Das komplizierte Leben nach dem Brexit

4. Juli 2016, 12:54
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Ein britischer Exit aus dem EU-Binnenmarkt würde Exporteuren das Leben erschweren – durch verschiedene Steuersätze und viel Papierkram

Wien – "Im Augenblick wird sich nichts ändern. Aber die Unsicherheit, wie es in den nächsten Jahren weitergeht, wird jede Investitionsentscheidung prägen." So beschreibt der belgische Wirtschaftsprüfer Frans Vershelden, Chef des weltweiten Steuerberaternetzwerkes Moore Stephens, die Folgen der Brexit-Entscheidung für Unternehmen.

Vor allem Konzerne mit Sitz in London müssten sich überlegen, wie sie auf einen Austritt Großbritanniens nicht nur aus der EU, sondern auch aus dem europäischen Binnenmarkt, reagieren sollen. "Alles würde dann viel, viel komplizierter werden", sagt Vershelden im Standard-Gespräch. Moore Stephens, das mit 2,7 Milliarden Dollar Umsatz und einer Präsenz in 108 Ländern zu den zehn größten Steuerberatungsgruppen der Welt gehört, hielt vergangene Woche ihr internationales Halbjahrestreffen in Wien ab.

Maßnahmen gegen Steuervermeidung

Zwei Steuerthemen wären vom Brexit besonders betroffen, das eine in der Praxis wichtig, das andere für die Steuerpolitik, erläutern Vershelden und sein Wiener Kollege Peter Wundsam, Chef von Moore Stephens Österreich: Die zukünftigen Umsatzsteuersätze und die britische Umsetzung der gerade beschlossenen Maßnahmen gegen die Steuervermeidung von Konzernen.

Bei einem Austritt aus dem Binnenmarkt hätte Großbritannien mehr Freiheit, verschiedene Mehrwertsteuersätze einzuführen. Diese sind derzeit in der EU auf drei Tarife beschränkt. Das britische Vorhaben, die Umsatzsteuer auf Tampons abzuschaffen, scheiterte im Vorjahr an dieser Regelung. "Bei einem Brexit könnte es in Großbritannien viele verschiedene Sätze geben", sagt Wundsam. "Das hätte große Auswirkungen auf die Preispolitik von Exportunternehmen."

Verkäufe in Großbritannien mühsamer

Aber jeder Verkauf in Großbritannien – oder was davon nach dem Brexit übrigbleibt – würde sich nach einem Austritt aus dem Binnenmarkt mit seinen vereinfachten Regeln mühsamer gestalten, mit unzähligen Formularen, zahlreichen Registrierungen, Zöllen und Steuernachzahlungen, sagt Wundsam. Das gleiche gelte für britische Unternehmen auf dem europäischen Markt.

"Mit einer britischen Umsatzsteuernummer hat man automatisch einen Umsatzsteuerstatus in jedem EU-Staat, und dann ist die Zahlung viel einfacher als für Unternehmen von Drittstaaten wie den USA. Wenn die Briten darauf nicht verzichten wollen, dann müssen sie im Binnenmarkt bleiben." Das wäre etwa durch eine Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) möglich.

Eine spannende Frage ist, ob Großbritannien das gerade in der EU beschlossene Steuervermeidungspaket umsetzen wird. Dies muss bis Ende 2018 geschehen – der Zeitpunkt, an dem der Brexit frühestens vollzogen werden wird. Da geht es etwa um die Verrechnungspreise, die Gesellschaften innerhalb von Konzernen verwenden und mit denen man leicht Gewinne von einem Land ins andere verschieben kann. Die neuen EU-Regeln basieren auf einem unverbindlichen Übereinkommen in der OECD, zu der alle Industriestaaten gehören, und verlangen von Unternehmen eine weitreichende Dokumentation ihrer internen Kostenrechnung.

Was setzt London um?

"Großbritannien ist zur Umsetzung verpflichtet, solange es EU-Mitglied ist, und es wird auch nicht allzu weit von den OECD-Empfehlungen abweichen", sagt Vershelden. Allerdings hätten die USA das Abkommen noch nicht unterzeichnet, und es sei vorstellbar, dass London hier ebenfalls Schlupflöcher sucht, um eigenen Unternehmen Vorteile im internationalen Wettbewerb zu verschaffen. "Europäische Firmen wären dann im Nachteil, aber dazu kommt, dass alles viel komplizierter wäre, wenn große Länder unterschiedliche Regeln anwenden", sagt Vershelden.

Auch die Einheitlichkeit der Qualitätssicherung der Abschlussprüfung (audit regulation oversight) wäre gefährdet. Gewinner einer solchen Situation wären vor allem Berater, etwa wie die von Moore Stephens.(Eric Frey, 4.7.2016)

  • Sparbüchsen mit dem Union Jack sind vor allem für Touristen in London gedacht. Wer auf dem Kontinent für den britischen Markt produziert, muss sich bei einem Brexit auf neue Hürden einstellen.
    foto: afp/joe raedle

    Sparbüchsen mit dem Union Jack sind vor allem für Touristen in London gedacht. Wer auf dem Kontinent für den britischen Markt produziert, muss sich bei einem Brexit auf neue Hürden einstellen.

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