Belgiens "Schande": Spieler feuern Richtung Trainer

2. Juli 2016, 12:58
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Teamchef Wilmots ist nach dem bitteren 1:3 gegen Wales auch intern schwer unter Beschuss. Goalie Courtois ärgerte sich über "die gleiche taktische Aufstellung wie gegen Italien". In Wales ist man in Ekstase, spricht von "reiner Fußballfantasie"

Lille – Es sah schwer nach Abschied aus. Marc Wilmots stand mit den Händen in den Hosentaschen im Regen von Lille und wartete auf seine Spieler. Als sie schließlich mit hängenden Köpfen in die Kabine schlichen, verabschiedete der Trainer jeden einzelnen per Handschlag. Das EM-Aus der belgischen Fußballer im Viertelfinale dürfte gleichzeitig das Ende der Ära Wilmots gewesen sein – auch wenn das "Kampfschwein" nicht direkt nach dem 1:3 (1:1) gegen den Debütanten Wales aufgeben wollte.

"Ich werde meine Entscheidung nicht sofort treffen. Ich brauche Zeit, um darüber nachzudenken", sagte der müde und frustriert wirkende 47-Jährige kurz vor Mitternacht. Dann verließ er den stickigen Presseraum durch einen Seitenausgang. Wilmots, seit rund vier Jahren im Amt, hat noch bis 2018 Vertrag, doch es waren wahrscheinlich seine letzten Worte als Coach der Roten Teufel, die ihrer Rolle als Mitfavorit bei der Endrunde nicht gerecht wurden.

Die 150.000 Fans, die zum Feiern aus Belgien ins nahe Lille gekommen waren, traten noch in der Nacht enttäuscht die Heimreise an. Das hochgehandelte Starensemble um Kevin De Bruyne, Eden Hazard und Thibaut Courtois folgte mit den Betreuern am Samstagmorgen. Dabei wurden die Rückkehrer von Schlagzeilen empfangen, die sie zu Versagern abstempelten. Die Zeitung De Morgen hatte eine "erniedrigende Niederlage" gesehen, das Blatt Het Laatste Nieuws schrieb sogar von "einer Schande" – und stellte die entscheidende Frage gleich mit in den Raum: "Adieu Wilmots?"

Entladungen

Die Antwort darauf gaben im Grunde die Spieler. Nach dem Aus wurde erneut deutlich, dass sich tiefe Gräben durch das Team ziehen. Es gibt das Lager der Wilmots-Freunde um Ersatzkapitän Hazard, das der Wilmots-Gegner mit Torwart Courtois, und das der Unentschlossenen, zu denen De Bruyne gehört. Mehr denn je drängte sich der Eindruck auf, dass die Mannschaft seit der EM-Absage von Anführer Vincent Kompany (Leistenverletzung) nicht mehr zusammengefunden hat – sie wirkte wie ein Spiegelbild des zerstrittenen Landes.

So griff Courtois wie schon nach der Auftaktpleite gegen Italien (0:2) den Trainer an. "Wir hatten die gleiche taktische Aufstellung wie gegen Italien – und wieder hat es nicht funktioniert", wetterte der Chelsea-Torhüter. Ob Wilmots geht? "Das müssen Sie ihn selbst fragen", meinte Courtois und klagte: "So eine Chance bekommen wir nie wieder."

Hazard dagegen nahm Wilmots, dem schon seit längerer Zeit das Interesse an einem Trainerjob in China nachgesagt wird, in Schutz. "Wir stehen alle hinter ihm. Wir hoffen, dass er weitermacht und wir zusammen in der Zukunft noch großartige Dinge erreichen", sagte der Klubkollege von Courtois – wohl ohne Kenntnis der Aussagen des Torhüters.

Kevin De Bruyne wollte mit Blick auf Wilmots nicht konkret werden. Der erneut schwache ManCity-Spieler richtete seinen Fokus auf die Mannschaft. "Wir haben bei der EM nicht unsere beste Leistung abgerufen", sagte De Bruyne: "Wir müssen besser werden, wenn wir bei der WM in zwei Jahren etwas holen holen."

Alle Türen offen für Wales

Mit dem Sprung ins Halbfinale sorgte Wales dagegen für die nächste Sensation in Frankreich. Im Spiel um den Finaleinzug wartet nun am Mittwoch das Duell mit Portugal. "Wenn wir weiter unsere Leistung bringen, können wir so weit kommen wie wir wollen", sagte Wales-Star Gareth Bale.

Das 3:1 seines Teams gegen die hoch eingeschätzten Belgier sorgte für walisische Freudentänze auf und abseits des Rasens. Nach dem völlig überraschenden Meistertitel von Außenseiter Leicester City in der englischen Premier League gilt Wales' Einzug ins EM-Halbfinale als zweites britisches Fußballwunder dieser Saison.

"Fürchte dich nicht davor, Träume zu haben", meinte Trainer Chris Coleman nach dem größten Erfolg in der 140-jährigen walisischen Verbandsgeschichte. Der 46-Jährige erinnerte an sportlich weitaus finsterere Zeiten. "Vor vier Jahren waren wir von so etwas weiter entfernt, als man sich vorstellen kann." Besonders für Coleman bedeutet der Triumph viel. Er stand im Herbst 2012 vor dem Rauswurf.

"Das ist reine Fußballfantasie", schrieb die Onlinezeitung Walesonline. "Aber absolut nichts ist jetzt für die EM-Helden außer Reichweite." Mit Blick auf den "Brexit" und das Achtelfinal-Ausscheiden Englands gegen Island meinte der Londoner "Guardian": "Endlich eine gute Nachricht." (sid, red, 2.7.2016)

  • Nach dem EM-Aus der Belgier läuft die Uhr von Marc Wilmots als Trainer des gescheiterten Mitfavoriten ab.
    foto: reuters/rossignol

    Nach dem EM-Aus der Belgier läuft die Uhr von Marc Wilmots als Trainer des gescheiterten Mitfavoriten ab.

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