"La Juive": Auf beiden Seiten der Mauer

4. Juli 2016, 14:06
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München beginnt seine Opernfestspiele mit Fromental Halévys "La Juive"

Günter Krämers Inszenierung von Fromental Halévys "La Juive" (mit Neil Shikoff als Eleazar) an der Wiener Staatsoper 1999 gehört zu den bleibenden Großtaten aus der Ära Ioan Holender. Es spricht für Nikolaus Bachler, dass er Halevys einst so erfolgreiches Werk aus dem Jahre 1835 heuer an den Anfang der aktuellen Opernfestspiele gesetzt hat. Damit beendete er eine Abstinenz, die an seinem Haus 83 Jahre währte. Ganz so mutig wie er es selbst nannte ist das freilich nicht mehr.

In jüngerer Zeit zogen Jossi Wieler in Stuttgart, Peter Konwitschny in Antwerpen, Gabriele Rech in Nürnberg, Oliver Py in Lyon allesamt mit bemerkenswerten Inszenierungen nach. Mutig ist eher, dass Bachler den einstigen Skandalregisseur Calixto Bieito dafür nach München verpflichtete. Doch der Katalane, der sich längst selbst aus der Spiel- und Austobegruppe der Regisseure in die Meisterklasse seiner Zunft vorgearbeitet hat, verlegte sich so konsequent auf eine archaisch abstrakte Herangehensweise, dass ihm zwar eine geradezu beklemmende Atmosphäre gelingt, er aber gleichwohl mit dem Genre kollidiert.

Mit solch einem Zugriff ist ihm vor gerade mal vier Wochen (!) im Pariser Palais Garnier ein fulminanter "Lear" (Aribert Reimann) gelungen. Doch die Grand opéra bleibt, selbst wenn man die dafür einst obligaten Ballette streicht, musikalisch und szenisch immer noch genau das, was der Name besagt. Und eben kein Kammerspiel im Schatten einer großen Mauer.

Genau dazu hat sich in München bei Rebecca Ringst die atmosphärische Bretterwand aus Paris gemausert. Das erdrückende unüberwindbar hohe Monstrum aus zwölf Betonelementen öffnet zwar jede Menge Assoziationsräume – von der Klagemauer bis zu der neu errichteten, mit der Israel sich zu schützen versucht.

Ambivalente Figuren

Vor allem ist sie metaphorisch die Grenze in den Köpfen und Herzen, die jeder heilige Wahn dem freien Denken und menschlichen Mit-Fühlen setzt. Mit diesem abstrakten Un-Ort, dem Verzicht auf äußere Insignien der christlichen und jüdischen Religion, oder einer konkreten Zeit von geschürtem Judenhass im vorigen Jahrhundert, rückt Bieito zwar das Exemplarische von Borniertheit und Hass in den Vordergrund, zumal hier jede Figur mehr oder weniger ambivalent ist.

Aber er nimmt dem Ganzen damit auch ein Stück seiner Theaterwirkung. Alles bleibt über weite Strecken ein innerer Vorgang in den Figuren. Was dann aber mit verwendeten Versatzstücke der Wirklichkeit – wie der rabiaten Massentaufe von Kindern in Badebottichen, demonstrativ vorgezeigten blutigen Händen, einem eingespielten Slowmotion-Video auf dem ein Opferlamm geschächtet wird oder der rituellen Fußwaschung die der Kardinal bei Eleazar vornimmt – kollidiert.

Seltsam ist, dass er die Prinzessin Eudoxie als geradezu hysterische Konkurrentin Rachels um die Liebe Leopolds zeigt. Da verselbständigt sich eine potenzielle Obsession zu sehr. Zu den stärksten Szenen gehört die zwischen den beiden Frauen, die durch die Mauer getrennt und doch ganz nah sind. Vera-Lotte Böcker singt die Prinzessin nicht nur koloraturensicher, sondern spielt sie auch überzeugend.

Aleksandra Kurzak ist vom feinen Piano bis zum unbeherrschten Ausbruch, bei dem sie die Liebe zu Leopold öffentlich macht und damit ihr Ende besiegelt, eine fabelhafte Rachel. Roberto Alagna ein kaum gebrochener, sondern durchweg ernsthafter Eleazar, der auch die berühmte Arie "Rachél, quand du Seigneur" eher zornig singt.

Während sich John Osborn den wankelmütigen und im Grunde feigen Leopold (der sich Rachel erst als Christ offenbart, als es zu spät ist) ebenso sicher anverwandelt wie Ain Anger, die bei aller Strenge doch um Ausgleich bemühten Kardinal Brogni, der am Ende seine eigene tot geglaubte Tochter, doch beim Juden aufgewachsene Tochter ins Feuer schickt.

Der Chor macht aus der Verbannung in die Tableauformation das beste. Bertrand de Billy zelebriert als Gast am Pult des Bayerischen Staatsorchesters eher den geschmeidigen großen Ton, als dass er das Erregungspotential ausschöpft oder auf die vokalen Einzelnummern setzt, die Zwischenapplaus für die Sänger herauskitzeln würden. Ihr Orchester haben die Münchner jedenfalls schon enthusiastischer gefeiert.

Dass "La Juive" ein Werk ist, das genauer als uns allen lieb sein kann, wieder in die Zeit passt, vermittelte dieser Abend freilich allemal. (Joachim Lange, 4.7.2016)

Bayerische Staatsoper, München, nächste Vorstellungen: 4. und 8. Juli

  • Johannes Kammler und Aleksandra Kurzak in "La Juive" an der Bayerischen Staatsoper.
    foto: bayrische staatsoper/wilfried hösl

    Johannes Kammler und Aleksandra Kurzak in "La Juive" an der Bayerischen Staatsoper.

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