Bachmannpreis: Meidet Schwulst und Fetisch

1. Juli 2016, 17:21
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Auch am zweiten Lesetag waren die Texte höchst unterschiedlich. Nur mehr vier Lesungen stehen aus

Klagenfurt – Vom Bürgermeisterempfang am Donnerstag gestärkt ging es für Autoren, Jury und den Tross rundum am Freitag weiter. Eröffnet wurde der zweite Lesetag von Julia Wolf mit dem wohlwollend aufgenommenen Bewusstseinsstrom Walter Nowak bleibt liegen eines 70-Jährigen, der schwer verletzt auf sein Leben und Altern blickt. "Großartig gearbeitet", befand Sandra Kegel, und Klaus Kastberger sah mit diesem Text die Jury "sicheres Terrain zurückgewinnen, weil er eine klassische literarische Tradition bedient" – anders als vieles, was ihm vorangegangen war, aber auch noch folgen sollte.

Vor besonders viele Fragen stellte die Juroren etwa der Beitrag des Israelis Tomer Gardi. Mit seiner von gebrochenem Deutsch durchzogenen Geschichte Broken German über Fremdartigkeit und Identität betreibe er "Politik auf formaler Ebene" – nämlich als eine Frage nach sprachlicher Integration, betonte Kastberger, der Gardi eingeladen hatte. Dem widersprach keiner, allerdings gab Meike Feßmann angesichts von Erscheinungen wie Kanaksprak einen "Authentizitätsfetischismus" von schlechtem Deutsch zu bedenken.

Schwulst und Prekariat

Eine Diskussion über den literarischen Zugriff auf den Orient stieß davor Jan Snela mit Araber und Schakale an. Für Hubert Winkels eine "schwülstige Häufung von Orientalismen", versuchte Hildegard Keller abermals ein Plädoyer für ein Einlassen auf den Text zu halten, überzeugte damit aber auch das Saalpublikum wenig. Spannender lockte Isabelle Lehns kurioser Romanauszug Binde zwei Vögel zusammen mit der Schilderung eines nahöstlich angehauchten Trainingscamps zwischen Krieg und "Prekariat" (Sandra Kegel).

Ein ganz anderes Feld beackerte Sylvie Schenk mit Schnell, dein Leben, einer Chronik des Mädchenseins in den 1950ern, wobei sie Persönliches mit Politischem verklammerte und damit besonders bei STANDARD-Redakteur und Juror Stefan Gmünder auf Gefallen stieß.

Einen großen Favoriten gibt es nach den ersten beiden Lesetagen nicht, die Österreicherin Stefanie Sargnagel (Penne vom Kika) und der in Österreich lebende Serbe Marko Dinić (niederschwellig und dabei aufklärend: Als nach Milošević das Wasser kam) haben aber durchaus Chancen. Vier Lesungen folgen am Samstag noch. Die Preise werden am Sonntag vergeben. (wurm, 1.7.2016)

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    foto: puch johannes
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