1996: Fußballs Heimkehr und Schnapsidee

Video1. Juli 2016, 18:14
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Bei der EM in England waren erstmals 16 statt bisher acht Teams am Start. Das frisch eingeführte Golden Goal erwies sich als Schuss ins Knie – außer vielleicht für die Deutschen

Europa hatte sich multipliziert. Keine Sowjetunion mehr, kein Jugoslawien, keine Tschechoslowakei. An deren statt hatte sich eine Vielzahl an Nachfolgestaaten etabliert. Das konnte am kontinentalen Kick nicht spurlos vorübergehen. 47 Nationalmannschaften gingen in der Qualifikation an den Start, die normative Kraft des Faktischen machte eine entsprechende Ausdehnung des Endrundenfeldes quasi zwingend nötig. Und so waren 16 statt bisher acht Teams mit dabei.

Leider nicht Österreich, das unter Teamchef Herbert Prohaska zwar Irland zweimal besiegte und gegen Gruppensieger Portugal einmal remisierte, dafür aber zweimal Nordirland und einmal Lettland unterlag. Verpasst wurde schlicht die Heimkehr des Fußballs nach England. 30 Jahre nach 1966 fand, wenn schon nicht die fußballerische Welt, so doch zumindest das ballesterische Europa an den Busen des Mutterlandes zurück.

Die EURO erschien als freudvolle Pilgerfahrt ins Zion des runden Leders. Britannien lebte, atmete und redete Fußball. Die Lightning Seeds sublimierten aus dieser Gefühlslage mit "Three Lions" einen der gelungensten Footballsongs aller Zeiten. Selbst die Vorsehung schien ihre Hände im Spiel zu haben. Mit 2915 Spielminuten ist das Turnier, so hat es der ballesterer errechnet, bis heute das längste aller Zeiten. Nicht ganz irrelevant hinsichtlich dieses Superlativs: eine Schnapsidee des Weltverbandes Fifa namens Golden Goal. Ab sofort war eine Verlängerung beim ersten erzielten Tor stante pede beendet.

Die Teams reagierten mit Risikominimierung, was zur Folge hatte, dass von fünf Partien mit zusätzlicher Spielzeit vier bis zur Neige, also dem Elfmeterschießen, ausgekostet wurden. Womit auch schon der nächste logische Zusammenhang schlagend wird. "Thirty years of hurt never stopped me dreaming", trällerten die Seeds.

bbc sport
Ein bisschen eigenartig, war das schon, damals...

"Achtung! Surrender!"

Ein paar mehr sollten dazu kommen, denn natürlich scheiterten Englands Helden im Halbfinale in einem solchen Shootout. Natürlich an Deutschland. Im Vorfeld der Partie hatten britische Revolverblätter die Nerven verloren, das antideutsche Ressentiment feierte fröhliche Urständ. Den Vogel schoss der Daily Mirror ab: "Achtung! Surrender! For you Fritz ze Euro 96 iz over", schrie es von der Titelseite. Illustriert war das Ganze mit Porträts der Herren Stuart Pearce und Paul Gascoigne, Stahlhelm tragend.

Sogar das britische Parlament beschäftigte sich mit dem publizistischen Fußballkrieg. Im Finale, ausgerechnet, hob dann das Goldtor erstmals seine hässliche Fratze. Oliver Bierhoff schoss es in Minute 95, die Tschechen erlitten den plötzlichen Tod. 2002 wurde diese Irrung der Fußballgeschichte dann selbst wieder begraben. (Michael Robausch, 1.7.2016)

  • Oliver Bierhoff, Goldtorschütze für Deutschland 1996.
    foto: ap/ santiago lyon

    Oliver Bierhoff, Goldtorschütze für Deutschland 1996.

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