Neuer IHS-Chef will neue Gelder aufstellen

1. Juli 2016, 13:31
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Ökonom aus Salzburg leitet Institut ab 1. September

Wien – Der neue wissenschaftliche Leiter des Instituts für Höhere Studien (IHS) in Wien, der Ökonom Martin Kocher (42), will die Forschungstätigkeit des Instituts verstärken, zusätzliche Budgetgelder aufstellen und sich auch aktiv in den wirtschaftspolitischen Diskurs einbringen. Der gebürtige Salzburger, derzeit an der Uni München tätig, übernimmt die Leitung mit 1. September.

Derzeit ist das IHS nicht einmal zur Hälfte über Forschungsaufträge finanziert. Die Basismittel dagegen kommen stark über mehrere Ministerien, vor allem das Finanzressort, das allein gut ein Drittel der 9,5 Millionen Euro Jahresbudget beisteuert. Er wolle die Politik überzeugen, dass es ein Wert an sich sei, wenn ein unabhängiges Institut Fakten erstelle. Für die nächsten Jahre sei das IHS mit knapp 100 Leuten aber finanziert, so Kocher am Freitag bei seiner Vorstellung: "Wir werden versuchen, die Finanzierungssituation zu verbessern. Das geht immer."

Der Vertrag mit dem Finanzministerium läuft laut Franz Fischler, dem IHS-Kuratoriumsvorsitzenden, bis Ende 2018, man bemühe sich um zwei Jahre mehr. Es werde von den Ministerien – auch jenem für Wissenschaft/Wirtschaft – schon "erwartet, dass wir stärker Forschungsaufträge lukrieren", so Fischler. Früher zahlte zudem die Stadt Wien dem IHS die Miete in der Stumpergasse, jetzt ist man in der Josefstädter Straße bei der BIG eingemietet.

"Enormes Zukunftspotenzial

Der momentan in München lehrende Uni-Professor, spezialisiert auf Verhaltensökonomie, sieht für das IHS ein "enormes Zukunftspotenzial, das man heben kann". Seine Vision – und die seines Teams und der zuständigen Gremien des Instituts – sei es etwa, Interdisziplinarität in der Forschung zu leben sowie die akademische Forschung und die angewandte Forschung miteinander zu verbinden, "da darf es keine Disparität geben", so Kocher. Wesentlich sei auch eine "Evidenzbasierung" – keine theoriefreie Arbeit, aber ein Vorgehen mit einer modernen Methodik, um Fakten ohne jede Verzerrung darzustellen.

Das IHS solle "über Österreich hinaus als forschungsstarkes und lösungsorientiertes Institut" positioniert werden, so Kocher. Zudem sei es ihm ein Anliegen, ökonomische Zusammenhänge auch an die Öffentlichkeit zu transportieren. Die Vorstellung der Menschen darüber, das Wissen, sei nämlich "relativ gering", konstatierte der Uni-Professor, der 2007 in Innsbruck habilitierte und danach unter anderem in Amsterdam und Norwich in England sowie über Gastprofessuren in Göteborg und Brisbane tätig war.

Übergangsphase

Mit seinem fünfjährigen Vertrag als IHS-Direktor folgt der als international gut vernetzt geltende Volkswirtschafter auf Christian Keuschnigg. Aktuell forscht und lehrt Kocher an der Ludwig-Maximilians-Uni in München. Im Studienjahr 2016/17 wird er dort noch in Teilzeit tätig bleiben – für insgesamt 13 Monate – und ab Herbst 2017 dann Vollzeit beim IHS in Wien sein. "Wenn man jemanden mit internationaler Reputation finden will, braucht es eine gewisse Übergangsphase", sagte Fischler. Zunächst werde Kocher zwischen den beiden Städten pendeln, zum Beispiel ein, zwei Tage in München und den Rest in Wien arbeiten, so der designierte IHS-Chef.

Der Ökonom war der Wunschkandidat des Kuratoriums, erinnerte Fischler, der nunmehr offiziell Gekürte galt schon vor Monaten als aussichtsreichster Kandidat. In der Findungskommission hätten Wissenschafter die Entscheidung getroffen, dieser habe sich das Kuratorium einstimmig angeschlossen. Gefordert gewesen seien die wissenschaftliche Qualifikation, Erfahrung im Change Management, die Bereitschaft, eine klare Vision für das IHS zu entwickeln sowie gute kommunikative Fähigkeiten.

Neues Leitbild

Vor einem Jahr habe sich das IHS ein neues Leitbild gegeben, erinnerte Fischler. Dabei sei festgelegt worden, dass das Institut binnen fünf Jahren "ein aktives, in Europa stark sichtbares wirtschafts- und sozialwissenschaftliches Forschungszentrum" sein solle. Man wolle die Themenführerschaft im deutschsprachigen Raum erreichen und sich auch stärker in Unis in der Umgebung einbinden sowie die Politik beraten. Das stark reglementierte Master-Ausbildungsprogramm wolle das IHS aufgeben und dafür wirtschaftspolitischen und wirtschaftswissenschaftlichen "Nachwuchs auf höchstem Niveau, ab Dissertanten", heranzuziehen. "Daher", so Fischler, "streben wir engere Kooperationen mit Universitäten an, zum Beispiel Joint-Professuren".

Bei den gewohnten vierteljährlichen Konjunkturprognosen gemeinsam mit dem Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) wird das IHS laut Kocher auch künftig mitmachen. Es treffe sich gut, dass beim Wifo jetzt, ebenfalls per 1. September mit Ex-WU-Rektor Christoph Badelt als Nachfolger von Karl Aiginger auch ein neuer Chef antrete; mit Badelt wolle er sich schon in Kürze treffen und inhaltlich austauschen.

Der dynamisch wirkende 42-Jährige verfügt jedenfalls über einen langem Atem. Als passionierter Langstreckenläufer legt der in Altenmarkt/Zauchensee geborene verheiratete Ökonom gern auch einmal die volle Marathondistanz von 42 Kilometern zurück. (APA, 1.7.2016)

  • Folgt Christian Keuschnigg nach: Martin Kocher.
    foto: apa/helmut fohringer

    Folgt Christian Keuschnigg nach: Martin Kocher.

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