So hatte Frankreich Island im Griff

Infografik4. Juli 2016, 13:10
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Charme der Präzision schlägt kämpferische Poesie

Frankreichs Passnetzwerk beim Triumph über Island verrät einiges über den Zusammenhang von "Organisation und Entscheidung", wie es der selige Bielefelder Fußball-Systemtheoretiker Niklas Luhmann formuliert hätte. Entschieden war das Spiel im Grunde nach dem 2:0 in der 20. Minute. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Island sogar mehr Chancen kreiert, dann aber wurde die kämpferische Poesie der Nordlichter durch den diskreten Charme der französischen Präzision entzaubert.

Die Spielzüge, Pässe und Zweikämpfe werden codiert, statistisch und netzwerkanalytisch ausgewertet und interpretiert. Das Passnetzwerk bildet die Ballwege zu den drei wichtigsten Partnern jedes Spielers ab, die Kreisgrößen zeigen die Summe der Pässe.

Federführend in der Spielorganisation agierte eine robuste Tarockrunde im Zentrum zwischen Umtiti, Koscielny, Matuidi und Pogba. Hier zirkulierte der Ball so lange im Kreis, bis den Isländern schwindlig wurde. Am eklatantesten zelebrierte man das "Such-den-Ball"-Spiel gleich nach dem Seitenwechsel, nachzusehen in der Aktivitätskurve, die einen Wert von mehr als 80 französischen Pässen in fünf Minuten verzeichnete.

Luhmann beschreibt einen solchen Prozess mit der paradoxen Wendung "schließen, um zu öffnen". Und wahrlich: Die Schleusen öffneten sich und der Ball drang überfallsartig in die Tiefen des isländischen Walls ein, einmal hopp, also hoch in den Rücken der Viererkette, dann wieder tropp, ebenso flach wie präzise und allermeist vom Zauberfuß Pogbas an die willigen Empfänger Griezmann und Giroud überstellt.

Die Analysen werden von einer chronologischen Aufzeichnung des Spielverlaufs begleitet, die, in Abstände von fünf Minuten zerlegt, die Anzahl der Pässe und der Zweikämpfe der beiden Mannschaften veranschaulicht und so die Aktivitätskurve der Mannschaften am Ball und "am Mann" über die gesamte Spielzeit verdeutlicht.

Vor allem der arme isländische Innenverteidiger Arnason war von der spielerischen Wucht der Blauen so paralysiert, dass er in der Pause auf die Bank durfte. Von dort aus sah er, wie sich zum Abschluss noch ein letztes kleines isländisches EM-Wunder ereignete. Angetrieben vom nimmermüden Grimmbart Gunnarsson schenkte man den Gastgebern noch zwei schöne Tore ein und verabschiedete sich gerupft, aber nicht zerzaust.

Eine interessante Parallele zeigt uns die taktische Typologie: Im zentralen Mittelfeld gab es auf beiden Seiten eine klare Aufgabenteilung. Matuidi und G. Sigurdsson gaben eher die ballerobernden Domestiken, während Pogba und Gunnarsson mehr fürs Spiel nach vorne verantwortlich zeichneten.

Die Grafik zur taktischen Typologie setzt die Rollen der Spieler ins Verhältnis zur Performance ihres Teams. Sämtliche Werte des Passspiels (x-Achse) bzw. des Zweikampfverhaltens (y-Achse) werden über den Wert 1 normalisiert. Die Anzahl der Pässe setzt sich aus gegebenen und angenommenen Pässen zusammen, die der Zweikämpfe aus aktiven, passiven, ungerichteten Zweikämpfen. Der Wert des Einzelspielers weist seine Position innerhalb der Gesamtperformance aus und verortet ihn in Bezug auf seine taktischen und spielerischen Aufgaben.

(Helmut Neundlinger, 4.7.2016)

Analytikerinnen und Analytiker

FASresearch war bei den Weltmeisterschaften 2006, 2010 und 2014 sowie bei den Europameisterschaften 2008 und 2012 im Einsatz und beobachtet exklusiv für den STANDARD auch die laufende EURO in Frankreich.

Team: Harald Katzmair, Helmut Neundlinger, Ruth Pfosser, Andrea Werdenigg, Agnes Chorherr, Philipp Angermaier, Michael Schütz

fas-research.com

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