Regisseur Michael Cimino gestorben

3. Juli 2016, 08:19
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Oscar-Preisträger Michael Cimino hat mit "Die durch die Hölle gehen" einen der prägendsten Filme zum Vietnamkrieg geschaffen. Am Samstag ist der Hollywood-Regisseur
in Los Angeles gestorben

Los Angeles – Die Größe eines amerikanischen Filmemachers hing in den letzten Jahrzehnten häufig davon ab, ob das Werk einen bedeutenden Beitrag zum nationalen Trauma des Vietnamkriegs enthielt. Zwei Filme sind es vor allem, die das Gedächtnis prägen: Apocalypse Now von Francis Ford Coppola und The Deer Hunter (Die durch die Hölle gehen) von Michael Cimino. Beide entstammen der Spätphase des New Hollywood, der Aufbruchsbewegung in Hollywood, die um 1980 mit dem Beginn der Reagan-Jahre an ein Ende kam.

Während Coppola einer Erzählung von Joseph Conrad in das mythische Herz der Finsternis am anderen Ende der Welt folgte, machte Cimino einen zutiefst ameri kanischen Film über ein Milieu von Bergarbeitern mit osteuropäischem Migrationshintergrund in Pennsylvania. Er interessierte sich nicht nur für die Kriegserfahrung selbst, sondern für die Zeit davor und danach – unvergesslich, wie er die Männer in Amerika auf die Jagd gehen lässt, bevor wir sie wenig später in der Gefangenschaft der Vietcong wiedersehen, wo sie sich aus einem Folterkäfig befreien müssen, indem sie russisches Roulette spielen.

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The Deer Hunter ging über die Vietnamdramen seiner Zeit (etwa Coming Home von Hal Ashby) weit hinaus und etablierte Michael Cimino – nicht zuletzt ratifiziert durch fünf Oscars – als Hoffnungsträger für ein Hollywood, das sich gerade wieder einmal entscheidend verwandelte.

Es war Clint Eastwood, der dem gebürtigen New Yorker in den frühen Siebzigerjahren den Weg zum Kino ebnete. Cimino hatte in Yale Kunst studiert und war eine Weile bei der Armee, bevor er 1963 mit Werbespots zum ersten Mal filmisch arbeitete. Die Fernsehserie Mad Men hat das Milieu an der Madison Avenue in dieser Zeit berühmt gemacht, in dem der junge Michael Cimino reüssierte.

Debüt mit Gaunerkomödie

1971 ging er nach Los Angeles. Er hatte Drehbücher im Gepäck, eines wurde schließlich realisiert: Magnum Force (Dirty Harry II – Callahan) entstand im Autorenteam mit John Milius, und brachte es mit sich, dass Cimino ein Jahr später sein Regiedebüt geben konnte: Thunderbolt and Lightfoot (Die Letzten beißen die Hunde) ist eine Gaunerkomödie, in der vor allem Jeff Bridges überzeugt und in der man sehen kann, wie das New Hollywood zugleich geschichtsbewusst ist und doch entspannt mit dem Erbe der klassischen Ära umgeht.

Bei seinem dritten Film zeigte sich dann allerdings, dass die Last der Geschichte für Cimino doch beinahe zu groß geworden wäre. Der Western Heaven’s Gate sprengte nicht nur mit seinem künstlerischen Format das Genre, sondern erwies sich vor allem in finanzieller Hinsicht als ruinös für das produzierende Studio United Artists.

Heute könnte man sagen, dass Cimino seiner Zeit voraus war, denn die fast sechsstündige Version, die er aus den über 200 Stunden Material herstellte, lässt eher an eine Fernsehserie denken als an eine Auswertung im Kino. Der epische Atem und der obsessive Detailrealismus, durch den sich diese Geschichte von Auseinandersetzungen zwischen Großgrundbesitzern und armen Einwanderern in Wyoming auszeichnet, gilt inzwischen als Qualitätsmerkmal von Fernsehserien. Damals aber sprengte Heaven’s Gate einfach die Kategorien, und nebenbei hatte das Westerngenre damit einen denkwürdigen Schlusspunkt erreicht.

Cimino hatte danach in der Filmindustrie nicht mehr viel künstlerischen Kredit, er konnte noch zwei gute Genrefilme realisieren (In the Year of the Dragon, 1982; Desperate Hours, 1990); eine weitere Großproduktion, die Romanverfilmung Der Sizilianer nach einer Vorlage von Mario Puzo, erwies sich als kommerzielles Debakel. Sein letzter Film Sunchaser (1996) war ursprünglich als Epos des indigenen Amerika gedacht, wurde dann aber ein naturmystisch gefärbtes Sterbehilfedrama.

In den Jahrzehnten seither wollte Cimino vor allem "anonym" bleiben, wie er in einem raren Interview erkennen ließ. Eine Adaption von La condition humaine von André Malraux war sein letztes großes Projekt. Es bleibt nun in der Schublade. Am 2. Juni ist Michael Cimino im Alter von 77 Jahren in Los Angeles gestorben. (Bert Rebhandl, 3.7.2016)

  • Das Lebenswerk von Regisseur und Oscar-Preisträger Michael Cimino (1939-2016) umfasst sieben Filme: Sein letztes Projekt, eine Adaption von Malraux’ "La condition humaine", bleibt nun unvollendet.
    foto: apa/epa/guillaume horcajuelo

    Das Lebenswerk von Regisseur und Oscar-Preisträger Michael Cimino (1939-2016) umfasst sieben Filme: Sein letztes Projekt, eine Adaption von Malraux’ "La condition humaine", bleibt nun unvollendet.

  • Im vorigen August beim Internationalen Filmfestival in Locarno wurde Michael Cimino mit einen Ehren-Leoparden für sein nur sieben Filme umfassendes Lebenswerk geehrt. Dabei sorgte er für einen der komischsten Momente des Festivals. Als ihm der Ehren-Leopard überreicht wurde, hauchte er ins Mikrofon: "Oh, ich dachte, ich bekomme ein Raubtier. Das hier sieht aber eher aus wie ein Hühnchen." Die etwa achttausend Zuschauer der Zeremonie quittierten den Gag mit brüllendem Gelächter. (APA)

    Im vorigen August beim Internationalen Filmfestival in Locarno wurde Michael Cimino mit einen Ehren-Leoparden für sein nur sieben Filme umfassendes Lebenswerk geehrt. Dabei sorgte er für einen der komischsten Momente des Festivals. Als ihm der Ehren-Leopard überreicht wurde, hauchte er ins Mikrofon: "Oh, ich dachte, ich bekomme ein Raubtier. Das hier sieht aber eher aus wie ein Hühnchen." Die etwa achttausend Zuschauer der Zeremonie quittierten den Gag mit brüllendem Gelächter. (APA)

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