Handball-Teamchef Jóhannesson: "Das ist das Produkt einer Planung"

2. Juli 2016, 20:03
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Islands Erfolgslauf im Fußball ist für Österreichs Handball-Teamchef Patrekur Jóhannesson alles andere denn Zufall. Island investierte gezielt in Infrastruktur und setzt seit langem darauf, Kinder in Bewegung zu bringen

STANDARD: Waren oder sind Sie einer von 30.000 Isländern in Frankreich?

Jóhannesson: Nein, ich bin einer der 300.000, die sich daheim in Island vor dem Fernseher freuen. Ich hatte schon vor der Endrunde ein gutes Gefühl, die Qualifikation mit den Siegen über die Niederlande war richtig gut. Wie sich die Mannschaft jetzt bei der EM präsentiert, das ist Wahnsinn. Das Spiel gegen England war genial, nicht nur vom Einsatz her, sondern auch fußballerisch.

STANDARD: Island ist seit langem Handball-Großmacht, war Olympiazweiter 2008. Worauf fußt der Aufschwung im Fußball?

Jóhannesson: Das ist das Produkt einer Planung, die um 2000 begonnen hat. Im ganzen Land wurden Fußballhallen gebaut, von denen gibt es nun ein halbes Dutzend. Jetzt kann man das ganze Jahr über Fußball trainieren, vorher war das nicht so. Die isländische Meisterschaft beginnt Anfang Mai und dauert bis Anfang September. Und da hatte man oft noch Angst, dass die ersten und die letzten Runden im Norden des Landes nicht gespielt werden können. Eigentlich kann man wirklich nur im Sommer draußen spielen. Deshalb war es, als es die Fußballhallen noch nicht gab, viel einfacher, Handball oder Basketball zu trainieren. Unsere Basketballer sind auch nicht schlecht, die waren 2015 bei der EM dabei.

STANDARD: Aber nur ein paar Hallen, in denen man im Winter kicken kann, können Island nicht ins EM-Viertelfinale gebracht haben.

Jóhannesson: Es hat sich einiges glücklich gefügt. Es gibt mittlerweile ungefähr hundert isländische Fußballer, die im Ausland unter Vertrag stehen. Das sind keine Hobbyspieler, das sind Vollprofis. Und der Verband hat mit dem Schweden Lars Lagerbäck einen erfahrenen Trainer geholt – ein Goldgriff. Bei der EM passt einfach alles. Vor allem sind die Spieler topfit, sie laufen in jedem Spiel mehr als der Gegner. Island ist von allen EM-Teams vielleicht am besten in Form. Und man merkt, dass das richtig gute Freunde sind. Überhaupt ist ein enormer Zusammenhalt da, das ganze Land steht hinter dem Team, und die Spieler merken die positive Energie.

STANDARD: Abgesehen vom aktuellen Erfolg – woher kommt die isländische Begeisterung für den Sport?

Jóhannesson: Ich habe vier Kinder, mir ist es wichtig, dass sie Sport betreiben. Und so wie ich denken viele Isländerinnen und Isländer. Sport ist gut für die Gesundheit der Kinder. Wenn Kinder Sport betreiben, ist das Risiko geringer, dass sie rauchen oder Alkohol trinken. In Island ist da in vielen Städten etwas getan worden. Meine Heimatstadt Gardabaer hat 14.000 Einwohner, da gibt es drei Sporthallen und zwei Schwimmbäder, und die Stadt fördert das Training von Kindern. Die Kinder werden ja generell immer dicker, es ist gut, wenn wir da gegensteuern. Ich weiß, jetzt höre ich mich an wie ein Politiker, dabei bin ich Handballtrainer.

STANDARD: Ihr um vier Jahre älterer Bruder Gudni ist hingegen wirklich Politiker. Er ist vor einer Woche zum isländischen Präsidenten gewählt worden.

Jóhannesson: Da muss ich korrigieren. Gudni ist nämlich kein Politiker, er war nie in einer Partei. Und das ist ein Grund dafür, dass ihn die Isländer zum Präsidenten gewählt haben.

STANDARD: Hatte oder hat er mit Sport viel am Hut?

Jóhannesson: Gudni war in seiner Jugend ein Handballer, Aufbau Mitte, er war wirklich gut. Mit 16 oder 17 hat er aufgehört, um sich auf die Schule und später auf sein Geschichtestudium zu konzentrieren. Es muss ja auch nicht jedes Kind ein Teamspieler oder ein Profi werden, diesen Ehrgeiz haben wir in Islandnicht. Doch abgesehen vom gesundheitlichen Aspekt ist Sport, zum Beispiel in einem Verein, sozial und fördert den Zusammenhalt.

STANDARD: Müssen Sie, als Handballer, nicht befürchten, dass sich in Island jetzt alles auf Fußball konzentriert?

Jóhannesson: So denke ich nicht. Ich hoffe, dass der Erfolg der Fußballer insgesamt etwas bewirkt. Dass sich noch mehr Menschen für Sport interessieren. Ich bin auch dagegen, dass sich Kinder oder Jugendliche zu früh spezialisieren. Schön ist es, wenn Kinder viele Sportarten kennenlernen und ausprobieren. Wenn sie sich mit 14 oder 15 für eine Sportart entscheiden, ist das früh genug.

STANDARD: Wie haben Sie die österreichischen Spiele bei der Fußball-EM erlebt?

Jóhannesson: Man darf nicht alles schlechtreden. Das Spiel gegen Ungarn war wirklich nicht gut. Aber gegen Portugal und auch gegen Island hat Österreich nicht schlecht gespielt.

STANDARD: Sie sind seit fast fünf Jahren Österreichs Handball-Teamchef. Lässt sich der Stellenwert des Sports in Österreich mit jenem in Island vergleichen?

Jóhannesson: Österreich hat alles. Österreich ist ein Superland mit tollen Leuten. Da passiert viel Gutes, auch im Sport. Aber wenn man sich mit den Besten messen will, nicht nur im Fußball und im Skifahren, muss man mehr machen. In Island gibt es in allen Sportarten ehemalige Spieler, die jetzt Trainer sind. Viele kümmern sich um die Betreuung der Kinder. Und natürlich bräuchte Österreich bessere Sportinfrastruktur. Mehr Sportplätze, mehr Hallen. Nicht für die Spitzensportler, sondern für den Nachwuchs. Man muss über die Breite denken. Was man investiert, bekommt man garantiert zurück.

STANDARD: Was müsste oder sollte in Österreich passieren?

Jóhannesson: Das Wichtigste wäre, dass die Entscheidungsträger merken, wie viel der Sport bewirken kann. In Island hatten wir vor zwanzig Jahren große Probleme, wir waren bei rauchenden und trinkenden Jugendlichen in Europa ziemlich weit vorn. Das hat sich, auch wegen der Investitionen in den Sport, deutlich verbessert. Kinder, die sich bewegen, sind glücklicher.

STANDARD: Wie hoch gewinnt Island gegen Frankreich?

Jóhannesson: Ha, gute Frage! Aber ich glaube natürlich an einen Sieg. Wichtig ist nur, dass man das Maximum aus sich herausholt. Wenn der Gegner dann besser ist, kann man trotzdem zufrieden sein. Wir Isländer dürfen nie arrogant sein, wir sollten immer auf dem Boden bleiben. (Fritz Neumann, 2.07.0216)

Patrekur Jóhannesson (43) spielte 241-mal in Islands Handballteam, erzielte 634 Tore, war Legionär in Deutschland (Essen, Minden) und Spanien (Irún). Seit November 2011 Teamchef in Österreich.

  • "Jetzt höre ich mich an wie ein Politiker, dabei bin ich Handballtrainer", sagt Patrekur Jóhannesson, der Bruder des isländischen Präsidenten.
    foto: apa/qatar 2015 via epa/guillaume

    "Jetzt höre ich mich an wie ein Politiker, dabei bin ich Handballtrainer", sagt Patrekur Jóhannesson, der Bruder des isländischen Präsidenten.

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