Frustrierend, aber nötig: Die Beschäftigung mit dem Irrationalen

Blog6. Juli 2016, 06:00
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Florian Freistetter zieht Bilanz seines Blogs – und kehrt nach der Sommerpause mit einem neuen Format zurück

Seit 12. November 2014 schreibe ich hier auf derStandard.at die Kolumne "So ein Schmarrn!". In diesen knapp eineinhalb Jahren sind 43 Artikel erschienen, in denen ich die vielfältigen Erscheinungsformen des irrationalen Unsinns beschrieben und kritisiert habe. Zu meinen Artikeln wurden mehr als 44.000 Kommentare abgegeben, also im Durchschnitt über 1.000 pro Artikel (am häufigsten wurde übrigens der Text über Kreationismus kommentiert).

Die Diskussionen, die dort unter den Usern stattfanden, waren oft sehr heftig. Und auch beschwert hat man sich über mich immer wieder: Habe ich denn nichts Besseres zu tun, als mich über diesen Kram aufzuregen? Wenn das doch alles Unsinn ist, wieso verschwende ich dann Zeit damit, darüber zu schreiben? Kann man das nicht alles ignorieren; muss man immer so verbissen/humorlos/fanatisch sein? Kann man die Esoterik und Pseudowissenschaft nicht einfach in Ruhe lassen?

Klar kann man das! Aber man muss nicht. Und es geht dabei auch gar nicht darum, irgendwen zu "missionieren" oder meinen "fanatischen Wissenschaftsglauben" zu verbreiten. Aberglaube lässt sich durch rationale Argumente sowieso nicht beeindrucken. Sonst wäre es ja kein Glaube. Meine Texte werden Astrologie, Homöopathie und Co nicht verschwinden lassen; Aufklärung und öffentliche Kritik werden niemanden von seinem Glauben abbringen. Das ist aber auch nicht das Ziel.

Warnung vor der Esoterikfalle

Die öffentliche Beschäftigung mit dem "Schmarrn" wird seine Anhänger nicht davon abbringen. Aber vielleicht kann damit verhindert werden, dass manch andere auf den esoterischen Unsinn überhaupt erst hereinfallen. Wie viele Menschen denken beispielsweise, Homöopathie wäre "sanfte Pflanzenmedizin", ohne sich des dieser Lehre zugrunde liegenden abergläubischen Glaubenssystems bewusst zu sein? Wie viele von ihnen würden weiterhin Globuli schlucken, wenn sie wüssten, dass die Homöopathen zu deren Zubereitung nicht nur auf absurde Zutaten wie Hundekot, Menstruationsblut oder gar Antimaterie setzen, sondern dabei auch fast schon magische Rituale einhalten müssen, die vorschreiben, wie oft und auf welche Weise die Proben auf ein Lederkissen geklopft werden müssen (ganz zu schweigen davon, dass am Ende der Prozedur sowieso nichts anderes mehr als Zucker in den Kügelchen enthalten ist)?

Wie viele Menschen lassen sich von Verschwörungstheoretikern davon überzeugen, dass die Kondensstreifen der Flugzeuge in Wahrheit aus giftigen Chemikalien bestehen, die von Geheimorganisationen zu düsteren Zwecken ausgebracht werden? Und wie viele würden weiterhin an diese "Chemtrail"-Verschwörung glauben, wenn sie ein klein wenig mehr über die meteorologischen Grundlagen der Wolkenbildung wüssten? Wie viele Menschen glauben den Versprechungen der Astrologen, nur weil sie keine Ahnung von den realen astronomischen Vorgängen im Universum haben?

Das ist es, worum es eigentlich geht: Wissensvermittlung! In meinen Büchern, meinen Podcasts, meinem ScienceBlog und den diversen anderen Medien bemühe ich mich daher auch hauptsächlich darum, die der Wissenschaft innewohnende Faszination zu vermitteln. Und die Ergebnisse der Naturwissenschaft so zu erklären, dass sie für alle verständlich sind, die Lust haben sie zu verstehen. Je mehr man weiß, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, auf irgendwelche Scharlatane hereinzufallen.

Wichtiger und unwichtiger Schmarrn

Zu jeder Wissensvermittlung gehört aber meiner Meinung nach auch die Beschäftigung mit dem, was so tut, als wäre es Wissenschaft, aber keine ist. Eben der ganze esoterisch-pseudowissenschaftliche "Schmarrn" der da durch die Welt schwirrt. Und dabei ist es auch fast egal, ob es sich um "wichtigen" Schmarrn wie zum Beispiel Homöopathie handelt, der schon tief in jede Schicht der Gesellschaft eingedrungen ist. Oder um "unwichtigen" Schmarrn wie Zeitungshoroskope und ähnliches. Irrationales Denken hat früher oder später immer negative Folgen, unabhängig davon, worauf es sich richtet.

Egal, ob man das gut oder schlecht findet: Wir leben heute in einer Zeit, die komplett von den Erkenntnissen der Wissenschaft und Technik durchdrungen ist, und das ist vermutlich das Problem an der ganzen Sache. Wir haben uns an die Annehmlichkeiten des Fortschritts so sehr gewöhnt, dass uns die Wissenschaft dahinter gar nicht mehr auffällt. Diese Unkenntnis macht es uns zum Beispiel möglich, einen Computer zu benutzen und im Internet wirre Geschichten über "freie Quantenenergie" oder "Quantenheilung" zu lesen, die im kompletten Widerspruch zur realen Quantenmechanik stehen, ohne deren Erkenntnisse Computer überhaupt nicht existieren würden.

Die moderne Medizin hat Krankheiten verschwinden lassen, die früher zahllose Menschen umgebracht haben, und macht es uns heute möglich, mit unseren Wohlstandswehwehchen zu Homöopathen und Heilpraktikern zu pilgern. Kartenleser und Astrologen im Fernsehen, Verschwörungstheoretiker im Internet oder windige Geschäftemacher auf Esoterikmessen profitieren nicht nur von der Aufmerksamkeit, die der Esoterik überall gewidmet wird. Sondern auch von der Unaufmerksamkeit, die der echten Wissenschaft entgegenschlägt, und der Wissenschaftsfeindlichkeit bzw. den irrationalen Denksystemen, die sich dadurch immer weiter verbreiten.

Sommerpause und neuer Blog

Eine umfassende Wissenschaftsvermittlung kann es sich also gar nicht leisten, den "Schmarrn" zu ignorieren. Obwohl das oft viel einfacher wäre. Sich mit dem "Schmarrn" zu beschäftigen ist sehr oft frustrierend, aber nötig. Die Beschäftigung mit Esoterik, Pseudowissenschaft und irrationalem Unsinn jeglicher Art wird weiterhin Teil meiner Arbeit als Wissenschaftsautor sein. Genau so wie die Beschäftigung mit den viel faszinierenderen Ergebnissen der echten Forschung.

Ihr "Schmarrn"-Kolumnist macht nun Sommerpause. Und kehrt im Herbst mit einer neuen Rubrik zurück. Dann werde ich wissenschaftliche Arbeiten beschreiben, die sich später einmal als Irrtümer herausgestellt haben.

Ich wünsche einen schönen Sommer, und nicht vergessen: "Wer nichts weiß, muss alles glauben." (Florian Freistetter, 6.7.2016)

  • Artikelbild
    foto: matthias cremer
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