"Diener zweier Herren": Die Stockerauer Fassung

4. Juli 2016, 17:17
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Goldonis Commedia dell'arte als Open-Air-Ereignis

Stockerau – "Mein Gott, jetzt hat sie's!", ruft Truffaldino, und Columbina trällert selig drauflos: "Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühn!" Mein Gott, da haben wir's – Carlo Goldonis Der Diener zweier Herren in der "Stockerauer Fassung" zweier Herren, Zeno Stanek (Regie) und Karl Ferdinand Kratzl (Kabarett).

Samstagabend. Über der Perle des Weinviertels hängen Wolken. Das 270 Jahre junge Lustspiel ist hier bei den Festspielen Stockerau ein Fall für die Freiluftbühne. Die Ausweichstation bei Regen heißt Z 2000. Knapp vor Beginn beginnt es zu tröpfeln. Die Festivalorganisation, Dienerin ihrer selbst und des Publikums, behält die Nerven. Draußen vor dem Einlass serviert ein Trio als "Aperitifkonzert" das Fiakerlied an Johnny Cash. Jetzt weint der Himmel.

Im Publikum gehen Schirme auf. Auf der Bühne haben Horst Heiss (Pantalone) und Alexander T.T. Mueller (Dottore) Platz genommen und werden feucht. Der Schauer beschert dem Publikum ein Extra: Es kann beobachten, wie das auf den Bühnenboden geregnete Wasser mit Gummischiebern entfernt wird. Kleine Reality-Show vor dem eigentlichen Vorspiel der "Stockerauer Fassung".

von links: Daniel Keberle, Okan Cömert Katharina Stemberger

Dieses wird von einem Regisseur angeleitet, der sich auch später immer wieder einmischt und zum Wirt Brighella mutiert: Christoph F. Krutzler. Stanek-Kratzls Vor- und Zwischengespiel macht das Theater zum Gegenstand der Satire. Krutzler schwingt ein Buch, auf dem "Regie" steht: "Und wehe, es spricht mir einer auf Engagement!" Manch einer aus dem Personal droht in Shakespeare zu kippen. Alle singen im Chor "Radio Klassik Stephansdom wünscht gute Unterhaltung!", und schon geht der Goldoni los.

Commedia dell'arte in der Serenissima

Ja, das Wetter ist gnädig, obwohl sich hinter dem Kirchturm düsteres Gewittergewölk zeigt. So ist das gemeint: Der Turm der Stadtpfarrkirche ragt hinter der Bühne als Campanile auf, denn Goldoni lässt seine Commedia dell'arte in der Serenissima spielen. Den Truffaldino verkörpert Okan Cömert. Die Hosenrolle der Beatrice gibt in gelbgesichtiger Queerness Katharina Stemberger.

An diesem Samstagabend kommen alle nicht so recht über die Ebene einer löblichen Laientheateraufführung hinaus. Obwohl genau dieser liebevoll abgerollte Dilettantismus natürlich auch die schiere Absicht von Regisseur Stanek sein könnte. Die Blitze im Hintergrund schadeten der Gesamtwirkung nicht. In der Pause übersiedelte man doch in den Mehrzweck-Bühnensaal Z 2000, wo in einem das Laienspiel unübertrefflich unterstreichenden Minimal-Bühnenbild der Kratzl-Stanek-gespickte Goldoni zu seinem verdienten Ende kam. (Helmut Ploebst, 4.7.2016)

  • Lustig: Daniel Keberle, Okan Cömert Katharina Stemberger (v. li.)
    festspiele stockerau/johannes eh

    Lustig: Daniel Keberle, Okan Cömert Katharina Stemberger (v. li.)

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