EU-Mitgliedschaft: Zweite Chance für die Briten

Kommentar3. Juli 2016, 18:26
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In eigenem Interesse sollten die EU-Partner den Briten auch die Möglichkeit zum Verbleib in der EU offenlassen. Alle Beteiligten sollten erst gründlich nachdenken, dann entscheiden

Nach einer "total verrückten Woche, die Großbritannien ins Wanken gebracht hat" (wie "Le Monde" schrieb), scheint klar: "Out is out", draußen heißt draußen. Am EU-Austritt des Landes führt kein Weg vorbei. Das ist zumindest die klare Botschaft, die die politischen Spitzen der EU-27 den Briten übermittelt haben: Es werde weder Zugeständnisse noch Verhandlungen geben, bevor die Regierung nicht den Austrittsantrag gestellt hat.

Aber stimmt das auch? Beweisen die EU-27 mit dieser Haltung tatsächlich wahre Stärke, mit der sie weitere Abspaltungen in der Gemeinschaft verhindern können? Und ist das überhaupt sinnvoll und verantwortlich? Diesbezügliche Zweifel mehren sich mit jedem Tag, vor allem bei jenen, die sich daran erinnern, dass das "Projekt EU" immer wieder Rückschläge und ablehnende Referenden gesehen hat, die später mit anderen Lösungen wettgemacht wurden. Auch Völker können irren, Großbritannien könnte zerfallen.

Der Großmeister der deutschen und europäischen Einigung, Helmut Kohl, sprach es als Erster aus: Man darf den Briten jetzt die Tür nicht ganz zuschlagen. Alle Beteiligten sollten erst gründlich nachdenken, dann entscheiden. Theresa May, die Chancen hat, David Cameron zu beerben, hat bereits gesagt, dass sie erst über den Verbleib im Binnenmarkt reden will, noch bevor der Antrag gekommen ist. Das klingt nach Exit aus dem Brexit. Wer weiß? Die EU-Partner sollten den Briten diese Chance bieten – in eigenem Interesse. (Thomas Mayer, 3.7.2016)

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