Wie ein 19-Jähriger Stars wie Conchita Wurst anzieht

Interview18. Juli 2016, 09:41
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Der deutsche T-Shirt-Macher Eric Wodegnal ist 19 Jahre alt, seine T-Shirts werden trotzdem schon von Stars wie Conchita Wurst und Fettes Brot getragen

Da sitzt er, der 19-jährige Eric Wodegnal aus Hannover: Er trägt schwarze Trainingshosen von Adidas, Yeezy-Sneaker, aus dem kurzärmligen T-Shirt von Supreme lugen jede Menge Tattoos ("Die haben alle keine Bedeutung"), auf seinem Kopf sitzt eine schwarze Baseballcap mit russischem Schriftzug. Wodegnal besucht die Fachhochschule für Mode und Design in Hannover, hat aber bereits mit 15 sein Label MTAS ("More than a shirt") gegründet. Mittlerweile tragen seine T-Shirts Conchita Wurst, McFitti und Fettes Brot.

STANDARD: Es gibt tausende T-Shirt-Produzenten. Warum entwerfen Sie welche?

Wodegnal: Sie stehen für "Normalität" und Zugänglichkeit, sie sind relativ günstig und für viele leistbar. Bei größeren Labels verkaufen sich ja bekanntermaßen auch die T-Shirts am besten.

STANDARD: Mit teuren T-Shirts würden Sie Ihre jugendliche Zielgruppe sicherlich verprellen ...

Wodegnal: Ich will meine Fans nicht enttäuschen, aber ich könnte wahrscheinlich auch nicht mehr schlafen, wenn ich einen Pullover für 500 Euro anbieten würde. Den würden vielleicht sogar einige kaufen, das Produkt würde mir aber nicht entsprechen. Ich selbst würde nie so viel Geld für einen Pullover ausgeben.

STANDARD: Authentizität ist Ihnen wohl wichtig?

Wodegnal: Ich hasse Marketing, ich habe noch nie einen Cent für Werbung ausgegeben. Ich mag Marken wie Supreme: Die haben nie Werbung geschaltet, genau das finde ich spannend. Oder Palace Skateboards, das war mal ein ganz normaler Skateboard-Shop. Irgendwann wurde der extrem gehypt. Ich mag, wenn man sich nicht wie ein normales Label geriert, sondern sich dem herkömmlichen Marketing verweigert.

STANDARD: Welche Labels mögen Sie sonst so?

Wodegnal: Den Russen Gosha Rubchinskiy finde ich super, er macht völlig normale Jeans, T-Shirts, Pullover. Alles was er macht, kann man auch tragen. Rubchinskiy wird dafür gefeiert. Wenn ich hingegen simple T-Shirts mache, werde ich dafür kritisiert: Ist der etwa Designer, fragt man dann. Mir ist das aber egal, ich würde mich auch nicht als solcher bezeichnen. Das ist in etwa so uncool wie über sich selbst zu sagen, man sei Künstler.

STANDARD: Sie interessieren sich aber schon für Mode ...

Wodegnal: ... ich gehe nicht auf Modenschauen, ziehe mich nicht extrem an. Ich finde die Modewelt und die Industrie dahinter schrecklich, keiner gönnt dem anderen etwas. Aber ich schaue mir im Internet die ganzen Schauen an. Die Rosenprints bei Dolce & Gabbana oder Chanel liebe ich, auch wenn ich das nicht in meiner Mode auslebe.

foto: eric wodegnal

STANDARD: Immerhin verhandeln Sie auf ihren Shirts große Themen wie Liebe, Tod und Religion. Warum so pathetisch?

Wodegnal: Ich bin ein nachdenklicher Mensch, das inspiriert mich eben. Es gibt auch einfach viel zu viele "gute Laune"-Labels. Ich mag die frühen Sachen von Raf Simons, die waren ja auch ziemlich düster.

STANDARD: Pessimismus verkauft sich aber auch gut, oder?

Wodegnal: Es geht mir nicht zuallererst um Verkäuflichkeit, aber scheinbar treffe ich einen Nerv. Das hat auch damit zu tun, dass ich meine eigene Zielgruppe bin. Ich stelle mir vorher immer Fragen: Würde ich für dieses T-Shirt so viel Geld ausgeben, würde ich solch ein T-Shirt bestellen und dann tatsächlich tragen?

STANDARD: Sie haben mit einem T-Shirt-Spruch gegen Homophobie für Aufsehen gesorgt. Möchten Sie Leute zum Nachdenken anregen mit Ihrer Mode?

Wodegnal: Eigentlich nicht. Ich hasse alles Angestrengte, zum Beispiel schwere Musik, die Welt ist schwer genug.

foto: eric wodegnal

STANDARD: Warum sind Ihnen solche Themen trotzdem ein Anliegen?

Wodegnal: Das ist das normalste der Welt. Ich finde unglaublich, dass Homophobie 2016 noch ein Thema ist.

STANDARD: Nach Orlando hätten Sie gleich noch weitere Varianten des T-Shirts auflegen können ...

Wodegnal: Wäre ich ein Marketinggenie ja, dann hätte ich es in vielen weiteren Farbvariationen herausgebracht. Ich hätte mit meinen "No Place for Homophobia"-Produkten jede Menge Geld machen können: Firmen wollten mir sogar das Motiv abkaufen, weil so viele Prominente das Shirt getragen haben.

STANDARD: ... wie zum Beispiel Conchita Wurst. Wie kams dazu?

Wodegnal: Sie war bei der Vorentscheidung zum Eurovision Songcontest in Hannover. Ich fand sie super und habe den Stylisten angeschrieben. Als sie das T-Shirt hatte, hat sie ein Bild gemacht und dann ein Foto gepostet.

Danke @conchitawurst ! #noplaceforhomophobia

Ein von der sterbende schwan (@mtastyp) gepostetes Foto am

STANDARD: Sie haben ein Händchen für Prominente, da gibt es einige, die Ihre T-Shirts tragen ...

Wodegnal: Oft ist das Zufall, ich kann meine T-Shirts auch nur an Leute weiter geben, die ich gut finde. Ich würde zum Beispiel nie auf einen "Gute Zeiten, schlechte Zeiten"-Darsteller zugehen.

STANDARD: Sie drucken oft Sprüche auf Ihre Shirts: Passen die in eine Zeit verkürzter Botschaften?

Wodegnal: Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, ich würde eher sagen, dass ich Minimalist bin und deswegen schlicht gestaltete T-Shirts mag. Ich finde es viel schwieriger, aus wenig viel zu machen, laute Dinge finde ich anstrengend anzuschauen.

STANDARD: Was unterscheidet Ihre T-Shirts von H&M-Shirts?

Wodegnal: Wenn man meine T-Shirts kauft, dann tut man das, weil man mich und alles, wofür ich stehe, kennt. Würden meine Sachen bei H&M hängen, würden sie sich nicht verkaufen – zumindest teilweise.

foto: eric wodegnal
Minimalistisches Bekenntnis aus Eric Wodegnals Kollektion

STANDARD: Warum machen Sie das Internet auf Ihren T-Shirts zum Thema?

Wodegnal: Das Internet ist Himmel und Hölle zugleich. Ich bin als Kind noch ohne Handy aufgewachsen, mit 16, 17 gabs dann Schüler VZ, heute hat jeder Internet-Rambo eine Meinung.

STANDARD: Wofür stehen Sie?

Wodegnal: Ich stehe für die Jugend oder zumindest einen Bruchteil dieser Jugend. Schwierig zu sagen, ich stelle mir normalerweise solche Fragen nicht.

STANDARD: Aktuell beschäftigen Sie sich mit zerrissenen T-Shirts. Kann man 40 Jahre nach Punk damit noch jemanden hinter dem Ofen hervorlocken?

Wodegnal: Ich finde das "distressed"-Thema einfach nur cool, da steht kein großartiger Punk-Gedanke dahinter. Und naja, echte Punks würden mich wahrscheinlich schlagen, wenn sie die T-Shirts sehen würden. (Anne Feldkamp, 18.7.2016)

  • Der 19-jährige T-Shirt-Macher Eric Wodegnal.
    foto: cropped magazine

    Der 19-jährige T-Shirt-Macher Eric Wodegnal.

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