Glosse "Wortkunde": Anglizismus

Glosse3. Juli 2016, 09:00
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Anglizismen sind Begriffe aus dem Englischen, die von anderen Sprachen übernommen wurden

Großbritannien hat sich von der EU losgesagt. Das ist schade, denn es hat uns und dem Rest der Welt einiges geschenkt: Kajagoogoo, Take That oder Susan Boyle – ja, in der Popkultur sind die Briten ganz vorn dabei, da gibt es nichts, sogar das Staatsoberhaupt ist eine Band: Queen.

Dass wir ein Wort wie Queen so lässig in einen deutschsprachigen Text einfließen lassen können, hat einen Grund. Man spricht von einem Anglizismus. Das sind Begriffe aus dem Englischen, die von anderen Sprachen übernommen wurden. Schwein gehabt, denn ohne Anglizismen hätten wir keine Ahnung, welche Challenge uns das Leben täglich stellt und wie wir bei dessen Bewältigung performen.

Doch nicht alle finden Anglizismen okay. Germanisten (Englisch: krauts) meinen, ihr Gebrauch sei ein Zeichen dafür, dass die deutsche Sprache in den Süden geht, aber das ist natürlich Bullshit. Daraus spricht nur der Neid, dass dieser Austausch relativ einseitig verläuft, dass der Austriacism im Vergleich zum Anglizismus ziemlich abstinkt.

Kein Brite käme auf die Idee, "I have one sitting" zu sagen, bloß weil er sich den Frühstückswein gar feiertäglich eingeschenkt hat. Anglizismen, so lautet ein Vorwurf ihrer Gegner, verrohten unsere Sprache. Hm. Das hat was.

Selbst als Schöngeist gibt man zu, dass ein schnelles "Fuck yourself!" situationsbedingt mehr Effekt erzielt als ein restromantisches "Why don't you go and make love to yourself". Wobei die Gelassenheit dieser Formulierung im Sinne der angestrebten Demütigung des Adressaten durchaus Wirkung zeigen kann, solange der Terminkalender Zeit für dessen Verwendung erlaubt.

Eine Eigenheit des Anglizismus ist das Phänomen des "wordly translated". Ein bekanntes Beispiel dafür ist das bis in den Kern der heimischen Politik vorgedrungene "at the end of the day". Das ist bloß ein blumig formuliertes "im Endeffekt", das hierzulande zur Floskel "am Ende des Tages" krepiert ist. Anstatt weltmännische Eloquenz zu verströmen, beweist eine derart formulierende Person lediglich, dass das Englische nicht ihre Tasse Tee ist. (Karl Fluch, 3.7.2016)

  • Germanisten sehen Anglizismen als Symptom für den Verfall der deutschen Sprache.
    foto: reuters / jon nazca

    Germanisten sehen Anglizismen als Symptom für den Verfall der deutschen Sprache.

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