Brexit: Sind die Alten schuld?

Userkommentar5. Juli 2016, 13:41
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Großbritannien braucht keinen Generationenkonflikt, der die Bevölkerung in eine junge "Remain"- und eine alte "Exit"-Fraktion spaltet. Zu denken sollte uns vielmehr geben, dass aus Protest für den Austritt gestimmt wurde

Der Brexit ist beschlossen – ob es uns passt oder nicht. Die Folgen für Großbritannien und die britische Wirtschaft sind kaum verlässlich abzuschätzen, und es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis die gesamte Tragweite der Entscheidung deutlich wird – kurzschlüssige Kommentare und Bewertungen helfen im Moment wenig.

Genauso wenig wie die pauschalisierenden Schuldzuweisungen, die sich aktuell vor allem an die ältere Generation in Großbritannien richten. Was das Land jetzt am allerwenigsten braucht, ist ein Generationenkonflikt, der die Bevölkerung in eine junge "Remain"- und eine alte "Exit"-Fraktion spaltet. Reißerische Titel wie "Die Alten wählten den Brexit" (FAZ), oder "Brexit: Alte bestimmen die Zukunft der Jungen" (Kurier) entsprechen zwar der Logik des modernen Journalismus, der künftigen politischen Debatte fügen sie allerdings einen erheblichen Schaden zu. Ähnlich wie bei der Bundespräsidentenwahl in Österreich, wo Wahlanalysen eine gesellschaftliche Spaltung am Bildungsgrad festmachen wollten.

Willkommener Sündenbock

Wenn man sich auch nur ansatzweise damit auseinandersetzt, wie solche Analysen und Statistiken zustande kommen, wird die Willkür derartiger Behauptungen schnell deutlich. Zum Beispiel könnten die Wählerinnen und Wähler genauso gut danach eingeteilt werden, welches Auto sie fahren, was ihre Lieblingsfarbe ist oder wie sie ihre Freizeit verbringen. Natürlich lassen sich daraus auch Aussagen generieren, die Frage ist allerdings, wie man diese bewerten will.

Im Fall des Brexit scheint es fast so, als ob die ältere Generation als willkommener Sündenbock für eine Situation herhalten müsse, mit der eigentlich niemand so richtig gerechnet hat und die sich auch die wenigsten wirklich gewünscht haben. Nicht umsonst melden sich jetzt auch immer wieder Brexit-Wähler zu Wort, die eigentlich nicht aus der EU raus-, sondern eher ihren Protest zum Ausdruck bringen wollten. Das sollte uns zu denken geben.

Zu denken sollte uns auch geben, dass es den Brexit-Befürwortern gelungen ist, gerade in dem Land, das sich in so vielen Bereichen nie vollumfänglich integrieren wollte – egal ob es um den Wirtschaftsraum und die Währung gegangen ist oder um den Schengen-Raum und die Sicherung der Außengrenzen –, das Gefühl zu erzeugen, dass alles Schlechte von der EU kommt. Ihnen ist es gelungen, die Ängste und Sorgen der Menschen anzusprechen, indem sie ihnen eine Lösung präsentiert haben – eine nationale Lösung.

Chance für sozialeres Europa

Die gemeinsamen Herausforderungen, vor denen die EU-Mitgliedsstaaten heute stehen, sind nicht klein, das ist klar. Immer größere Keile zwischen immer kleinere Gesellschaftsgruppen vor und nach Wahlen zu treiben trägt allerdings nichts zu deren Bewältigung bei – genau so wenig wie der Rückfall in nationale Lösungs- und Denkmuster. Gerade hier allerdings kann der Brexit auch eine Chance sein, nicht für die Briten, aber für die EU.

Denn mit den Briten scheidet eine jener Kräfte aus der Europäischen Union aus, die sich immer für eine Wirtschafts- und gegen eine soziale Union stark gemacht haben. Das kleinere Europa kann jetzt sozialer werden. Dafür allerdings braucht es Politikerinnen und Politiker, die glaubhafte europäische Lösungen präsentieren. Und dafür braucht es auch eine Europäische Union, die alle Menschen anspricht, alle Menschen mitnimmt und alle Menschen begeistert. Wir brauchen eine EU für die Menschen und nicht für die Märkte. (Herbert Striegl, 5.7.2016)

  • Pro-EU-Protest am vergangenen Samstag in London.
    foto: afp/chris j ratcliffe

    Pro-EU-Protest am vergangenen Samstag in London.

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