2000: Die Herzschlag-Endrunde

3. Juli 2016, 18:19
43 Postings

Das Turnier in Belgien und den Niederlanden schien von der europäischen Herztropfenindustrie gesponsert: Ein Thriller jagte den nächsten

Manchmal braucht der Fußballfan ein starkes Herz. Zum Beispiel zwischen 10. Juni und 2. Juli 2000. Die Endrunde in Belgien und den Niederlanden schien von der europäischen Herztropfenindustrie gesponsert: Thriller um Thriller, beginnend in der Vorrunde mit zwei Hauptschuldigen. England verlor trotz jeweiliger Führung zwei Mal 2:3, Jugoslawien wollte es noch spannender. Erst holte das Team von Co-Torschützenkönig Savo Milošević binnen sechs Minuten ein 0:3 gegen Slowenien auf, dann sorgte es gemeinsam mit Spanien für einen Klassiker des jungen Jahrtausends. Die Iberer brauchten im letzten Gruppenspiel einen Sieg zum Aufstieg, dreimal gingen die Jugoslawen in Führung, dreimal glich Spanien aus, das 3:3 fiel erst in der 94. Minute. Aber da war ja noch Zeit. Die 96. Minute: langer Ball in den Strafraum, Kopfball, Direktabnahme Alfonso Pérez, spanische Ekstase. Da waren Portugals 1:0 gegen Rumänien (94. Minute), Italiens 2:1 gegen Schweden (88.) oder Hollands 1:0 gegen Tschechien (89.) nur Randnotizen.

Die Herzkasperlgefahr blieb den jugoslawischen Fans auch in der K.-o.-Phase treu, diesmal aber aus anderen Gründen. Im späteren Finalstadion De Kuip tanzte Oranje zu einem 6:1. So erarbeiteten sich die Niederlande eine ordentliche Fallhöhe, die sie im Halbfinale gegen Italien genüsslich zu einem Krater verarbeiteten. 0:0 nach Verlängerung, Frank de Boer und Patrick Kluivert verschossen schon in der regulären Spielzeit je einen Elfmeter. Jaap Stam und Paul Bosvelt taten es ihnen im Penalty-Shootout gleich, De Boer scheiterte gleich noch mal. Ab ins Finale mit Italien. Das andere Halbfinale, Frankreich vs. Portugal, entschieden bunte Mähnen. Der blonde Abel Xavier wurde in der Verlängerung an der Hand getroffen, der ergrauende Austro-Referee Günter Benkö entschied auf Elfmeter, Portugal-Schönling Nuno Gomes sah wegen Kritik mitsamt seiner Prachtfrisur Rot, und der braun behaarkranzte Zinédine Zidane machte dem Spektakel per Golden Goal ein Ende.

Und weil eine gute EM ihrer Linie treu bleibt, übte der Blutdruck auch im Finale wieder Stabhochsprung. Italien wähnte sich mit 1:0 schon als Europameister, Sylvain Wiltord erhob in der 94. Minute mit einem Flachschuss Einspruch. Also wurde mal wieder gegoldengoalt: Diesmal traf der 22-jährige David Trezeguet mit einem Halbvolley.

Österreich hatte sein Maß an Aufregung schon in der Quali genossen. In der begab sich das legendäre 0:9 gegen Spanien in Valencia, das Teamchef Herbert Prohaska resignieren ließ. Und ein 0:5 in Israel unter Otto Baric, das bei Punktegleichheit gegen die Österreicher und für die Israelis entschied, die als Gruppenzweite hinter Spanien in die Relegation kamen, dort aber mit insgesamt 0:8 an Dänemark scheiterten. (Martin Schauhuber, 3.7.2016)

  • Halbfinale Frankreich vs. Portugal: Ein Handspiel von Abel Xavier veranlasste Österreichs Referee Günter Benkö zu einem folgenschweren Pfiff.
    foto: epa/srdjan suki

    Halbfinale Frankreich vs. Portugal: Ein Handspiel von Abel Xavier veranlasste Österreichs Referee Günter Benkö zu einem folgenschweren Pfiff.

Share if you care.