"Menschen wollen sich täuschen lassen"

Interview9. Juli 2016, 01:48
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Der große EM-Zirkus neigt sich dem Ende zu. Für Filmemacher und Investigativ-Journalist Benjamin Best sind sportliche Großereignisse eine Geldmaschine, Wettbetrug bezeichnet er als "perfektes Verbrechen". Und die Konsumenten? Die nützen ihre Macht nicht aus

DER STANDARD: Die EURO ist fast vorbei, es gab bisher keinen Verdacht auf Wettbetrug. Steigt die Gefahr dennoch, je mehr kleine Nationen bei einem Großereignis teilnehmen?

Benjamin Best: Durch die Turnierform kommt es im Fußball immer wieder zu Spielen in der Gruppenphase, in denen es um nichts mehr geht. Das diese im Fokus von Wettbetrügern stehen, ist nichts Neues. Die gute Nachricht: Dass sich nun die besten Drittplatzierten qualifizieren, steuert Spielmanipulationen entgegen. Die Schlechte: Das Niveau sinkt.

DER STANDARD: Die EURO schlägt sich wie ein 13. Monat in den Bilanzen der Wettanbieter nieder. Bei einem EM-Spiel setzen die Österreicher viermal so viel wie bei einem Bundesligaspiel. Trotz laufender Skandale um UEFA und FIFA. Ist das Publikum abgestumpft?

Best: Sportwetten boomen weiter. Fußball ist in erster Linie Unterhaltungskultur, da gehören Wetten dazu. Kein Zuschauer kann mehr diese vier Buchstaben des Weltfußballverbandes sehen. Einerseits herrscht Freude auf das Spiel, andererseits aber auch der totale Vertrauensverlust in Funktionäre und Sportler. In Brasilien sind die Massen schon im Vorfeld der WM auf die Straße gegangen. Eine große Fußballstimmung herrschte dort nicht. Das Gleiche passiert jetzt vor den olympischen Spielen. Das ist eine bedenkliche Entwicklung.

DER STANDARD: In ihren Recherchen erscheint der Kampf gegen die Wettmafia ziemlich aussichtslos. Ist dem so?

Best: Ja, leider. Wettbetrüger agieren über Landesgrenzen hinweg. Sie zu verfolgen, kostet viel Zeit und Ressourcen, die nicht zur Verfügung stehen. Ein Paradebeispiel ist die Kriminalpolizei Bochum. Im Zuge des großen Wettskandals 2009 (über 30 verschobene Spiele allein in Deutschland, Anm.), ermittelten dort 30 Beamte, heute sind es noch zwei. Wir sehen dieser Tage was in der Welt Priorität hat: Der Kampf gegen den Terror und die Flüchtlingsfrage. Spielmanipulationen bleiben aber ein einträgliches Geschäft. Wettbetrug im Sport ist das perfekte Verbrechen. Weil es einfach zu organisieren und so schwer nachzuweisen ist.

DER STANDARD: In China wurden zuletzt Einnahmen über 3,7 Millionen Euro aus illegalen Online-Wetten von der chinesischen Polizei eingefroren. Bleibt Asien der Hotspot für Wettbetrug?

Best: Nein. Momentan gibt es mehrere Spiele in der niederländischen Liga, die unter Betrugsverdacht stehen. Ebenso eine Partie in Dänemark. Das passiert in Europa. Das betrifft uns direkt vor der Haustür.

DER STANDARD: Auch die Ausrichtung von Großereignissen ist mittlerweile eine Milliardenindustrie. Sind saubere Fußball-Weltmeisterschaften oder olympische Spiele in Zukunft noch möglich?

Best: Die nahe Zukunft heißt Fußball-WM 2018 in Russland und 2022 Katar. Französische Behörden ermitteln bezüglich der Vergabe der olympischen Spiele nach Rio und Tokyo. Da ziehen wieder dunkle Wolken auf. Da gibt es keinen Silberstreifen. Diese Großereignisse konkurrieren gegeneinander unter dem olympischen Motto "Schneller, höher, stärker". Jedes sportliche Großereignis muss besser sein als das vorige, koste es was es wolle.

DER STANDARD: Was war das Absurdeste, auf das Sie während Ihrer Recherchen gestoßen sind?

Best: Geisterspiele im Fußball. Das sind Spiele auf die man wetten kann, die gar nicht stattfinden. Dabei schaffen es Wettsyndikate, dass "ihre" Spiele ins Portfolio von Wettanbietern aufgenommen werden. Die Scouts, die vor Ort kontrollieren sollen, ob ein Spiel tatsächlich stattgefunden hat, werden dann bestochen und geben ihre Match-Daten anhand eines vorgegebenen Drehbuchs der Wettmafia in den Computer ein.

DER STANDARD: Der entscheidende Unterschied zwischen Sport und der Filmwelt liegt darin, dem Publikum ein Gefühl zu vermitteln, das das cineastische Erlebnis niemals liefern kann: Authentizität. Nach dem Motto: Nichts ist gesteuert und alles ist möglich?

Best: Das ist leider immer öfter nicht der Fall. Weil immer öfter Personen im Hintergrund die Fäden ziehen. Je professioneller der sportliche Wettbewerb, desto schwieriger wird es aber. Bei einem Halbfinale einer EURO gehe ich davon aus, dass alles sauber ist.

DER STANDARD: Ist der Sport die größte Bewusstseinstäuschung unserer Zeit?

Best: Meine Erfahrung geht absolut in diese Richtung. Die Zuschauer haben eine Macht, nutzen sie aber nicht. Die Stadien sind voll, die Fernsehanstalten haben Rekordeinschaltquoten. Man muss das nicht zwingend konsumieren. Aber die Menschen wollen sich täuschen lassen. Das ist das Schizophrene.

DER STANDARD: Können sie sich ein Fußballspiel ohne Vorbehalte anschauen?

Best: Große Spiele verfolge ich noch, die olympischen Spiele gar nicht mehr. Die heile Weilt, die durch Treffen des IOC-Präsidenten mit Staatsoberhäuptern vorgespielt wird, kann ich mir nicht mehr anschauen. (Florian Vetter, 9.7.2016)

Benjamin Best (39) ist Filmemacher und Investigativjournalist. Der Deutsche zeichnete zuletzt mit seinem Dokumentarfilm "Dirty Games" ein erschütterndes Bild dunkler Machenschaften im Sportgeschäft. 2013 veröffentlichte er das Buch "Der gekaufte Fußball – Manipulierte Spiele und betrogene Fans".

  • Benjamin Best, Fernsehjournalist und Sportbetrugsexperte, sagt über seinen Film "Dirty Games": "Ich will wissen, wie die permanente Korruption und Spielmanipulation im Sport bei den normalen Leuten ankommt."
    foto: w-film, benjamin best productions

    Benjamin Best, Fernsehjournalist und Sportbetrugsexperte, sagt über seinen Film "Dirty Games": "Ich will wissen, wie die permanente Korruption und Spielmanipulation im Sport bei den normalen Leuten ankommt."

  • Der Angriff auf ein nationales Heiligtum ist nicht lange her: Der türkische Fußball wurde von einem Wettskandal biblischen Ausmaßes erschüttert.
    foto: w-film, benjamin best productions

    Der Angriff auf ein nationales Heiligtum ist nicht lange her: Der türkische Fußball wurde von einem Wettskandal biblischen Ausmaßes erschüttert.

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