Schotten klammern sich trotz Brexit-Entscheids an Europa

Reportage3. Juli 2016, 14:07
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Besonders junge Leute in den großen Städten fürchten jetzt um ihre Zukunft in Europa

Niemand in Glasgow nennt sich noch "Brite". Wenn man fragt: "Are you British?", wird man freundlich, aber bestimmt, korrigiert: "Scottish!" Diese Antwort kommt von Menschen aller Altersstufen, aller Berufe und Ethnien. Mit 2,3 Millionen Einwohnern ist Glasgow die größte Stadt Schottlands – eine junge Stadt, sie beherbergt vier Universitäten, fünf Colleges und eine Kunstakademie, der Altersdurchschnitt liegt bei knapp unter vierzig.

Im Brexit-Referendum hat Glasgow, wie alle anderen schottischen Wahlkreise, ein deutliches Zeichen gesetzt: Zwei Drittel der Wählenden stimmten für den Verbleib in der EU. In Schottlands Hauptstadt Edinburgh waren es sogar rund drei Viertel, bei einer Wahlbeteiligung von fast 73 Prozent – die deutlichste Entscheidung gegen einen Brexit in ganz Schottland. Insgesamt haben sich über zwei Drittel der schottischen Wahlberechtigten am Referendum beteiligt, und 62 Prozent haben gegen den Brexit gestimmt.

Geholfen hat es nichts: Eine knappe, aber deutliche Mehrheit der britischen Stimmen wollte den Ausstieg aus der EU. Die englischen Wähler gaben den Ausschlag. Am Freitag nach der Wahl gab es in den Pubs von Glasgows Merchant City, einem schicken Innenstadtviertel, wo sich die Studierenden treffen, kaum ein anderes Thema. Die vorherrschende Stimmung: Schock, daneben Wut und Sorge um die Zukunft, vor allem vonseiten der vielen Studierenden vom europäischen Kontinent, die nun um ihre Stipendien bangen müssen.

Gegen schottischen Willen

Am George Square, Glasgows zentralem Platz, auf dem Statuen berühmter Glaswegians von hohen Sockeln über die Innenstadt schauen, hatte sich an diesem Tag ein junger Mann aufgestellt. In Jeans, T-Shirt und goldfarbenen Turnschuhen, mit einer Zigarette im Mundwinkel präsentierte er der Welt sein selbstgemaltes Plakat: "Dragged Out Against Our Will" stand zwischen einer europäischen und einer schottischen Flagge. Er wolle zur Diskussion auffordern und viele positive Reaktionen erhalten, sagt er. Aber nicht nur: "Ich bin dafür heute schon angespuckt worden."

Trotzdem: Viele Schotten teilen seine Einstellung. Bei Anrufsendungen des Staatsradiosenders BBC, in Zeitungsartikeln und Gesprächen wird immer wieder der Wunsch nach einem neuen Unabhängigkeitsreferendum für Schottland laut. Viele Landsleute hätten beim letzten Referendum nur deswegen gegen den Austritt aus dem Vereinigten Königreich gestimmt, weil sie um den Verbleib Schottlands in der EU fürchteten, so vermuteten viele.

Fast eine Woche später ist der Schock einer angespannten Unsicherheit gewichen. Nicola Sturgeon, Schottlands Erste Ministerin und Vorsitzende der Scottish National Party (SNP), hat der Bevölkerung das neue Unabhängigkeitsreferendum versprochen, auf das so viele hoffen. Bisher hat sie aber wenig Erfolg mit ihrem Versuch, Schottlands Verbleib in der EU vorsorglich zu sichern: EU-Ratspräsident Donald Tusk lehnte ein Treffen mit Sturgeon ab. Auch die Regierungen verschiedener Mitgliedsstaaten, unter anderem die deutsche, wollten keine bilateralen Gespräche mit der schottischen Regierungschefin führen.

Es sei ein "Waiting Game", sagt Hardeep Singh, der in einem kleinen indischen Imbissrestaurant in Shawlands, einem Stadtteil im Süden Glasgows arbeitet. "Niemand weiß, was passieren wird." Der 19-Jährige hat, wie viele der Wahlberechtigten unter 24, nicht gewählt: "Ich hatte einfach zu viel zu tun, um der Debatte zu folgen, deshalb war ich mir nicht sicher, was ich wählen sollte", sagt er. Am Anfang der Kampagne habe er zu Leave tendiert, weil die Leave-Kampagne sichtbarer und auffälliger gewesen sei. Die Remain-Kampagne habe nicht genug getan, findet er. Als die Stimmungsmache gegen Migranten und Bürger anderer EU-Staaten immer offensichtlicher wurde, hat er seine Meinung geändert. "Meine Großeltern kamen aus Indien, wir sind selbst Immigranten. Warum sollte ich dafür stimmen, dass andere Leute nicht hierher ziehen dürfen?"

Am Ende habe er deshalb zu Remain tendiert. Wie viele andere Glaswegians konnte er sich nicht vorstellen, dass die Bevölkerung pro Austritt votieren würde. "Hier haben alle gesagt, dass sie für den Verbleib stimmen. In England war das wohl anders. England hat uns aus der EU gezerrt, und jetzt haben wir Pech gehabt."

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Auch Melissa Geraghty hat das Votum überrascht. "Ich habe keine Ahnung, was jetzt passiert", sagt sie. Die Kunststudentin aus Fife an der schottischen Ostküste hat für den Verbleib in der EU gestimmt. Ihre Eltern waren für den Austritt. Auch Melissa teilt die Ansichten der Leave-Kampagne über Immigration nicht. Die 21-Jährige macht sich Sorgen um ihre Zukunft: "Ich glaube, ich verlasse das Land, sobald die Auswirkungen sichtbar werden", lacht sie.

Am Mittwoch nach dem Votum versammeln sich am George Square ein paar hundert Menschen. Einige von ihnen tragen schottische Flaggen, manche noch mit dem Aufdruck "Yes" des letzten Schottland-Referendums. Ja zum Austritt aus dem Vereinigten Königreich, aber, so wird schnell klar, Nein zum Austritt aus der EU. Die Demonstration für ein unabhängiges Schottland in der EU wurde von Mitgliedern der SNP organisiert, aber manche der Demonstranten halten auch Parteischilder der schottischen Liberaldemokraten hoch. Andere haben europäische Flaggen mitgebracht, einige sogar ein neues Design, bei welchem die schottische und die europäische Flagge zu einer einzigen verschmelzen.

"Remain" als einzige Option

Für die Anwesenden ist klar: Schottland hat für "Remain" gestimmt, also muss es auch in Europa bleiben. Einer der Flaggenträger ist Connor Boyd. Der 22-Jährige studiert Erziehungswissenschaften an der schottischen Westküste und ist extra nach Glasgow gekommen, um an der Demo teilzunehmen. "Ich habe Verwandte, die in Frankreich und Spanien leben, und mache mir wirklich Sorgen, was aus ihnen wird. Werden sie ausgewiesen, wenn Großbritannien die EU verlässt?"

Seine Kommilitonin Georgia Campbell ist erst 17 und durfte noch nicht wählen. Das macht sie ärgerlich – bei den schottischen Regionalwahlen und dem letzten Unabhängigkeitsreferendum lag die Altersgrenze bei 16. "Ich hätte gerne gewählt", sagt sie, "es geht schließlich um meine Zukunft!" Für Connor und Georgia ist ein neues Schottland-Referendum "unvermeidlich".

Ein Stück weiter halten Ross Anne Batimana, 23, Emma Logan und Steven Nolan, beide 22, selbstgebastelte Plakate hoch. "Fromage, not Farage!", fordert das eine, "Never Gonna Let EU Down", verspricht das andere. Die drei Studierenden aus Glasgow fürchten um ihre Zukunft als Europäer: "Als die Ergebnisse bekannt gegeben wurden, habe ich angefangen zu weinen", sagt Ross, "alle Wahlkreise in Schottland haben fürs Bleiben gestimmt, aber wir sind zu wenige gegen England. Ich möchte bald für ein Jahr nach Deutschland gehen und weiß nicht, ob ich das jetzt noch kann. Ich bin daran gewöhnt, in Europa zu reisen, dass man leben, arbeiten und eine Familie gründen kann, wo man will."

foto: luise loges
Junge Schotten demonstrieren für den Verbleib in der EU.

So wie ihr ergeht es vielen Studierenden, nicht nur an schottischen Universitäten. Viele britische Universitäten sind auf Forschungsgelder von der EU angewiesen, besonders in geistes- und erziehungswissenschaftlichen Fächern. Die Universitäten von Glasgow und Edinburgh versicherten schon bald nach der Veröffentlichung des Brexit-Votums, dass sie stolz auf ihre internationale Ausrichtung und die Diversität ihrer Belegschaft seien. Man wolle alles tun, dass sich daran auch nichts ändere, schrieben die Verantwortlichen.

Nicht nur die Angst um ihre Studienplätze treibt die jungen Leute um: Viele fürchten vor allem, dass ihnen das Recht, in ganz Europa leben und arbeiten zu können, genommen wird – eine Freiheit, die für ihre Generation bisher selbstverständlich war. "Unsere Kinder werden sich nicht mehr so frei bewegen können wie wir. Das macht mich traurig", sagt Emma Logan. "Ein paar streitsüchtige Tories haben uns unserer Zukunft beraubt." (Luise Loges, 2.7.2016)

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