Betriebsansiedler nehmen nach Brexit London ins Visier

1. Juli 2016, 17:19
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Die EU-Bankenaufsicht EBA und die EU-Arzneimittelagentur EMA sollen aktiv nach Wien geholt werden

Wien – Dass viele internationale Konzerne nach dem Brexit überlegen, ihre in London ansässigen europäischen Zentralen in die EU abzusiedeln, ist bei den Betriebsansiedelungsgesellschaften der EU-Staaten natürlich nicht unbemerkt geblieben. Sie bringen sich bereits als Standort für aus Großbritannien abwandernde Unternehmen und Behörden ins Spiel.

So auch Österreich, wobei allerdings die Karten dafür nicht so toll sein dürften. René Siegl, Geschäftsführer der ABA, der Austrian Business Agency, erläuterte dem STANDARD, dass es zu einem ziemlichen Gerangel um abwanderungswillige Konzerne kommen dürfte: "In erster Reihe stehen Paris und Amsterdam", erläutert er.

Für Paris als neuen Standort spreche die Größe des französischen Marktes. Paris und Amsterdam punkten mit Größe und Leistungsfähigkeit ihrer Flughäfen. Auch brächten insbesondere die Holländer steuerliche Vorteile ins Spiel – die zwar viel kritisiert und auch abgeschafft werden sollen. Derzeit aber noch können sie ausschlaggebend dafür sein, dass sich ein – sagen wir – US-Konzern sich für Amsterdam als Standort seines nächsten europäischen Headquarters entscheidet. Die steuerlichen Vorteile dort sind nämlich beträchtlich: Patentbox (länderübergreifende Gegenrechenbarkeit von Lizenzeinnahmen) und günstige Expatriats- sowie Holdingbesteuerung.

Traktorenfertigung nach Steyr?

Eine Österreich betreffende Ansiedelung hat Fiat-Chef Sergio Marchionne angekündigt. Er überlege, die Traktorenfertigung aus England nach Steyr verlegen zu wollen, hatte er im Vorfeld zur britischen EU-Abstimmung angekündigt. Im britischen Werk Basildon werden 22.000 Traktoren pro Jahr hergestellt.

Für Österreich sind auch die EU-Agenturen von Interesse, die in Großbritannien beheimatet sind. Es sind dies die EU-Bankenaufsicht EBA und die EU-Arzneimittelagentur EMA, die aktiv nach Wien geholt werden sollten, kündigten Finanzminister Hans Jörg Schelling und Außenminister Sebastian Kurz (beide ÖVP) kürzlich an. Als Favorit für die EBA gilt allerdings der deutsche Finanzplatz Frankfurt. Für den Sitz der EMA sollen sich auch Italien, Schweden und Dänemark interessieren.

Die Agenturen sind von den EU-Institutionen unabhängige Institutionen mit verschiedenen Aufgaben. Jedes EU-Mitgliedsland hat eines oder mehrere solcher – manchmal recht großer – Büros. In Österreich hat derzeit nur die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) ihren Sitz.

Natürlich besteht ein besonderes Griss um die abwanderungswilligen Teile der britischen Finanzbranche, die 2,2 Millionen Menschen beschäftigt. Da dürften aber besonders Frankfurt, als neuer großer EU-Finanzplatz, und Dublin die Nase vorn haben.

Wenig Vampire

Ins Spiel gebracht hat sich auch Rumänien, und da wiederum Transsylvanien. Mit dem Spruch "Wenig Vampire" wurde eine Werbekampagne in London gestartet, berichtet die Nachrichtenagentur dpa. Man biete ausgezeichnete Niederlassungsbedingungen. (Johanna Ruzicka, 1.7.2016)

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