Alleinerzieherin: Wenn der Sohn der Mann im Haus ist

Kolumne3. Juli 2016, 17:00
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Warum es Buben überfordert, wenn sie sich für Wohlergehen und Lebensglück der Mutter verantwortlich fühlen

Frage:

Leider weiß ich gerade nicht weiter mit meinem Sohn beziehungsweise wie ich ihm helfen kann, und ich hoffe inständig, dass Sie mir die Augen öffnen können! Ich bin Alleinerzieherin eines fast vier Jahre alten Sohnes und eines drei Monate alten Mädchens. Es gab keine Trennung, da ich nie mit dem Vater meiner Kinder zusammengelebt habe, die Sache ist etwas komplizierter. Er besucht uns einmal pro Woche inklusive Übernachtung, und wir haben ein gutes Verhältnis. Ich lebe ohne Familie allein mit meinen Kindern. Womit wir schon beim Thema sind:

Ich glaube, mein Sohn ist zu sehr an mich gebunden, da er keine andere dauerhafte Bezugsperson hat. Er geht sehr ungern in den Kindergarten und entwickelt wahrscheinlich gerade Trennungsangst. Er denkt ständig, mir könnte etwas passieren, er redet dauernd über den Tod und was mit uns danach ist. Er will sich kaum noch mit anderen Kindern treffen und auch sonst wenig aktiv sein außerhalb von zu Hause. Sein Spielzeug verteidigt er – und wenn wir woanders sind und gehen wollen, sucht er alles zusammen, damit wir bloß nichts vergessen. Ich möchte ihm so gerne eine unbeschwerte Kindheit ermöglichen. Vielleicht können Sie uns helfen?

Antwort:

Ich verstehe Ihre Bedenken sehr gut, und es sollte sich tatsächlich bald etwas ändern. In meinen ersten zehn Jahren als Therapeut habe ich mit alleinerziehenden Müttern gearbeitet – darum weiß ich, dass das Verhalten Ihres Sohnes, wie Sie es beschreiben, sehr typisch ist für Buben, die sich selbst als "Mann im Haus" sehen. Ihr Sohn fühlt sich mehr für Ihr Wohlergehen verantwortlich als er sollte. Das ist in einem Haushalt mit nur einem Elternteil oft der Fall: Alle Kinder fühlen sich verantwortlich, hin und wieder gerät diese Situation in ein Ungleichgewicht und muss korrigiert werden. Denken Sie vielleicht einmal darüber nach, wie sehr Sie Ihren Sohn als nahen erwachsenen Freund wahrnehmen.

Ich bin mir aber nicht sicher, ob das ein Zeichen einer starken Bindung zu Ihnen ist oder eher damit zu tun hat, dass Ihr Sohn keinen anderen nahen Erwachsenen dauerhaft in seinem Leben hat. Da Sie Ihren Sohn natürlich besser kennen, liegen Sie vielleicht richtig mit Ihrer Einschätzung. Meiner Erfahrung nach hat das Verhalten Ihres Sohnes mit der Beziehung zwischen Ihnen beiden und insbesondere damit zu tun, wie Ihr Sohn Sie und Ihre Bedürfnisse erlebt.

Ich empfehle Ihnen, das Gespräch mit Ihrem Kind zu suchen und etwa so zu beginnen: "Mir ist aufgefallen, dass Du Dich oft um mich sorgst und sehr stark versuchst, mir in meinem Leben zu helfen. Es freut mich, dass Du das tust, aber ich glaube, dass es zu viel für Dich geworden ist. Um das herauszufinden, brauche ich Deine Hilfe: Kannst Du mir bitte sagen, warum Du glaubst, dass ich viel Hilfe brauche?"

Sollte er nicht verstehen, was Sie meinen oder auf Ihre Frage nicht reagieren, versuchen Sie eine andere Annäherung, etwa so: "Es sieht so aus, als würde Dich der Gedanke sehr beschäftigen, was passiert, wenn ich sterbe. Ich bin neugierig und möchte wissen, was Dich dazu bringt. Versuchen Sie bei Kindern Warum-Fragen zu vermeiden. Diese verlangen nach psychologischen Erklärungen beziehungsweise Spekulationen als Antwort, die Kinder nicht anbieten können.

Ihr Sohn wird Ihnen wohl nicht sofort eine Antwort geben oder reagieren. Deponieren Sie die Frage einfach in seinem Kopf, und es wird ein kreativer Prozess einsetzen. Sobald er mit Antworten zu Ihnen kommt, können Sie die Gelegenheit nutzen, ihm zu sagen, dass Sie sehr gut auf sich selbst und Ihr Leben aufpassen können und dass Sie nicht möchten, dass er sich für Sie verantwortlich fühlt. Sagen Sie ihm, dass Sie sein Mitgefühl sehr schätzen, dass er aber bitte nicht glauben muss, dass er auf Sie aufpassen soll. Denn das ist Ihr Job!

Was Sie als Trennungsangst bezeichnen, ist eine andere Angst als die, die entsteht, weil Ihr Sohn glaubt, dass er nicht ohne Sie sein kann. Das Dilemma Ihres Sohnes ist eher diese Idee, dass Sie nicht ohne ihn sein können. Wenn Sie sich in seine Perspektive und Sichtweise hineinversetzen, inspiriert Sie das vielleicht dazu, sich zu fragen, wie Sie Ihre Lebensweise etwas verändern können. (Jesper Juul, 3.7.2016)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Seine nächste Kolumne erscheint am 17.7.2016.

  • "Warum glaubst Du, dass ich Hilfe brauche?" – Diese Frage der Mutter an den Sohn kann der Beginn einer Veränderung sein.
    foto: istockphoto.com/tatyana tomsickova

    "Warum glaubst Du, dass ich Hilfe brauche?" – Diese Frage der Mutter an den Sohn kann der Beginn einer Veränderung sein.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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