Elie Wiesel: Ich habe geschworen, nie leise zu sein!

Userkommentar5. Juli 2016, 10:50
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Der Holocaust-Überlebende, Friedensnobelpreisträger und Schriftsteller mahnte uns, den Ungerechtigkeiten des Menschseins und der Welt ins Auge zu sehen. Ein Nachruf

Elie Wiesel ist tot. Er – wie kein anderer – hat uns, der Welt und der Nachwelt, den Horror von Auschwitz nähergebracht. Er hat ihn persönlich verkörpert, den Holocaust-Überlebenden. Aber noch viel mehr: Er wurde zur Stimme des menschlichen Leidens selbst. Er hat das beschrieben, was Menschsein auch ist, das gesagt, wofür es bisher keine Worte gab. Er hat dem Leiden Sprache und Gesicht gegeben, und so seine Wunde im Herzen vor der Welt offengelegt: "Nie werde ich diese Nacht vergessen, die erste Nacht im Lager, die aus meinem Leben eine siebenmal verriegelte lange Nacht gemacht hat. Nie werde ich die Flammen vergessen, die meinen Glauben für immer verzehrten. Nie werde ich das nächtliche Schweigen vergessen, das mich in alle Ewigkeit um die Lust am Leben gebracht hat. Nie werde ich die Augenblicke vergessen, die meinen Gott und meine Seele mordeten, und meine Träume, die das Antlitz der Wüste annahmen" ("Die Nacht", 1962).

Erinnern und Vergessen

Wiesel repräsentierte den beständigen Kampf des Leidenden um das Erinnern und Vergessen. Er beschrieb dessen Trauer um das Verlorene sowie die Wut über die Ungerechtigkeit des Verlusts und die daraus resultierende Unmöglichkeit, weiterhin zu glauben. Er erfand das fehlende Vokabular für die Sehnsucht nach dem, was von nun an immer unerreicht bleiben würde: die Sicherheit und Zufriedenheit eines normalen Lebens, ein vages Gefühl von Glück, oder gar ein spontanes, herzhaftes Lachen. Zum eigenen Schicksal kommen Hoffnungslosigkeit und das Schuldgefühl, selbst überlebt zu haben, begleitet von dem ewigen Zweifel an Gott, ja mehr noch, die Wut auf Gott selbst: "I rarely speak about God. To God yes. I protest against Him. I shout at Him" (Interview, Paris Review, 1984).

Wer den Holocaust überlebt hat, hat alles verloren. Jeder noch so einfache Maßstab musste neu definiert werden: Das Alltägliche, bisher als selbstverständlich Geglaubte, ja, sogar das Leben und die Existenzberechtigung selbst mussten erlernt werden. Dazu kommt das Trauma, das nichts anderes ist, als die beständige Angst, das Vergangene wieder erfahren zu müssen. Der Überlebende bleibt verwundet, ratlos, hilflos, "als seien wir im Nichts umherirrende verfluchte Seelen, dazu verurteilt, bis zum Ende aller Tage Räume des Alls zu durchwandern, auf der Suche nach Erlösung, auf der Suche nach Vergessen, ohne Hoffnung, es zu finden" ("Die Nacht", 1962).

Enorme Einsamkeit

Wiesel beschrieb jedoch nicht nur die inneren Konflikte und Gefühle des Überlebenden, sondern auch die enorme Einsamkeit des Leidenden inmitten der menschlichen Gemeinschaft selbst: "Meine Augen waren sehend geworden, und ich war allein, furchtbar allein auf der Welt, ohne Gott, ohne Menschen. Ohne Liebe und ohne Mitleid. Inmitten dieser Gemeinde war ich ein fremder Beobachter" (Die Nacht, 1962). Aus genau dieser Einsamkeit und Stille heraus hat Wiesel jedoch trotz allem den Mut und die Worte gefunden, der Welt "die Nacht" zu beschreiben, die ihn umgab. Er brach mit der Isolation des menschlichen Leidens, klagte die allgemeine Berührungsangst mit Unglück und Tod offen an und mahnte uns, den Ungerechtigkeiten des Menschseins und der Welt ins Auge zu sehen: "Ich habe geschworen, nie leise zu sein, wann immer und gleichgültig wo Menschen Leid und Erniedrigung erdulden müssen. Man muss immer Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Stillschweigen bestärkt den Peiniger, niemals den Gepeinigten" (Rede anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises, 1986).

Jetzt hat Wiesel die Welt verlassen, die ihm so viel Schmerz zugefügt hat. Dennoch hat er die Menschheit immens reicher gemacht: Durch seine Stimme haben die, die verstehen wollten, erkannt, dass "die Nacht", genauso zum Menschsein gehört wie der Tag: "Um die Saite einer Geige zum Klingen zu bringen, muss man sie spannen, bis sie fast zerreißt, wenn man lockerlässt, ist sie nur noch ein Stück Draht." Mögen diese Klänge über seinen Tod hinaus die Kraft haben, die Stille um das menschliche Leiden ein für allemal laut werden zu lassen. (Kathrin Bachleitner, 5.7.2016)

Kathrin Bachleitner ist Politikwissenschafterin an der Universität Oxford.

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  • Elie Wiesel 1928–2016.
    foto: ap/bebeto matthews

    Elie Wiesel 1928–2016.

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