Del Bosque geht in Pension – Kritik an Unruhestifter Casillas

1. Juli 2016, 12:44
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Vicente del Bosque hätte auch im Erfolgsfall als spanischer Teamchef aufgehört. Zum Abschied erzählte er über die Streitereien innerhalb der Mannschaft. Tormann-Ikone Iker Casillas hatte sich mit seiner Reservistenrolle nicht abgefunden.

Madrid – Vicente del Bosque verkündete höchstpersönlich das Ende einer Ära, offenbarte aber auch gleichzeitig tiefe Gräben in der erfolgsverwöhnten Mannschaft der Furia Roja bei der EURO 2016. "Ich habe allen Spielern Nachrichten geschrieben, bis auf einen: Casillas", sagte der 65-jährige Coach in einem Radiointerview dem Sender RNE. Und berichtete erstmals vom offenbar tiefen Zerwürfnis mit Spaniens Torwart-Ikone Iker Casillas (35).

Nach 167 Länderspielen für die Iberer war der Keeper des FC Porto bei der EM-Endrunde zur Nummer zwei hinter David de Gea (25 / Manchester United) degradiert worden. "Bei seinen Mitspielern hat er sich korrekt verhalten, aber mit dem Trainerstab war es so lala", sagte del Bosque, "er hat sich von mir ungerecht behandelt gefühlt, aber auch vom Konditionstrainer Javier Minano und Assistent Toni Grande. Er war verärgert über uns, schmollte."

Erstaunlich offene Worte des langjährigen La-Roja-Coaches, der seit seinem Amtsantritt 2008 selten Interna über die spanische Auswahl in der Öffentlichkeit verbreitet hatte. Vor zwei Tagen hatte Casillas wiederum die Nation mit seiner sibyllinischen Videobotschaft in den sozialen Netzwerken verwirrt und irritiert. Er hatte eine Sequenz aus dem Film Rambo II mit Sylvester Stallone gepostet, in dem John Rambo zu Oberst Sam Trautman sagte: "Dass dich dein Land genauso lieben sollte, wie du es liebst." Fühlte sich Casillas nicht entsprechend wertgeschätzt? In Spanien war das jedenfalls als Hinweis auf einen Rücktritt von Casillas aus dem Nationalteam gedeutet worden, perfekt ist dieser aber noch nicht.

Mann der Tat

Del Bosque setzte seinen Abschied, der allgemein erwartet worden war, hingegen relativ zügig in die Tat um. "Ich werde meinen Vertrag bis zum 31. Juli erfüllen, dann aber als Trainer nicht mehr weitermachen", betonte del Bosque drei Tage nach der 0:2-Niederlage gegen Italien und dem Aus im Achtelfinale. "Ich verlasse die Trainerbank, obwohl ich immer in der Nähe sein werde und hoffe, dass die Dinge gut laufen im spanischen Fußball. Wenn ich kann, helfe ich gerne."

Die Träume der roten Furie, den Titel in Frankreich erfolgreich zu verteidigen und die Schmach des Vorrunden-K.-o. bei der WM 2014 in Brasilien zu tilgen, wurden nicht Wirklichkeit.

Als es darauf ankam, konnte Spanien nicht mehr zulegen und wurde von den Azzurri taktisch beherrscht. Die goldene Generation, die schon 2014 entzaubert wurde, dankt endgültig ab. Zwar beherrschten die Vereine die europäischen Klubwettbewerbe, aber bei der EURO endete die Erfolgssträhne abrupt. Real Madrid (im Endspiel gegen Atlético Madrid) in der Champions League und Dauersieger FC Sevilla in der Europa League setzten den Erfolgsweg im Europacup fort, das Nationalteam hat viel bis alles von einstigem Glanz eingebüßt. Ein neuer Coach muss es richten.

Diskretion

Del Bosque wäre auch bei einer erfolgreicheren EURO gegangen. Die Sportzeitungen Marca und Asberichteten, dass bereits seit dem 23. Dezember des Vorjahres, dem Tag von del Bosques 65. Geburtstag, sein Abgang feststehe. Dies habe der Nationalcoach der Verbandsspitze mitgeteilt. Und mehr noch: Schon im Juni davor, nach seinem 100. Länderspiel als Trainer, habe del Bosqueangekündigt: "Ich gehe nach Frankreich 2016 in Pension. Das ist entschieden." Man habe dieses Thema "mit Diskretion" behandelt, erklärte der scheidende Coach nun. "Die Entscheidung ist aber von langer Hand getroffen worden."

Die Del-Bosque-Nachfolgesuche wird wohl noch ein wenig andauern. Verbandspäsident Ángel María Villar Llona favorisiert angeblich den Basken Julen Lopetegui, der im Jänner beim FC Porto entlassen wurde. Gesucht wird wieder ein spanischer Fußballlehrer, nachdem Luis Aragonés (EM-Titel 2008) und del Bosque die erfolgreichste spanische Nationalmannschaftsära eingeleitet hatten. Die Anhänger favorisieren in einer mehr oder weniger repräsentativen Umfrage der Zeitung Marca Paco Jémez (28,4 Prozent) vom FC Granada als Nachfolger. Bei den AS-Lesern steht hingegen der derzeit vereinslose Joaquín Caparrós hoch im Kurs. Der 60-Jährige hat schon alle möglichen spanischen Klubs trainiert, Real Madrid und den FC Barcelona allerdings nie. Bis 2015 betreute er Granada CF, davor unter anderem Levante UD und RCD Mallorca. Seine erfolgreichste Zeit hatte der Andalusier 2000 bis 2005 beim FC Sevilla, den er zweimal in den Uefa-Cup führte.

Verbandspräsident Villar gilt übrigens als möglicher Kandidat für die Nachfolge des gesperrten Uefa-Bosses Michel Platini. Bis zum 20. Juli müsste der 66-Jährige seine Bewerbung abgeben. Die Wahl des Nationaltrainers würde er dann seinem Nachfolger überlassen. (sid, red, 02.07.2016)

  • Der berühmteste Schnauzer des Fußballs geht in Pension. Vicente del Bosque ist trotz der verpatzten EURO überzeugt, dass der spanische Kick eine rosige Zukunft hat.
    foto: imago/bpi

    Der berühmteste Schnauzer des Fußballs geht in Pension. Vicente del Bosque ist trotz der verpatzten EURO überzeugt, dass der spanische Kick eine rosige Zukunft hat.

  • Iker Casillas soll während der EURO Unruhe gestiftet haben. Der Tormann hat unter der Reservistenrolle gelitten und tat dies auch kund.
    foto: apa/afp/mehdi fedouach

    Iker Casillas soll während der EURO Unruhe gestiftet haben. Der Tormann hat unter der Reservistenrolle gelitten und tat dies auch kund.

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