La Gloire für Frankreich, Chapeau für Island

3. Juli 2016, 23:11
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Die bis dahin so lustvolle Sommerfahrt der Isländer wurde von Gastgeber Frankreich mit einem 5:2 gnadenlos gestoppt. Die Traumoffensive der Équipe Tricolore tobte sich so richtig aus, ehe dann Schonung für das Halbfinale gegen Weltmeister Deutschland angesagt war

Saint-Denis – Dass in unmittelbarer Nachbarschaft der Kathedrale von Saint-Denis, der Begräbnisstätte der französischen Königinnen und Könige, die Hoffnungen der EURO-Hausherren quasi beerdigt werden könnten, war doch nur ein recht ordentlicher Vorfeldwitz – sagt der französische Fan zum deutschen Anhänger: "Wir spielen heute gegen Island." Entgegnet der deutsche: "Wir am Donnerstag auch." Es blieb beim Joke, Frankreich trifft in Marseille Weltmeister Deutschland. Und die Isländer fahren im Bewusstsein heim, ohnehin irgendwie Sieger der 15. EM gewesen zu sein. Und deren wohl größten Sympathieträger.

Auch im durch 75.000 Zuseher ausverkauften Stade de France hatten sich zwischen fünf und zehn Prozent der Inselbevölkerung eingefunden, darunter der tadellos nach allen Regeln der Kunst frischgewählte Präsident Gudni Johannesson, der sich im Teamdress zu den Fans gesellte. Etwas, das François Hollande wohl nicht riskieren könnte, weshalb der französische Staatschef erneut beschalt auf der Ehrentribüne saß.

Während die Isländer auch ihr fünftes EM-Spiel mit der gleichen Startformation in Angriff nahmen, gab es in der Équipe Tricolore zwei erzwungene Umstellungen. Im defensiven Mittelfeld ersetzte Newcastles Moussa Sissoko den gesperrten N’Golo Kanté, für die Innenverteidigung musste Coach Didier Deschamps wegen der Gelbsperre gegen Adil Rami schon auf Debütant Samuel Umtiti von Lyon zurückgreifen.

Den 22-Jährigen frühstückte dann auch gleich Gylfi Sigurdsson, Island kam tatsächlich zum ersten Torschuss (3.). Ehe sich richtiger Unmut darüber Bahn brechen konnte, dass Les Bleus den Außenseiter nicht gleich mit Haut und Haaren verschlangen, überhob Blaise Matuidi die Viererkette der Isländer mit einem Traumpass und Olivier Giroud tunnelte Goalie Hannes Halldorsson zur Führung (12.). Und dass die Isländer auch in der Luft zu erwischen sind, bewies wenig später ein Eckball von Antoine Griezmann, den Paul Pogba aus gewaltigem Luftstand mit wuchtigem Kopfstoß zur Vorentscheidung verwertete (19.).

Den Mut verloren die Isländer deshalb natürlich nicht. Zwar ging spielerisch wie erwartet wenig, doch die Variante mit dem weiten Einwurft von Kapitän Aron Gunnarsson geht immer – nach Verlängerung von Kari Arnason verfehlte Jon Dadi Bödvarsson den Anschlusstreffer knapp (24.).

Griezmann Führender in Schützenliste

Den Franzosen entglitt deshalb die Kontrolle aber nicht, sie zogen das Spiel in die Breite, ließen keine Konter zu, warteten auf die nächste Gelegenheit. Die kam im Zusammenspiel von Griezmann, Giroud und Dimitri Payet, der mit links seinen dritten Turniertreffer fixierte (43.). Nach dem nächsten Laserpass Pogbas, einem Ferserl von Giroud und einem Heber von Griezmann war die Entzauberung der Isländer perfekt (45.). Der 25-jährige Stürmerstar von Atlético Madrid hatte nicht nur das 100. Turniertor erzielt, sondern mit seinem insgesamt vierten Treffer die Führung in der Schützenliste übernommen.

Dass es nach der Pause nicht so weitergehen würde, war abzusehen. Und auch, dass die Isländer nicht völlig resignieren würden. Ja sie trafen auch in ihrem letzten Turnierspiel. Kolbeinn Sightorsson rutschte mit Erfolg in eine halbhohe Flanke von Sigurdsson (56.). Den letzten Hauch von Fantasie der Isländer vertrieb aber Giroud, der nach einer Freistoßflanke von Payet per Kopf den alten Abstand wieder herstellte (59.). Danach holte ihn Coach Deschamps ebenso vom Feld wie den ebenfalls mit Gelb belasteten Laurent Koscielny. Die nachlassende Konzentration nützten die Isländer zum zweiten Treffer durch Birkir Bjarnason (84.). Sie hätten wohl gerne noch eine Spielhälfte bei dieser EURO genossen und gingen erhobenen Hauptes ab. (lü, 3.7.2016)

EM 2016, Viertelfinale:

Frankreich – Island 5:2 (4:0)
St. Denis, Stade de France, 76.833 Zuschauer, SR Kuipers (NED)

Tore:
1:0 (12.) Giroud
2:0 (20.) Pogba
3:0 (43.) Payet
4:0 (45.) Griezmann
4:1 (56.) Sigthorsson
5:1 (59.) Giroud
5:2 (84.) B. Bjarnason

Frankreich: Lloris – Sagna, Umtiti, Koscielny (72. Mangala), Evra – Pogba, Matuidi – Sissoko, Griezman, Payet (80. Coman) – Giroud (60. Gignac)

Island: Halldorsson – Saevarsson, Arnason (46. Ingason), R. Sigurdsson, Skulason – Gudmundsson, Gunnarsson, G. Sigurdsson, B. Bjarnason – Bödvarsson (46. Finnbogason), Sigthorsson (83. Gudjohnsen)

Gelbe Karten: Umtiti bzw. B. Bjarnason

Liveticker

Frankreich nach 5:2 gegen Island locker im Halbfinale

Stimmen

Didier Deschamps (Frankreich-Teamchef): "Es gibt sehr viel Positives. Die Spieler haben es absolut verdient. Wir haben heute einen sehr emotionalen Abend. Ich bin sehr glücklich. Das Team hat sich gut präsentiert. Wir haben nicht immer dominiert, aber wir haben gemacht, was notwendig war. Wir können mit viel Selbstvertrauen in das nächste Spiel gehen. Deutschland ist ein starker Gegner. Aber wir sind jetzt unter den letzten vier. Sie werden alles geben, und wir werden alles geben."

Olivier Giroud (Frankreich-Doppeltorschütze, "Spieler des Spiels"): "Wir sind unglaublich zufrieden, da war viel Qualität. Aber wir wollen uns noch weiter steigern und diese kleinen Defensivfehler ausmerzen. Gegen Deutschland würden wir dafür schwer bezahlen. Wir haben von Beginn an gezeigt, was wir können. Wir waren von Anfang an sehr konzentriert und haben gut gekämpft, damit haben wir zu Beginn des Turniers ein bisschen gekämpft. Wir gehen jetzt mit viel Selbstbewusstsein ins Spiel gegen Deutschland, aber sie sind die Weltmeister."

Samuel Umtiti (Frankreich-Teamdebütant): "Wir sind sehr gut gestartet, das hat uns bei der EM bisher gefehlt. In der zweiten Hälfte haben wir das Spiel verwaltet. Wir hätten es besser machen können, um die beiden Gegentore zu vermeiden. Es war ein guter Abend. Ich habe versucht, das Beste zu geben. Der Trainer verlangte von mir, einfach zu spielen. Das habe ich gemacht. Es gibt Dinge zu verbessern. Jeder will gegen Deutschland spielen. Wir müssen ins Finale kommen. Und wir werden alles dafür tun, um dorthin zu kommen."

Kolbeinn Sigthorsson (Island-Torschütze): "Es ist wirklich schade. Wir sind stolz auf das, was wir geleistet haben. Wir sind stolz auf unsere Fans, die uns so wahnsinnig angefeuert haben. Wir haben das gezeigt, was wir konnten. Aber die Franzosen waren wirklich besser. Wir haben, denke ich, gegen den zukünftigen Europameister gespielt. Vielleicht hätten wir in der Verteidigung noch etwas mehr leisten können. Wir waren noch etwas müde aus den letzten Spielen, aber wir haben in der zweiten Hälfte Charakter bewiesen und sind zurückgekommen."

Aron Gunnarsson (Island-Kapitän): "Wir sind froh, dass wir unseren Fans noch diese Vorstellung bieten konnten. Es war eine unglaubliche Erfahrung. Es war schwierig. Wir haben so hart gearbeitet, um hierherzukommen. Die Fans singen immer noch, es ist unglaublich. Ich finde gar keine Worte dafür. Ich möchte mich bei allen bedanken. Es zeigt, was wir hineingesteckt haben. Wir haben in der ersten Hälfte nicht das geleistet, was wir wollten. In der zweiten Hälfte ist es etwas besser gegangen."

  • Antoine Griezmann (ganz unten) erfreute sich im Stade de France an zwei Toren gegen Island, an der Führung in der Schützenliste und an der Zuneigung seiner Teamkollegen.
    foto: afp/ miguel medina

    Antoine Griezmann (ganz unten) erfreute sich im Stade de France an zwei Toren gegen Island, an der Führung in der Schützenliste und an der Zuneigung seiner Teamkollegen.

  • Kolbeinn Sigthorsson bezwingt Hugo Lloris, Blaise Matuidi schaut zu, wie die Isländer auch in ihrem letzten Turnierspiel ins Tor treffen.
    foto: reuters/charles platiau

    Kolbeinn Sigthorsson bezwingt Hugo Lloris, Blaise Matuidi schaut zu, wie die Isländer auch in ihrem letzten Turnierspiel ins Tor treffen.

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