175 Jahre Pauschalreise: Das Schinkenbrot unter den Urlauben

5. Juli 2016, 13:10
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Die traditionellen Pauschalreiseländer liegen rund ums Mittelmeer

Berlin – Man fuhr Bahn und Alkohol war tabu: 1841 veranstalte Thomas Cook, was vielen als erste Pauschalreise gilt. Heute buchen Millionen Menschen pauschal – obwohl die Zeiten unsicherer werden. Oder gerade deshalb.

Schinkenbrot. Das klingt nicht gerade nach Sommersonne, Strand und Badeglück – nach dem, was die meisten Pauschaltouristen suchen. Doch mit Schinkenbrot fing alles an, als Thomas Cook am 5. Juli vor 175 Jahren seine erste Pauschalreise verkaufte. Und mit Tee, nicht mit Sangria: Denn der Reise-Pionier und Baptistenprediger brachte einige Hundert Menschen zu einem Abstinenzlertreffen – Tee und belegte Brote inklusive. Heute ist die Pauschalreise weltweit ein Milliardengeschäft – und doch muss sie immer wieder neu erfunden werden. Gerade im Internet-Zeitalter.

Luxus der Eliten

Wenn es draußen graupelt oder schneit: Ab ins Reisebüro, Kataloge wälzen und in wohliger Erwartung die Mittelmeer-Sonne buchen. Das ist für Millionen Deutsche noch immer der Weg in den Urlaub; alles zum Festpreis und abgesichert gegen alle Eventualitäten. "Da weiß man, was man hat", heißt es in Foren und bei Anbietern gleichermaßen. Damit machen die Veranstalter in Deutschland einen Jahresumsatz von 25 Mrd. Euro.

"Froh schlägt das Herz im Reisekittel, vorausgesetzt man hat die Mittel", reimte Wilhelm Busch zu Cooks Zeiten. Reisen war ein Luxus der Eliten – nach Italien war Goethe gereist. Für die breite Masse – ob Arbeiter in der Stadt oder Bauer auf dem Land – musste oft ein Wochenendausflug ins nähere Umland genügen.

Trend zur Individualität

Thomas Cook nahm von seinen ersten Kunden einen Schilling für die wenige Kilometer lange Bahnfahrt von Leicester nach Loughborough und empfing sie mit Blasmusik. Als Josef Neckermann die Pauschalreise Anfang der 1960er-Jahre nach Deutschland brachte, ging es schon mit dem Flugzeug nach Mallorca. Neckermanns Name bildet heute in Deutschland die Hauptmarke des Cook-Konzerns mit weltweit 22.000 Beschäftigten, 92 eigenen Flugzeugen und 200 Hotels.

Doch die Pauschalreise hat sich verändert, egal ob bei Cook oder bei anderen Anbietern von TUI bis FTI. Die Veranstalter haben gemerkt, dass viele Kunden ihre Reise individuell zusammenstellen wollen. Und auch der Trend zu Übernachtungen in Ferienwohnungen und anderen Privatunterkünften kratzt am Spitzenplatz der Pauschalreise.

Wichtigste Organistationsform

Doch Pauschal- oder Bausteinreisen sind mit 42 Prozent der Urlaubsreisen mit mindestens fünf Tagen Dauer die wichtigste Organisationsform, wie die jährliche Reiseanalyse der Kieler Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reise ergab. Vor zehn Jahren waren es noch 48 Prozent. Immer mehr Urlauber buchen Ticket und Unterkunft einzeln und nutzen internationale Vermittlungsplattformen wie Trivago und Airbnb im Internet.

Das heißt nicht, dass sich weniger Bundesbürger mit Komplettangeboten auf den Weg in die Sonne machen, denn sie sind insgesamt öfter unterwegs; der Reisemarkt ist gewachsen. 69 Millionen Reisen sind nach der FUR-Umfrage in diesem Jahr geplant – vor zehn Jahren waren es 60 Millionen.

Abschluss im Reisebüro

"Die Pauschalreise wird es auch in Zukunft geben", sagt der Eichstätter Tourismusforscher Harald Pechlaner. "Viele müssen klar kalkulieren." Das gelte auch für die Anbieter, die klare Kostenstrukturen bei Planung und Einkauf brauchten, um günstig anbieten zu können. Auf die Digitalisierung hätten sich die Großen mit eigenen Plattformen gut eingestellt. Pechlaner glaubt, dass Terroranschläge und internationale Krisen mehr Menschen bewegen, pauschal zu buchen – denn wenn die Reise ausfällt, haftet der Veranstalter.

Der Gang ins Reisebüro ist noch üblich. "Die Deutschen sind bei Käufen im Internet noch zurückhaltender", sagte TUI-Chef Friedrich Joussen kürzlich. Unter den deutschen TUI-Pauschalurlaubern buche nur jeder dritte im Internet. Der Großteil recherchiere seine Reise online, gehe aber zum Abschluss ins Reisebüro.

Sonne, Strand und Meer

"Die Pauschalreise ist nicht mehr die, die sie früher war", heißt es beim Deutschen Reiseverband, der lieber von "organisierten Reisen" spricht. Das klingt weniger nach gleichförmiger Massenabfertigung. "Heute reisen selbst Studenten organisiert, das Angebot erreicht alle Bevölkerungsgruppen", sagt Verbandssprecher Torsten Schäfer.

Sonne, Strand und Meer – das bleibe das wichtigste Ziel, die traditionellen Pauschalreiseländer liegen rund ums Mittelmeer: Spanien, Griechenland, die Türkei, Ägypten, Tunesien und Marokko. Doch die Türkei, Tunesien und Ägypten haben nach mehreren Terroranschlägen große Probleme. "Wir sehen eine Verlagerung der Reiseströme Richtung Spanien, Portugal, Griechenland, Bulgarien und Italien." (APA, dpa, Burkhard Fraune, 4.7.2016)

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    foto: apa/dpa/julian stratenschulte
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