"Mit einer Waffe fühle ich mich einfach sicherer"

Interview2. Juli 2016, 08:00
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Robert Lugar vom Team Stronach und Benimm-Trainer Thomas Schäfer-Elmayer über Entgleisungen im Parlament und Wertekurse

Im STANDARD-Sommergespräch mit Tanzexperte und Buchautor Thomas Schäfer-Elmayer erzählt Robert Lugar, Klubchef des Team Stronach, warum genau er sich eine Schusswaffe zugelegt hat. Für Asylwerber will er künftig gleich an der Grenze eine eingehende Befragung zu deren Integrationswillen, bevor diese nach Österreich kommen dürfen.

Dazu ist Lugars Parlamentsklub gerade am Überlegen, welchen Namen man sich nach Frank Stronachs Rückzug verpassen soll – derzeit seien noch zig Varianten in der Losung.


STANDARD: Grundsatzfrage an den Benimm-Papst: Kann sich ein ungehobelter Mensch auch in fortschreitendem Alter ändern – oder ist das ein hoffnungsloser Fall?

Schäfer-Elmayer: Meiner Überzeugung nach kann sich jeder Mensch in jedem Alter zum Positiven ändern – vorausgesetzt, dass er das will. Das Gegenteil davon ist freilich auch möglich.

STANDARD: Als Klubchef kassieren Sie fleißig Ordnungsrufe im Parlament. Einmal vergleichen Sie Ex-Finanzministerin Maria Fekter (ÖVP) mit einem "Faultier", ein anderes Mal Asylwerber mit den "Neandertalern". Tun Ihnen Ihre Entgleisungen manchmal selbst leid?

Lugar: Man muss hier die Kirche im Dorf lassen. Obwohl viele Abgeordnete Fekter mehrere Tage hintereinander aufgefordert haben, ans Rednerpult zu treten, damit sie sich zu ihrer Rolle bei der verschleppten Abwicklung der Kärntner Hypo erklärt, saß die Ex-Ministerin nur passiv auf ihrem Sessel – und da habe ich gesagt: "Sie sitzen da wie ein betäubtes Faultier!"

Schäfer-Elmayer: Prinzipiell bin ich eher dafür, konstruktive Kritik zu üben – und ein Politprofi sollte stets seine Contenance bewahren. Aber wahrscheinlich waren Sie nach der x-ten Aufforderung frustriert – und wollten damit Fekter offenbar aus der Reserve locken.

Lugar: Natürlich muss man in der Politik wie in der Kunst auch manchmal an die Grenzen gehen, um etwas zu bewegen. Denken Sie etwa an den Wirbel rund um die Schüttbilder.

STANDARD: Mit Verlaub, aber Ihr Neandertaler-Zitat kann man doch wohl kaum mit den Schüttbildern der Wiener Aktionisten vergleichen?

Lugar: Hier habe ich wortwörtlich gesagt, die meisten Asylwerber "haben ein Weltbild wie die Neandertaler", als man Frauenrechte noch mit den Füßen getreten hat – und bei einem Nachsatz habe ich einen Fehler gemacht, ja. Weil ich nicht mehr von diesem Weltbild, sondern davon gesprochen habe, dass die Neandertaler bei uns Gott sei Dank ausgerottet sind.

derstandard.at

STANDARD: Hat man als Mitglied des Nationalrats nicht auch eine besondere Verantwortung im Umgang mit der Sprache?

Schäfer-Elmayer: Natürlich sind solche Pauschalurteile gefährlich – auch, weil es viele gebildete Araber gibt. Ihre Grundkritik verstehe ich, dass wir nicht mehr unreflektiert massenhaft Menschen nach Österreich lassen sollen, die unsere Werte nicht kennen. Denn ich halte die achtstündigen Kurse des Integrationsministers (Sebastian Kurz, ÖVP, Anm.) da für zu kurz gegriffen. Deswegen hat der zum Außenministerium gehörende Integrationsfonds auch ein wesentlich umfangreicheres Programm zur Integrationshilfe für Flüchtlinge.

Lugar: Das sehe ich wie Sie: Wenn Sie jemandem beibringen wollen, mit Messer und Gabel zu essen, reichen wahrscheinlich acht Stunden dafür. Nicht aber, um Asylwerbern unsere Prinzipien zu vermitteln. Aber ich glaube, dass man überhaupt schon an der Grenze feststellen muss: Will sich derjenige überhaupt integrieren? 99 Prozent der Strenggläubigen etwa sind ja der Ansicht, dass das göttliche Recht über unserem Rechtssystem steht.

foto: sarah brugner
"Über tausend Schuss" hat Robert Lugar, seit er in Besitz einer Waffe ist, schon abgegeben. Doch Thomas Schäfer-Elmayer findet eine Pistole im Haus "nicht ohne".

STANDARD: Was fordern Sie dann für diejenigen nach eingehender Befragung – gleich abweisen?

Lugar: Ich will ja niemanden fragen, wer in Österreich Kanzler ist, sondern etwa wie er zu den Rechten der Frauen steht. Außerdem muss man natürlich die Möglichkeiten schaffen, diese Menschen in den Regionen zu betreuen, wo sie herkommen.

STANDARD: Zuletzt bekannten Sie sogar öffentlich, sich wegen der Asylkrise bald eine Waffe zulegen zu wollen. Haben Sie Ihre Glock jetzt eigentlich schon?

Lugar: Ja – und mittlerweile habe ich schon über tausend Schuss abgegeben, um ein bisschen in Übung zu kommen. Zuerst erschrickt man, weil so eine Waffe einen enormen Rückstoß hat.

Schäfer-Elmayer: Dazu möchte ich Ihnen sagen, dass ich sieben Jahre lang in Südafrika gelebt habe – und dort hat mich die Polizei regelmäßig aufgefordert, eine Waffe zu tragen, was ich immer abgelehnt habe. Denn neunzig Prozent der Schussopfer werden mit ihrer eigenen Waffe umgebracht. Also ist es nicht ohne, eine Pistole im Haus zu haben.

Lugar: Hier muss ich schon anfügen, dass ich den Waffenschein machen wollte, seit mir in meinem Haus ein Einbrecher mit dem Fuß ins Gesicht getreten hat – also seit fünfzehn Jahren. Damals habe ich lange schlecht geschlafen. Ich will aber kein Küchenmesser oder einen Baseballschläger auf dem Nachtkastl liegen haben. Mit einer Waffe fühle ich mich einfach sicherer.

Schäfer-Elmayer: Aber Sie sind sicher langsamer als der Einbrecher, der hellwach ist. Er braucht also nur hinlangen – und dann hat er Ihre Waffe schon. Ein Pfefferspray wäre besser. Außerdem dachte ich, dass die Einbrüche bei uns vor allem organisierte Banden und weniger Asylwerber verüben.

Lugar: Aus unserer Kriminalstatistik geht jedenfalls hervor, dass jeder algerische Flüchtling im Schnitt 1,5 Delikte verübt. Bei den Syrern liegt die Quote bei nur 0,17 Prozent. Aber das ist ein Pulverfass, wenn 80 Prozent der Flüchtlinge junge Männer sind – und wir sie tatenlos herumsitzen lassen.

Schäfer-Elmayer: Problematisch ist für mich halt, wenn Sie dabei allen Flüchtlingen unterstellen, sie seien Verbrecher und Gauner. Ich halte ja auch in Gefängnissen Vorträge – und da zeigt sich immer wieder das Problem, das Sie aufzeigen wollen, nämlich dass die jungen Burschen nicht beschäftigt sind, und so kann man auf dumme Gedanken kommen. Ähnlich ergeht es mitunter manchen Flüchtlingen, wenn sie nicht arbeiten dürfen.

foto: sarah brugner
"Pauschalurteile sind gefährlich", erklärt Benimm-Profi Schäfer-Elmayer dem Klubchef. Doch Lugar meint, dass man in der Politik "manchmal an die Grenzen gehen muss".


STANDARD: Angesichts des bevorstehenden Brexit will FPÖ-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer bei Reformunfähigkeit der Union hierzulande ein Referendum zu einem Öxit abhalten – und Sie?

Lugar: Die Union als Friedensprojekt ist aus unserer Sicht um jeden Preis zu erhalten. Aber dafür genügt es, eine eng verflochtene Wirtschaftsgemeinschaft mit dem Euro und Schengen zu haben. Was wir nicht brauchen, ist einen nicht demokratisch legitimierten Zentralstaat, der von Brüssel gelenkt wird. Deswegen treten wir für eine Redimensionierung der EU ein, damit die Völker in Europa wieder einen gewissen Föderalismus leben und auch atmen können.

STANDARD: Und wenn das nicht gelingt: Wäre für Sie dann ein Plebiszit angesagt?

Lugar: Wir müssen auf gleichberechtigte Staaten hinarbeiten, dann gibt es keinen Brexit, keinen Öxit – und auch kein Referendum. Denn wenn wir jetzt anfangen, dass jeder Staat eines abhält, und aus der Emotionalität heraus einer nach dem anderen austritt, dann ist das Friedensprojekt gefährdet – und dieser Schaden wäre nicht wiedergutzumachen.

STANDARD: Möchten Sie in einer "redimensionierten Union" nach Lugar leben?

Schäfer-Elmayer: Ich glaube jedenfalls, dass die Vereinigten Staaten von Europa unrealistisch geworden sind. Dafür sind wir zu viele Nationen und Kulturen auf dem Kontinent – auch wenn es schön wäre, mit einer Stimme in der Welt sprechen zu können und damit auch mehr Gewicht in wichtigen Angelegenheiten zu haben. Aber ein föderales Europa, das unseren lang dauernden Frieden erhalten kann, ist auch ohne Zentralstaat möglich.

STANDARD: Magna- und Parteigründer Frank Stronach zieht sich nun aus dem Team zurück. Er will nicht mehr antreten, kein Geld mehr spenden, seinen Namen nicht mehr zur Verfügung stellen. Ist das die feine englische Art?

Schäfer-Elmayer: Frank Stronach hat unglaublich viel geleistet in seinem Leben. Nur aus der Politik hätte er sich besser fernhalten sollen, finde ich – auch weil er sich im Zuge von Fernsehauftritten lächerlich gemacht hat, was sein Lebenswerk ja teilweise demontiert. Das hätte nicht sein müssen.

Lugar: Ich möchte es mit jemanden vergleichen, der vom Tanzsport begeistert ist und der Ideen für neue Schritte hat: So jemand geht jetzt auf die Bühne, ist zwar komplett ungeübt und zeigt trotzdem die Schritte vor. Also man kann Frank Stronach nicht vorwerfen, dass er nicht die Leidenschaft für Politik hat, aber weil ihm die Übung fehlt, darf man sich nicht wundern, wenn das nicht immer so gelenkig rüberkam.

foto: sarah brugner
Künftig möchte Lugar Befragungen für Asylwerber an der Grenze: "Ich will ja niemanden fragen, wer Kanzler ist, sondern wie er zu den Rechten der Frauen steht."

STANDARD: Also geht es ohne ihn auch ganz gut?

Lugar: Es war von Beginn an klar, dass er für uns eine Anschubfinanzierung macht. Jetzt geht es darum, dass seine Saat aufgeht – und dass wir die Werte kultivieren. Wegen eines neuen Namens für den Klub sind wir noch am Überlegen, da sind sechzig Stück in der Losung. Aber am Ende werden wir das gemeinsam mit Frank Stronach abstimmen, weil es dabei ja quasi um sein Baby geht.

STANDARD: Wie haben Ihnen all die An- und Abwerbeaktionen rund um das Team Stronach gefallen, die stark an die Transfers beim Fußball erinnerten?

Schäfer-Elmayer: Sie wissen, was Churchill immer gesagt hat? "It's the right of great men to change their mind." Einen guten Eindruck machen die Wechsel bei den Bürgern aber nicht, wenn sie jemanden gewählt haben. Denn sie erwarten sich dann, dass der Politiker seine Linie weiterfährt, und nicht, dass er in eine andere Richtung umschwenkt.

STANDARD: Haben Sie ÖVP-Klubchef Reinhold Lopatka schon verziehen, dass er Ihnen einige Abgeordnete abspenstig gemacht hat?

Lugar: Da gibt es nichts zu verzeihen. Meine erste Frau hat mich auch wegen eines anderen verlassen – und im Nachhinein bin ich dafür dankbar, weil ich heute in einer viel glücklicheren Beziehung lebe. Deswegen gibt es auch hier keinen Groll. Lopatka hat uns Menschen genommen, die nicht unsere Gesinnung teilten.

STANDARD: Warum haben Sie heute auf Ihre Krawatte verzichtet?

Lugar: Ich bin ein bisschen underdressed, ich weiß. Aber weil wir hier in der Sonne sitzen, habe ich dann doch auf eine Krawatte verzichtet.

Schäfer-Elmayer: Das tut mir leid, dass Sie sich so fühlen. Doch wir sitzen ohnehin im Schanigarten, aber nur ein paar Meter von meiner Tanzschule entfernt – und ich bin verpflichtet, auch bei über dreißig Grad ein Vorbild für meine Schüler zu sein. (Nina Weißensteiner, 2. 7. 2016)

ZU DEN PERSONEN

Robert Lugar (45), in Tirol geboren, gelernter Elektroinstallateur und einst Mitglied des Judo-Nationalteams, ist seit 2008 Abgeordneter zum Nationalrat. Bevor sich der frühere Inhaber einer Wasseraufbereitungsfirma dem Team des Industriellen Frank Stronach anschloss, war er bei der FPÖ, beim BZÖ und als wilder Mandatar im Parlament tätig. Ab 2012 war Lugar schon einmal Klubobmann, ehe er durch Kathrin Nachbaur ersetzt wurde. Seit August 2015 hat er die Funktion wieder inne.

Thomas Schäfer-Elmayer, Jahrgang 1946 und in Vorarlberg aufgewachsen, ist seit 1987 Leiter der Tanzschule Elmayer. Der studierte Wirtschaftswissenschafter (in Wien und Sankt Gallen) berät auch Firmen in Fragen der Unternehmenskultur und Business-Etikette. Bis 2009 leitete Schäfer-Elmayer die Debütanten beim Wiener Opernball, seit 2006 ist er als Juror der ORF-Show Dancing Stars präsent. Im selben Jahr wurde ihm der österreichische Berufstitel "Professor" verliehen.

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