Eulenspiegeliade nach Wittgenstein

Infografik3. Juli 2016, 15:16
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Die verflixte deutsche Dreierkette erzeugte eine Balance zwischen Tief und Breite, die die Italiener in (Rasen-)Schach hielt

Beginnen wir mit einem berühmten Zitat aus der experimentellen Fußballliteratur: "Eine Dreierkette ist eine Dreierkette ist eine Dreierkette." Wie einst Ludwig Wittgenstein, der Grandseigneur der österreichischen Taktikphilosophie und Vordenker des großen Ernst Happel, in seinem Hauptwerk "Ballesterische Untersuchungen" feststellte, erschließt sich die tiefere Bedeutung dieses Satzes in seinem Gebrauch.

Die Spielzüge, Pässe und Zweikämpfe werden codiert, statistisch und netzwerkanalytisch ausgewertet und interpretiert. Das Passnetzwerk bildet die Ballwege zu den drei wichtigsten Partnern jedes Spielers ab, die Kreisgrößen zeigen die Summe der Pässe.


Während die italienische Defensive (Barzagli-Bonucci-Chiellini) von dem Satz quasi gewohnheitsmäßig Gebrauch macht, tun es die Deutschen (Höwedes-Boateng-Hummels) immer nur dann, wenn sie auf die Italiener treffen. Bereits im Vorfeld der EM war es beim 4-1-Testtriumph zu einer für die Squadra Azzurra äußerst schmerzhaften Erprobung dieser taktischen Eulenspiegeliade gekommen. Und auch im EM-Viertelfinale entfaltete sich das deutsche Aufbauspiel mit phasenweise furchterregender Tiefenschärfe.

Die Analysen werden von einer chronologischen Aufzeichnung des Spielverlaufs begleitet, die, in Abstände von fünf Minuten zerlegt, die Anzahl der Pässe und der Zweikämpfe der beiden Mannschaften veranschaulicht und so die Aktivitätskurve der Mannschaften am Ball und "am Mann" über die gesamte Spielzeit verdeutlicht.

Im Gegensatz zu den Spaniern, deren zentralistisch organisierte Rotation sich im Achtelfinale in den smarten Netzen der italienischen Konterkunst verheddert hatte, erzeugten die Deutschen eine elastische Balance zwischen Tiefe und Breite, die die Italiener nicht nur in (Rasen-)Schach hielt, sondern auch unangemeldete Besuche im eigenen Strafraum weitgehend unterband. Dass die Deutschen aus ihrer Dominanz vergleichsweise wenig Gefahr erzeugten, lag nicht zuletzt an der neuerlich beinahe fehlerlosen Performance der italienischen Defensive.

Die Grafik zur taktischen Typologie setzt die Rollen der Spieler ins Verhältnis zur Performance ihres Teams. Sämtliche Werte des Passspiels (x-Achse) bzw. des Zweikampfverhaltens (y-Achse) werden über den Wert 1 normalisiert. Die Anzahl der Pässe setzt sich aus gegebenen und angenommenen Pässen zusammen, die der Zweikämpfe aus aktiven, passiven, ungerichteten Zweikämpfen. Der Wert des Einzelspielers weist seine Position innerhalb der Gesamtperformance aus und verortet ihn in Bezug auf seine taktischen und spielerischen Aufgaben

Italiens Spielstruktur zeigt ein der konsequenten deutschen Belagerung geschuldetes Muster des Lauerns, worauf die verhältnismäßig stark ausgeprägten Beziehungen in der Defensive verweisen. Dort zirkulierte der Ball meist aus taktischer Rationalität, zuweilen aber auch aufgrund der im Vergleich zum Spiel gegen Spanien umgestellten Formation im Mittelfeld. Wie zu befürchten stand, konnte der verletzte Daniele de Rossi nicht vollkommen kompensiert werden. Nach vorne fehlte dadurch jene Präzision, auf die eine derart ökonomische Spielweise angewiesen ist. (Helmut Neundlinger, 3.7.2016)

Analytikerinnen und Analytiker

FASresearch war bei den Weltmeisterschaften 2006, 2010 und 2014 sowie bei den Europameisterschaften 2008 und 2012 im Einsatz und beobachtet exklusiv für den STANDARD auch die laufende EURO in Frankreich.

Team: Harald Katzmair, Helmut Neundlinger, Ruth Pfosser, Andrea Werdenigg, Agnes Chorherr, Philipp Angermaier, Michael Schütz

fas-research.com

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