Vorstellungsgespräch eines Träumers

3. Juli 2016, 18:00
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Stürmer Hal Robson-Kanu verzückt Wales. Er hat bereits zwei Tore erzielt und plant im Halbfinale gegen Portugal weitere Taten. Der 27-Jährige ist übrigens auf Vereinssuche. Er dürfte fündig werden

Dinard – Seit Freitag ist Hal Robson-Kanu arbeitslos. Er gehört zu den neuen Helden der EURO in Frankreich, dabei hat er jetzt nicht einmal mehr einen Verein. Das ist ihm aber so etwas von wurscht, Existenzängste mögen andere Kicker haben. "Jetzt habe ich meine Zukunft in den eigenen Händen, das ist wichtig für mich und meine Familie", sagt der walisische Stürmer. Geht es nach den englischen Wettanbietern, verschlägt es den 27-Jährigen bald zu Swansea City. Spätestens nach seinem Traumtor im Viertelfinale gegen Belgien (3:1) kann er sich seinen neuen Klub ganz entspannt selbst aussuchen. Dass Red Bull Salzburg Interesse zeigt, ist freilich nicht einmal ein Gerücht.

Die Drehung

Robson-Kanu löst neuerdings Schwärmereien aus. "Er verwandelte sich in eine Mischung aus Johan Cruyff, Lionel Messi und Pelé", schrieb der englische Mirror. Drei belgische Verteidiger hatte Robson-Kanu mit einer cleveren Drehung im Strafraum aussteigen lassen und mit dem 2:1 das wohl wichtigste Tor seiner Laufbahn erzielt. Er wurde zum Spieler des Spiels gewählt, und der erstaunliche EM-Neuling Wales hat am Mittwochabend im Halbfinale gegen Portugal die Chance auf den Finaleinzug.

"Wir sind auf Wolke sieben und haben unsere Nation stolz gemacht. Wir wollen mehr", sagt Robson-Kanu. Die Suche nach einem neuen Verein kann warten. Nach zwölf Jahren war sein Vertrag beim englischen Zweitligisten FC Reading am Donnerstag ausgelaufen, prompt nutzte er am ersten Tag der Arbeitslosigkeit die EURO als eine Art Vorstellungsgespräch. "Ich war zwölf Jahre in Reading und habe ihnen viel gegeben. Ich war sehr loyal, habe mich aber im Laufe der Saison dazu entschieden, den Vertrag auslaufen zu lassen", sagte Robson-Kanu.

In der abgelaufenen Saison erzielte der Stürmer nur fünf Tore in 35 Spielen, in der Nationalmannschaft sind es bisher vier Treffer bei 34 Einsätzen, davon zwei in Frankreich. Das erste schoss er in der Gruppenphase beim 2:1 gegen die Slowakei. Trotz dieser eher mageren Zahlen haben ihm Fans einen eigenen Song gewidmet. Auf den 90er-Hit Push It von Salt'N'Pepa dichteten die walisischen Anhänger kurzerhand eine eigene Version: "Hal ... Rob-son ... Hal Robson-Kanu. Hal ... Rob-son ... Hal Robson-Kanu". Genau wie Will Grigg's on Fire bei den Nordiren ist der Song in Wales längst Kult.

Geboren in England

Dass sie Robson-Kanu derart bejubeln können, ist vor allem dessen walisischer Oma zu verdanken. Denn ihr Enkerl wurde im Westen Londons geboren und spielte bis zur U20 für die Three Lions. Erst seit 2010 trägt er den roten Drachen. "Wir arbeiten seit Jahren auf diese Erfolge hin und sind jetzt einfach nur glücklich, dass es so geklappt hat", sagte Robson-Kanu.

Gegen Portugal ist der Sturmpartner von Superstar Gareth Bale nun besonders gefordert. Nach der Gelbsperre für Spielmacher Aaron Ramsey wird es noch mehr auf seine Durchschlagskraft ankommen. "Sicher sind wir die Underdogs, aber wir haben Qualität", sagte Robson-Kanu.

Vor dem ersten großen Halbfinale in der walisischen Fußballgeschichte konzentriert sich ohnehin alles auf das Privatduell zwischen Bale und Cristiano Ronaldo. Robson-Kanu hat vor dem Aufeinandertreffen der beiden Teamkollegen von Real Madrid eine klare, unumstößliche Meinung: "Beide sind selbstverständlich Weltklassespieler. Aber wir haben den Weltklassespieler, der besser ist."

Teamchef Chris Coleman spekuliert mit dem Coup, verlangt von seinen Spielern weiterhin Mut. "Fürchte dich nicht davor, Träume zu haben. Denn nur dann kannst du das Unmögliche schaffen." Er nannte Robson-Kanu als Musterbeispiel: "Er lebt seinen Traum. So muss es sein." (red, sid, 3.7.2016)

  • Der Waliser Hal Robson-Kanu setzt zum Flug an. Er ist mittlerweile wieder in Frankreich gelandet. Rechtzeitig vor dem Halbfinale.
    foto: imago/belga

    Der Waliser Hal Robson-Kanu setzt zum Flug an. Er ist mittlerweile wieder in Frankreich gelandet. Rechtzeitig vor dem Halbfinale.

  • Teamchef Chris Coleman fordert von seinen Walisern weiterhin Mut ein. "Denn nur so kannst du das Unmögliche schaffen."
    foto: imago/bpi

    Teamchef Chris Coleman fordert von seinen Walisern weiterhin Mut ein. "Denn nur so kannst du das Unmögliche schaffen."

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