Liebesg’schichten: "Frau Spira sieht, wie Menschen ticken"

Interview3. Juli 2016, 08:00
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Zum 20. und vielleicht letzten Mal gehen ab Montag einsame Herzen auf Partnersuche. Seit sechs Staffeln schneidet Tanja Lesowsky "Liebesg’schichten und Heiratssachen"

STANDARD: Wie sind Sie Cutterin von "Liebesg’schichten und Heiratssachen" geworden?

Lesowsky: Elizabeth T. Spira und ich lernten uns bei einem Produzenten kennen. Wir trafen uns im Kaffeehaus und verstanden uns auf Anhieb gut.

STANDARD: Wie entsteht nun eine Folge von "Liebesg’schichten"?

Lesowsky: Die ersten Interviews werden im Herbst des Jahres vor der Ausstrahlung gedreht, laufend kommen neue dazu. Wir beginnen schon im Dezember zu schneiden und schauen uns die Geschichten dazu an, was zusammenpassen könnte, was fehlt, damit es noch ein bisschen Buntheit bekommt. Die Außenaufnahmen finden dann im Sommer statt.

STANDARD: Wie passiert der Schneideprozess?

Lesowsky: Die Interviews sind im Schnitt ein- bis eineinhalb Stunden lang, bei den Sommeraufnahmen kommt noch einmal so viel dazu. Letztendlich wird ein Beitrag nur sechs bis sieben Minuten lang sein. Im Schnitt ar beiten wir für eine Folge drei bis vier Wochen.

STANDARD: Sie machen das seit sieben Jahren. Ein Routinejob?

Lesowsky: Nein, überhaupt nicht! Jede Geschichte ist eine neue und andere. Es sind völlig andere Menschen mit ihren Schicksalen ...

STANDARD: ... und ihrem Kitsch repertoire bei der Inneneinrichtung. Wozu braucht es die dekorativen Haserln, Vogerln, Pferderln im Bild?

Lesowsky: Es ist authentisch. Die Menschen leben so, wie sie sind. Für den Schnitt sind sie notwendig, weil es Szenen gibt, die man "zudecken" muss, weil sie in einer Einstellung gedreht sind. Oder Frau Spira stellt eine Frage und fährt an ganz anderer Stelle fort. Manchmal macht man es, weil es einen Witz verstärkt.

STANDARD: Welche Plüschhaserln in Ihrer Wohnung?

Lesowsky: Keine, ich habe nur eine Holzpuppe aus Russland.

STANDARD: Würden Sie sich von Frau Spira vermitteln lassen?

Lesowsky: Schwer zu sagen, weil ich niemanden suche. Für Männer und Frauen ab 60 ist es aber sehr schwer, einen Partner zu finden. Ich könnte mir fast vorstellen, wenn ich lange allein wäre, es zu probieren. Wir verfolgen, dass in den letzten Jahren die Sendung bürgerlicher geworden ist. Die Menschen kommen aus allen Schichten, wir sind eine ernsthafte Alternative für Menschen auf Partnersuche geworden.

STANDARD: Es müssen jedenfalls Furchtlose sein, die es aushalten, wenn sie in ihrem Bekanntenkreis angesprochen werden.

Lesowsky: Viele spielen damit. Interessant ist, dass Frauen richtig oft einen Partner fürs Leben suchen, bei den Männern haben wir festgestellt, dass das Aussehen der Frauen einen wesentlich größeren Raum einnimmt. Ein völliges Klischee, aber es ist so.

STANDARD: Worauf muss man achten im Umgang mit Elizabeth T. Spira?

Lesowsky: Wir können schon sehr gut miteinander arbeiten. Natürlich muss man aufeinander eingehen. Ich habe von Frau Spira einen sehr scharfen Blick auf Menschen gelernt. Sie sieht sofort, wie Menschen ticken. Ich habe von ihrem Humor gelernt, ihrem kleinen Unterton, der immer trifft und nie menschenverachtend ist. Den Vorwurf des Vorführens kann ich überhaupt nicht nachvollziehen.

STANDARD: Er zielt darauf ab, dass die porträtierten Menschen die Folgen ihres Medienauftritts nicht abschätzen können und ausgelacht werden.

Lesowsky: Auslachen? Ich sehe das nicht. Vielleicht ist manchmal ein kleines Schmunzeln dabei. Also wenn sie wirklich ganz seltsame Menschen sind, lacht man vielleicht einmal über die eine oder ander Schwäche, die jeder von uns auch irgendwie hat. Ich finde unsere kleinen Porträts aber nie grenzüberschreitend. Wenn jemand ein Messie ist und in einer Messiewohnung wohnt, wie wir das vor zwei Jahren hatten, haben wir darüber geredet, ob wir das machen können. Aber das ist ein einsamer Mensch, und er hat wie jeder auch das Recht, auf die Suche zu gehen.

STANDARD: Wie sehr hat der Schnitt Anteil am Erfolg?

Lesowsky: Der ist sehr hoch, ebenso die Kamera wie die Musik auswahl. Ich bin ununterbrochen mit den Liebesg’schichten und Heiratssachen beschäftigt.

STANDARD: Was wünschen Sie sich vom neuen Generaldirektor?

Lesowsky: Dass die Dokumentationen wieder stärker in den Fokus gerückt werden.

STANDARD: Wie ist die Situation der freien Cutterinnen?

Lesowsky: Schwierig, es wird immer weniger produziert, und es geht immer nur um Quote, Quote, Quote, Quote. Es wäre sehr schön, wenn sich das wieder ein bisschen dorthin bewegt, was öffentlich-rechtliches Fernsehen sein soll.


Tanja Lesowsky (51) ist freie Cutterin, sie saß am Schneidetisch von "Tatort", "Universum" und anderen Filmen und Dokus. Ihre sechste, die insgesamt 20. Staffel von "Liebesg’schichten und Heiratssachen" startet am Montag, 20.15 Uhr. Mit Jennifer Rezny dreht sie eine Jubiläumssendung und das Kulturprogramm "Du Kunst mich mal".

  • Tanja Lesowsky ist Cutterin bei Elizabeth T. Spira.
    foto: lesowsky

    Tanja Lesowsky ist Cutterin bei Elizabeth T. Spira.

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    foto: orf
  • Ab Montag auf ORF 2: "Liebesg’schichten und Heiratssachen".
    foto: orf/hans leitner

    Ab Montag auf ORF 2: "Liebesg’schichten und Heiratssachen".

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