Jagd auf die Enkelgeneration der RAF

5. Juli 2016, 08:00
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Die deutsche Polizei ist sich sicher: Drei mutmaßliche RAF-Terroristen haben in Norddeutschland eine Serie von Überfällen auf Geldtransporter und Supermärkte verübt

Das Muster gleicht sich in allen Fällen: Drei Personen rücken mit Schnellfeuergewehren, einer Panzerfaust, Pistolen oder auch Elektroschockgeräten an, reißen gezielt die Einnahmen von Supermärkten oder den Inhalt von Geldtransporten an sich, flüchten dann in Autos, die ausgebrannt in einem Waldstück zurückbleiben. Acht Überfälle in Niedersachsen und Schleswig-Holstein wurden auf diese Weise seit 2011 verübt.

Die Identität der mutmaßlichen Täter haben die Staatsanwaltschaft in Verden (Niedersachsen) und das niedersächsische Landeskriminalamt (LKA) in Hannover bereits bekanntgegeben. Sie sind sich sicher, dass es sich bei dem Trio um Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette handelt. Die drei werden der dritten Generation (Enkelgeneration) der Roten Armee Fraktion (RAF) zugerechnet – jener linksextremen Terrororganisation, die die Bundesrepublik Anfang der Siebziger- bis Anfang der Neunzigerjahre in Angst versetzte. Staub und Klette werden bald 60 Jahre alt, Garweg soll 1968 geboren worden sein.

Zehn von 34 Morden

Auf das Konto der dritten RAF-Generation gehen laut Bundesanwaltschaft insgesamt zehn der 34 RAF-Morde, darunter jene an Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen, an Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts und Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder.

Herrhausen starb am 30. November 1989 bei einem Bombenanschlag auf sein Auto, er war auf dem Weg in sein Büro in Frankfurt. Beckurts wurde mit seinem Chauffeur Eckhard Groppler am 9. Juli 1986 in Straßlach bei München – ebenfalls durch einen Bombenanschlag auf das Auto – getötet. Rohwedder wurde am 1. April 1991 von Scharfschützen in seinem Wohnhaus in Niederkassel (Nordrhein-Westfalen) erschossen.

Auflösung im Jahr 1998

Der Mord an Rohwedder war der letzte Mord der RAF. 1992 verkündete die Terrororganisation eine Wende an: "Wir haben uns entschieden, dass wir von uns aus die Eskalation zurücknehmen. Das heißt, wir werden Angriffe auf führende Repräsentanten aus Wirtschaft und Staat für den jetzt notwendigen Prozess einstellen."

1993 folgte noch ein Bombenanschlag mit 200 Kilogramm Sprengstoff auf die neue Justizvollzugsanstalt Weiterstadt Hessen. Die Polizei fand damals DNA-Spuren von Staub, Klette und Garweg. Diese stimmen mit jener DNA überein, die in den vergangenen Jahren bei den Überfällen in Norddeutschland sichergestellt wurde.

Nach 1993 war Ruhe, und am 20. April 1998 ging bei der Nachrichtenagentur Reuters im Kölner Büro ein achtseitiges Schreiben ein, in dem die RAF ihre Selbstauflösung verkündete. Darin heißt es: "Vor fast 28 Jahren, am 14. Mai 1970, entstand in einer Befreiungsaktion die RAF. Heute beenden wir dieses Projekt. Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte."

Ermittler gehen davon aus, dass Mitglieder der wenig bekannten dritten Generation dann in den Untergrund gingen. Dass die Gesuchten nun eine "vierte Generation" aufbauen oder ihre Überfälle "politische" Motive haben könnten, schließen die Fahnder aus. Vielmehr sind sie sicher, "dass die Tat allein der Finanzierung des Lebens im Untergrund dienen sollte".

Kritik an der bisher nicht erfolgreichen Verhaftung übt der Bund der Kriminalbeamten. Er sieht ein Versagen der Polizei, Dienststellen in Niedersachsen würden sich gegenseitig behindern. Das LKA weist dies zurück und betont, dass sich das Netz immer enger ziehe. Warum es so schwierig ist, die Gesuchten zu fassen, erklärt Lutz Gaebel von der Staatsanwaltschaft Verden so: "Wir haben es hier mit Menschen zu tun, die es gewohnt sind, seit langem ihre Spuren zu verwischen." (Birgit Baumann aus Berlin, 5.7.2016)

  • Fahndungsfotos des deutschen Bundeskriminalamtes (BKA) zeigen Burkhard Garweg, Ernst-Volker Staub und Daniela Klette in jungen Jahren. Die drei sollen 1993 einen Sprengstoffanschlag verübt und in den vergangenen Jahren mehrere Raubüberfälle begangen haben.
    foto: apa/dpa/bka

    Fahndungsfotos des deutschen Bundeskriminalamtes (BKA) zeigen Burkhard Garweg, Ernst-Volker Staub und Daniela Klette in jungen Jahren. Die drei sollen 1993 einen Sprengstoffanschlag verübt und in den vergangenen Jahren mehrere Raubüberfälle begangen haben.

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