Jazzfest Wien: Von Miniaturen und Meistern

4. Juli 2016, 08:00
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Der 88-jährige Burt Bacharach beehrte Wien mit raffiniert-komplexen harmonischen und rhythmischen Wendungen. Diana Krall war wie immer Meistern des herben, vokalen Understatements

Wien – Wie sich die Wege mitunter – auf groteske Art und Weise – nicht kreuzen wollen: "Das nächste Lied ist von Burt Bacharach", haucht Diana Krall im Wiener Konzerthaus und stimmt am Samstag eine delikate Version von The Look of Love an. Es ist dies einer von gefühlten 300 Songs, die der US-Komponist selbst am Freitag in Wien gehaucht hatte.

Der 88-Jährige beehrte zum Beginn des Jazzfestes Wien die Staatsoper und organisierte vom Klavier aus vital eine Band, die – etwa ob des aus der Retorte kommenden Streichersounds – leider einen billigen Eindruck von jenen Meisterwerken hinterließ, die Bacharach vornehmlich in den 1960ern und 1970ern (vielfach mit Texter Hal David) schuf.

Songs wie Walk on By, This Guy's in Love with You oder Raindrops Keep Fallin' on My Head sind melodische Oasen einer unbeschwert daherkommenden urbanen Romantik, in denen der Alltag quasi mit trostvoll-melancholischer Aura aufgeladen wird.

Viel Meterware dabei an diesem Abend

Was so simpel klingt, ist in Wahrheit gespickt mit raffiniert-komplexen harmonischen und rhythmischen Wendungen, wobei natürlich viel Meterware dabei ist an diesem Abend. Um einen Song wie I Say A Little Prayer schreiben zu können, müssen wohl hunderte Lieder vorgeschrieben werden. Und Bacharach schätzt sie alle. Sympathisch. Er hätte nur besser disponierte "Chordamen" engagieren können, um die Würde des Songs zu bewahren (der Herr war immerhin sehr gut).

Bacharach als Sänger, der auch in den US-Präsidentschaftswahlkampf eintaucht ("Ich hoffe, Hillary kommt rein und räumt auf"), ist in eine Sphäre abseits aller Kriterien angelangt. Sein Vortrag ist zerbrechlicher Sprechgesang, er transportiert aber jene Magie des Authentischen, die keine großartige Stimme ersetzen könnte. Schön, dass er da war.

Ein Flower-Power-Hadern wird intim

Jemand wie Diana Krall an seiner Seite hätte natürlich alles veredelt. Krall ist eine Meisterin des herben, vokalen Understatements. Selbst ein alter Flower-Power-Hadern wie California Dreamin' (von The Mamas and the Papas) wird zur intimen Erzählung. Wie immer ist jene Krall umgebende Band gediegen. Wie immer ist ihr Klavierspiel eine runde Mainstream-Sache.

Und wie immer ist Krall am intensivsten, so sie ohne Band Ballade haucht – etwa The Look of Love von Genie Bacharach, der zu diesem Zeitpunkt wohl Wien längst verlassen hatte. (Ljubisa Tosic, 4.7.2016)

Montag beim Jazzfest: Beth Hart, 19.30

  • Unmenge Hits: Burt Bacharach in der Staatsoper beim Jazzfest Wien.
    foto: apa/punz

    Unmenge Hits: Burt Bacharach in der Staatsoper beim Jazzfest Wien.

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