Wales stoppt Belgiens goldene Generation

1. Juli 2016, 23:20
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Auch Mitfavorit Belgien konnte dem walisischen Wunder in Frankreich keinen Riegel vorschieben. Die Söhne Cymrus stehen nach einer neuerlicher Demonstration von Klasse und Moral im Halbfinale gegen Portugal. Glück und der Referee halfen mit

Lille – Die Fortsetzung einer wunderbaren sportlichen Reise begann mit einer enervierenden Verkehrsstörung. Gar nicht wenige Fans der walisischen Nationalmannschaft konnten dem fünften EM-Match, dem bedeutendsten Fußballspiel der Roten Drachen seit dem WM-Viertelfinale 1958 (0:1 gegen den späteren Champion Brasilien) wegen einer technischen Panne im Eurotunnel zwischen Dover und Calais nicht beiwohnen. Rund 100 Kilometer vom "Chaos", vom "Albtraum" (BBC) entfernt, wurde die Partie im Stade Pierre Mauroy zu Lille umso mehr zu einem Heimspiel für die Belgier. Schließlich liegt deren Grenze quasi in Spuckweite der Sch’tis-Metropole des Nord-Pas-de-Calais.

Wie echte Gastgeber traten die Roten Teufel, die in der Qualifikation gegen die Waliser nur einen Punkt geholt hatten, dann auch zu Beginn auf. Angetrieben vom doch noch fit gewordenen Chelsea-Star Eden Hazard attackierte die Mannschaft von Coach Marc Wilmots gnadenlos. Motto einer angesichts etlicher Ausfälle ausgedünnten Defensive: Soviele Tore, wie die Waliser gegen uns zulassen werden müssen, kann Gareth Bale auf der anderen Seite gar nicht erzielen.

Fulminanter Start der Belgier

Nach nur fünf Minuten tat sich ein spektakulärer Chancenhattrick auf. Yannick Carrasco schoss Goalie Wayne Hennessey an, Thomas Meuniers Nachschuss kratzte Neil Taylor von der Linie, in den zweiten Nachschuss von Hazard warfen sich gleich fünf Waliser. Nur zwei Minuten später zielte Romelu Lukaku um einen Zentimeter am Tor vorbei, in Minute 13 fehlte Hennessey bei der Parade wohl genau dieser Zentimeter, um ein 100-km/h-Geschoss von Radja Nainggolan zu entschärfen – 1:0 für Belgien.

Auf der Gegenseite stand in Thibaut Courtois der weit bessere Torhüter. Die Nummer eins von Chelsea parierte zunächst noch gegen Neil Taylor (26.), gegen einen Kopfball des walischen Kapitäns Ashley Williams nach Ecke von Aaron Ramsey war er aber machtlos (31.). Das Kippen des Spiels war auch auf taktische Nachjustierungen zurückzuführen. In der belgischen Verteidigung schwamm vor allem Stürmers jüngerer Bruder, Ersatzmann Jordan Lukaku, besorgniserregend. Real Madrids Star Bale, von Axel Witsel nur unzureichend kontrolliert, wurde von Coach Chris Coleman umgehend für dessen Seite interessiert und sorgte wiederholt für Alarm. Belgische Entlastung fand kaum noch statt. Da hallte das "Hen Wlad Fy Nhadau" ("Das alte Land meiner Väter") durchs Oval, Wales dominierte plötzlich klar. Der Pausenpfiff des slowenischen Referees Damir Skomina war für Belgien fast eine Erlösung.

Wilmots brachte den grimmigen Marouane Fellaini ins Spiel, der fürderhin für defensive Ruhe sorgen sollte. Offensiv war Aufregendes erwünscht und wurde auch geliefert. Die Belgier gingen aber allzu leichtfertig mit ihren Gelegenheiten um. Romelu Lukaku (48., 52.), der erneut blasse Kevin De Bruyne (50.) und Hazard (50.) kamen zu kurz oder verzogen Schüsse knapp. Wales demonstrierte dagegen totale Effizienz. Nach einem langen Pass von Ramsey ließ Hal Robson-Kanu mit einem Haken gleich drei Belgier aussteigen und netzte wie schon beim EM-Auftaktsieg gegen die Slowakei (55.).

Verzweiflung und Ratlosigkeit

Danach schlich sich zusehends Verzweiflung und Ratlosigkeit ins belgische Spiel ein. Die Nummer zwei der Weltrangliste kam wohl noch vereinzelt zu Chancen, etwa Fellaini per Kopf (74.), aber auch das Glück und der Schiedsrichter spielten nicht mit. Nach einem klaren Foul von Williams an Nainggolan im Strafraum blieb dessen Pfeife stumm.

Und weil sich Pech gerne zu fehlendem Glück gesellt, gelang den den Walisern die Entscheidung. Nach Flanke von Chris Gunter netzte der für Robson-Kanu eingewechselte Stoßstürmer Sam Vokes per Kopf (86.). Wenig später ging Ramsey ab. Der von Arsenal an Cardiff verliehene Regisseur kann maximal im Finale wiederkommen, da er seine zweite Gelbe Karte gesehen hatte. Der einzige Wermutstropfen im Meer des Jubels der Roten.

Spätestens am 6. Oktober rücken Ramsey und die restlichen walisischen Fußballer verstärkt ins austriakische Visier – als Gäste im Happel-Stadion im Rahmen der Qualifikation für die WM 2018 – Anschnallen bitte! (lü, 1.7.2016)

EURO-Viertelfinale:

Wales – Belgien 3:1 (1:1). Lille, Stade Pierre Mauroy, 46.000, SR Skomina/SLO.

Torfolge:
0:1 (13.) Nainggolan
1:1 (31.) A. Williams
2:1 (55.) Robson-Kanu
3:1 (86.) Vokes

Wales: Hennessey – Gunter, Chester, A. Williams, Davies, Taylor – Allen, Ledley (78. King), Ramsey (90. Collins) – Bale, Robson-Kanu (80. Vokes)

Belgien: Courtois – Meunier, Alderweireld, Denayer, J. Lukaku (75. Mertens) – Witsel, Nainggolan – Carrasco (46. Fellaini), De Bruyne, Hazard – R. Lukaku (83. Batshuayi)

Gelbe Karten: Davies, Ramsey (beide im Halbfinale gesperrt), Chester, Gunter bzw. Fellaini, Alderweireld

Liveticker

Wales nach 3:1 gegen Belgien im Halbfinale

Stimmen

Chris Coleman (Trainer Wales): "Wir haben uns auf ein schwieriges Spiel eingestellt. Wir wollten zeigen, was wir können. Wir haben eine tolle Mannschaft, mit super Spielern, die immer kämpfen. Man soll nicht davor zurückschrecken, Träume zu haben. Von Belgien hatte ich mehr erwartet nach dem 1:0. Die Stimmung hier war ja wie in Brüssel."

Hal Robson-Kanu (Torschütze Wales): "Es ist so schwer zu beschreiben, wir haben sechs, sieben Jahre hart dafür gearbeitet. Dass wir jetzt im Halbfinale eines großen Turniers stehen, ist unglaublich."

Ashley Williams (Kapitän und Torschütze Wales): "Waren wir erschüttert, als wir zurückgelegen sind? Nein. Wir haben gut geantwortet, wir wussten um den Charakter dieses Teams. Ich hoffe, jeder genießt das zuhause. Wir freuen uns weiter und werden versuchen, bei unserem Spiel zu bleiben."

Axel Witsel (Mittelfeldspieler Belgien): "Es ist eine riesige Enttäuschung für uns. Wir hatten uns das ganz anders vorgestellt. Aber leider haben wir nichts zustande gebracht. Wir hätten das 2:0 schießen müssen. Danach hatten wir große Probleme bis zur Pause, vor allem mit Ramsey und Bale, und wir haben Tore kassiert, die wir nicht hätten bekommen dürfen."

  • Robson-Kanu (links) gab nach Pass des mitjubelnden Aaron Ramsey seine zweite Visitenkarte bei der EURO ab.
    foto: afp/ paul ellis

    Robson-Kanu (links) gab nach Pass des mitjubelnden Aaron Ramsey seine zweite Visitenkarte bei der EURO ab.

  • Abgang der Mitfavoriten. Belgiens goldene Generation scheitert.
    foto: reuters/john sibley livepic

    Abgang der Mitfavoriten. Belgiens goldene Generation scheitert.

  • Und Wales feiert sein Fußball-Märchen.
    foto: reuters/darren staples livepic

    Und Wales feiert sein Fußball-Märchen.

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