Julya Rabinowich: Big Sister am See

Kolumne1. Juli 2016, 17:00
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Der Bachmannpreis, Ingeborg gewidmet, feiert heuer zum 40. Mal Literatur und Diskurs

Wenn die Hitze wächst, Kritiker Flugzeuge und Züge besteigen und Journalisten ihre Federn auf tödliche Schärfe wetzen, dann wirft die Konkurrenz Fernseher an und geht vorsorglich in wachsame Lästerstellung. Freunde und Angehörige wischen Schweiß von den Stirnen und umklammern Daumen, bis es schmerzt.

Die Kandidaten früherer Staffeln übten immerhin bisweilen Materialvernichtung bis hin zur Selbstverletzung aus. Irgendwer wird am Ende ein Foto bekommen. Und einen Publikumspreis.

Man kann dennoch von Glück sprechen, dass die Tage der deutschen Literatur für alle Teilnehmenden immer noch auf Freilandhaltung mit Auslauf setzen und nicht auf den Container. Der Wörthersee ist eine zu schöne Kulisse dazu.

Big Sister is dennoch watching you. Und ihr neunzigster Geburtstag wird auch noch gefeiert. Der Bachmannpreis, Ingeborg gewidmet, feiert heuer zum 40. Mal Literatur und Diskurs.

Der Nationalismus der freien Künste feiert hingegen fröhliche Urständ, bei allen Teilnehmenden wird betont, wer woher kommend für welches Land angetreten ist. Der Hintergrund der Migration darf nicht fehlen. Ebenso brisant: wer für Österreich, Schweiz und Deutschland am Jurytisch die Fauteuils drückt. Man fühlt sich versucht zu schreien: Aber es geht doch um Literatur! Nicht um Geografie und Staatsgefüge! Gerade jetzt will man das schreien, lauter denn je.

Es gibt unausgesprochene Gesetze, nach deren Verschlüsselung Siegerinnen und Sieger ermittelt werden sollen. Manchmal streikt das Bachmannorakel. Dann gibt es Tex Rubinowitz.

Lesende sollten sich vor Betreten der Arena entscheiden, ob sie es lieber mit den Müttern Spartas oder mit Dante halten wollen. Zwischen "Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren" und "mit dem Schild oder auf ihm" bleibt auch nicht allzu viel Spielraum. Das "Scheiß drauf"-Modell ist zwar dem Modell mit dem Fahrenlassen artverwandt und eine dritte Möglichkeit.

Hat aber zumeist den Schönheitsfehler, nicht allzu glaubwürdig zu wirken. Auch wenn man selbst es wirklich gerne glauben möchte – als Zuschauende und als Betroffene. Es geht immerhin um Etikettierung, Ruhm, tiefe Verunsicherung, große Erwartungen und ein wenig Geld. Bachmann war unberechenbar, und so ist auch die Gruppendynamik der Tafelrunde. Lasset die Spiele beginnen. (Julya Rabinowich, 2.7.2016)

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