien – Deutschland 1:2

WM 1986, Viertelfinale:
Mexiko – Deutschland 1:4 i.E. (0:0)

EM 1992, Halbfinale:
Schweden – Deutschland 2:3

EM 1996, Halbfinale:
England – Deutschland 5:6 i.E. (1:1)

WM 2002, Halbfinale:
Südkorea – Deutschland 0:1

EM 2008, Gruppenphase:
Österreich – Deutschland 0:1

WM 2014, Halbfinale:
Brasilien – Deutschland 1:7

  • Mats Hummels besorgte Deutschland vor zwei Jahren im WM-Viertelfinale per Kopf das 1:0 gegen Frankreich. Er wird Goalie Hugo Lloris diesmal nicht am Boden zerstören, der Verteidiger ist gesperrt.
    foto: epa/marcus brandt

    Mats Hummels besorgte Deutschland vor zwei Jahren im WM-Viertelfinale per Kopf das 1:0 gegen Frankreich. Er wird Goalie Hugo Lloris diesmal nicht am Boden zerstören, der Verteidiger ist gesperrt.

  • Das Trikot als Trophäe: In Brasilien gewann Deutschland mit 7:1.
    foto: reuters/pfaffenbach

    Das Trikot als Trophäe: In Brasilien gewann Deutschland mit 7:1.

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