Weiblicher Kampf um britisches Premiersamt

4. Juli 2016, 09:00
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Theresa May geht als Favoritin ins Rennen um die Nachfolge Camerons. Doch Andrea Leadsom präsentiert sich als Alternativkandidatin

Die Kontrahenten um die Nachfolge von Premier David Cameron haben sich übers Wochenende mit unverminderter Härte attackiert. Umfragen sowie Stimmungsbildern aus konservativen Wahlkreisen zufolge geht Innenministerin Theresa May als klare Favoritin auf das Amt des Partei- und damit auch Regierungschefs in die erste Abstimmungsrunde der 331 konservativen Unterhaus-Abgeordneten am Dienstag. Während May vorgezogene Neuwahlen erneut ausschloss und sich als Kandidatin der Stabilität präsentierte, versuchten ihre vier Konkurrenten, den Vorsprung der 59-Jährigen zu verringern. Sozialminister Stephen Crabb sprach davon, die Seifenoper der vergangenen Woche habe das Land "international zu einer Lachnummer gemacht".

Crabbs Bemerkung bezog sich auf die Art, wie der Brexit-Vorkämpfer Boris Johnson am Donnerstag aus dem Rennen schied – wenige Stunden nachdem sein eigener Wahlkampfmanager Michael Gove den Hut in den Ring geworfen hatte. Er sei kein "politischer Auftragsmörder", beteuerte Justizminister Gove. In der Partei hat sich erheblicher Unmut gegen den früheren Vertrauten Camerons aufgebaut, der nacheinander den Premier und seinen Brexit-Alliierten im Stich ließ. Johnsons Schwester Rachel, Journalistin und Herausgeberin, bezeichnet Gove in einer Kolumne in der "Daily Mail" sogar als eine Art "Selbstmordattentäter von Westminster".

Dem Reglement der Tory-Party nach wählt die Fraktion in notfalls mehreren Anläufen die zwei populärsten Kandidaten. Diese werden dann den rund 150.000 Mitgliedern zur Auswahl vorgelegt. In diesem Fall könnte es sich um zwei Kandidatinnen handeln: Im Lager der EU-Feinde genießt Energie-Staatssekretärin Andrea Leadsom erhebliche Sympathien. Im "Sunday Telegraph" ließ sie sich als Miniausgabe der Eisernen Lady Margaret Thatcher vorstellen und verwies ausdrücklich auf ihr Familienleben: "Sonntags koche ich für meinen Mann und meine drei Kinder."

Keine Kinder, kein Selbstmitleid

Die schamlose Vermarktung der Leadsom-Kinder dient als Kontrast zur Favoritin May. Mit ihrem Mann habe sie sich Kinder gewünscht, berichtete die 59-Jährige, als Einzelkind aufgewachsene Frau der "Mail on Sunday": "Aber es kam nicht dazu. Und ich gehöre zu den Leuten, die sich nicht mit Selbstmitleid aufhalten."

May gilt als kühl und kompetent und verkörpert damit Eigenschaften, die dem Land seit dem Brexit-Votum abhanden gekommen zu sein scheinen. Die Innenministerin gehört keiner Seilschaft an, im persönlichen Gespräch wirkt sie eher spröde. Smalltalk sei mit ihr gar nicht möglich, beklagte sich der damalige Vizepremier Nick Clegg von den Liberaldemokraten beim Premierminister. "Mach dir nichts draus, Nick", soll Cameron geantwortet haben: "Mir geht es ganz genauso."

In ihrer Bewerbungsrede versuchte May, die im politischen London verbreiteten Urteile über sich in Vorteile umzuwandeln: Sie trage nun mal das Herz nicht auf der Zunge. Ihre Motivation in der Politik beziehe sie nicht aus persönlichem Ehrgeiz. "Ich bin Tochter eines Landpfarrers und Enkelin eines Oberstabsfeldwebels. Der Dienst am Gemeinwesen hat mich definiert, solange ich denken kann." Parallelen mit der Pfarrerstochter und Bundeskanzlerin Angela Merkel oder mit Thatcher wehrt May ab.

Spekulationen über Beendigung des Wahlvorgangs

Einer Umfrage der Firma ICM zufolge wünschen sich 60 Prozent der Tory-Wähler May als neue Premierministerin. Ihre Zustimmungsrate unter den Parteimitgliedern, deren Stimmen am Ende den Ausschlag geben, beträgt demnach 46 Prozent. Sollten sich am Dienstag mehr als 50 Prozent der Fraktionskollegen und -kolleginnen für die 59-Jährige entscheiden, könnten Rufe nach einer Beendigung des Wahlvorgangs laut werden, um dem Land politische Stabilität zu verleihen.

Diese Spekulationen, ausdrücklich von May zurückgewiesen, sorgen im Brexit-Lager für Aufregung. Der Vorsitzende des Europa-Ausschusses im Unterhaus, Bill Cash, will sogar die Gerichte anrufen, sollte den Parteimitgliedern das Votum verweigert werden. May sei viel zu europafreundlich, glaubt der langjährige EU-Feind. Ohnehin dürfe niemand Premier werden, der nicht für den Brexit argumentiert habe.

Nicht zuletzt deshalb fordert May aktuell, im Rahmen eines neuen Handelsabkommens mit Brüssel die Einwanderung von EU-Bürgern zu begrenzen. Zudem erteilt sie allen Spekulationen auf ein zweites Referendum eine Absage. Bevor ihr Land einen Austrittsantrag stelle, müsse aber die Verhandlungsposition klar sein. Sie würde Artikel 50 in diesem Jahr nicht mehr auslösen. (Sebastian Borger aus London, 4.7.2016)

  • Theresa May will die nächste britische Premierministerin werden.
    foto: reuters / dylan martinez

    Theresa May will die nächste britische Premierministerin werden.

  • Parteiinterne Gegnerinnen wie Energie-Staatssekretärin Andrea Leadsom zielen gnadenlos auf Mays vermeintliche Schwachstellen: die Unterstützung für den EU-Verbleib und ihre Kinderlosigkeit.
    foto: apa/afp/chris j ratcliffe

    Parteiinterne Gegnerinnen wie Energie-Staatssekretärin Andrea Leadsom zielen gnadenlos auf Mays vermeintliche Schwachstellen: die Unterstützung für den EU-Verbleib und ihre Kinderlosigkeit.

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