Schaudepot von Vitra: Eine Kirche fürs Gestühl

3. Juli 2016, 08:00
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Der Campus des deutschen Möbelherstellers Vitra hat ein neues Schaudepot für seine Designklassiker bekommen. Herzog und de Meuron inszenierten das Stuhllager als sakrale Urhütte

Wie ein Tempel unbekannter Konfession und unbekannten Alters sieht es aus. Ein millimeterdünnes schwarzes Satteldach über grob gebrochenem, leuchtendrotem Ziegel. Keine Fenster, nur in der Mittelachse eine hohe, schmale Tür. Das Ganze thront auf einem erhöhten, abgetreppten Vorplatz, wie eine Kultstätte, an der Hohepriester Opfer darbringen.

Was so archaisch daherkommt, ist eigentlich etwas ganz Banales: ein Möbellager. Aber der Vitra-Campus auf dem Firmengelände des gleichnamigen Möbelherstellers im deutschen Weil am Rhein war noch nie ein Hort der Banalität. Was als Neuanfang nach einem Brand 1981 begann, wurde unter der Leitung des Vitra-Chefs Rolf Fehlbaum zu einer Art "Stars auf der Wiese"-Schau.

Den Neubauten von Nicholas Grimshaw folgten 1989 das Vitra Design Museum von Frank Gehry und 1993 das Feuerwehrhaus von Zaha Hadid, ihr erster realisierter Bau, dem man seine 23 Jahre heute kaum ansieht. Weiteres aus der Pritzker-Preis-Liga: eine Lagerhalle von Alvaro Siza, 2010 die hoch übereinandergetürmten schwarzen Langhäuser des VitraHaus-Showrooms von Herzog und de Meuron und zuletzt die zartweiße, runde Halle des japanischen Büros SANAA.

Neue Räume nötig

Der Vitra-Campus hat sich dadurch nicht nur zum Besuchermagneten entwickelt, auch die Sammlung ist stetig angewachsen und umfasst über 100.000 Objekte. Es mussten also abermals neue Räume her. Doch diesmal sollte es kein spektakuläres Schaustück sein. "Wir wollten keine Architektur, die knallt", so Vitra-Kodirektor Marc Zehetner. "Die Objekte sind die Stars und sollten im Vordergrund stehen." Der emeritierte Vorsitzende Rolf Fehlbaum bekräftigt: "Der Vitra-Campus ist ein Produktionsort, kein Museum." Als Partner für diese Sachlichkeit wählte man die Schweizer Herzog und de Meuron, die somit zum zweiten Mal auf dem Campus antreten durften.

Nun ist es ja so: Wenn Schweizer ihre Bescheidenheit beteuern, heißt es aufpassen. Denn helvetische Zurückhaltung kommt nicht als Arte povera, sondern millimetergenau präzise und mit luxuriös-sinnlichen Oberflächen daher. So auch beim Schaudepot: Museal ist es nicht geworden, aber auch nicht bescheiden. Ähnlich wie die fast zeitgleich eröffnete New Tate Modern in London (der Standard berichtete) wächst es archaisch und wuchtig aus einem industriellen Bestandsbau heraus.

Durchs Guckfenster

Im Inneren sind 430 ausgewählte Objekte chronologisch in hohe Regale geschlichtet, vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zu den 3-D-gedruckten Sesseln von heute. Neben Klassikern von Eames, Loos und Colombo findet sich auch Unbekanntes wie ein Flugzeugsessel aus den 1940er-Jahren. Bonbonbunte Farbexplosion mittendrin: die Sessel aus den Sixties mit Verner Pantons Kunststoff-Sinnlichkeit.

Die letzten Zweifel an der sakralen Aura des "Urhauses" werden dann durch das wie ein Kruzifix auf der Stirnseite thronende Ettore-Sottsass-Regal "Carlton" von 1981 zerstreut. Das Gros der Sammlung bleibt jedoch unzugänglich im Keller und ist nur durch Guckfenster zu erspähen, die Rekonstruktion des Büros von Charles und Ray Eames ist etwas unrühmlich als Glasvitrine in einem schmalen Gang versteckt.

Klares Statement

Fazit: ein Tempel oder einfach nur ein Haus mit Möbeln? Ein klares Statement mit räumlicher Präsenz auf jeden Fall, auch wenn den Schaustücken im strengen, fensterlosen und grell beleuchteten Giebelhaus-Korsett etwas die Luft wegbleibt und die äußere Ankündigung einer erhabenen Aura von den sachlich-soliden Regalen nicht eingelöst wird. Lauert das Ikonische also auch im Bescheidenen? Zur Klärung dieser und anderer Fragen traf der STANDARD Architekt Pierre de Meuron im Vitra-Büro.

STANDARD: Das Schaudepot soll, anders als seine Nachbarn, keine Ikone sein. Wie plant man ein nichtikonisches Gebäude?

De Meuron: Es war von Anfang an die Herausforderung, sich zurückzuhalten. Rolf Fehlbaum von Vitra wollte zuerst etwas ganz Unsichtbares. Er wollte im Grunde gar keine Architektur. Wir haben dann unterirdische und anonyme Lösungen durchdekliniert und haben herausgefunden: Keine Architektur, das geht nicht. Man setzt immer ein Statement. Die Frage ist eben, welches das ist. Die rechteckige Form mit dem Satteldach war für uns die richtige Antwort auf diese Frage.

STANDARD: Ist diese archaische Form des "Urhauses" nicht selbst ein ikonisches Zeichen?

De Meuron: Es geht einfach um grundsätzliche Fragen der Architektur: ein Haus, ein Dach, ein Boden. Es soll aussehen, als ob es schon immer da gewesen sei.

STANDARD: Durch den erhöhten Vorplatz und die hohe Tür in der Mitte wirkt das Schaudepot geradezu sakral. Soll die Architektur die Exponate mit Bedeutung aufladen?

De Meuron: Nein, das hat ganz pragmatische Gründe. Wir haben das Depot von außen nach innen, aber auch von innen nach außen entwickelt: Wie wird der Raum betreten und wie wird er benutzt? Die symmetrische Anordnung war die, die am meisten Sinn ergab. Im Inneren ein Mittelgang, rechts und links die Regale, so funktioniert eigentlich jedes Lagerhaus. Wir haben auch mit Fenstern experimentiert, wollten aber, dass der Besucher sich auf die Objekte konzentriert.

STANDARD: Dafür gibt es die Blickbeziehungen zum Depot im Keller, das man aber nicht in seinem gesamten Ausmaß erahnt.

De Meuron: Man kann nicht alles öffentlich zugänglich machen. Aber es ist spannend, diese beiden Welten zu haben. In der einen ist man drin, in die andere kann man nur einen kurzen Blick werfen. Ich finde es gut, dass es etwas zu entdecken gibt und man nicht alles auf den ersten Blick erfasst. Man sieht zuerst das Einzelobjekt und dann die Sammlung, in der die Stühle ganz uninszeniert in Regale geschlichtet sind.

STANDARD: Wie kam es zur Wahl des gebrochenen Ziegels als Fassadenmaterial?

De Meuron: Das kommt zuerst aus dem Altbau daneben, aber auch bei den Bauten von Alvaro Siza und Nicholas Grimshaw wurde mit Ziegeln gearbeitet. Die Feuerwache von Zaha Hadid mit ihrem Sichtbeton kann sich im Kontrast zu dieser "Backstein-Familie" als expressives Einzelstück entfalten. Vorher stand das Hadid-Gebäude am Rande, es hatte nicht die Aura, die ihm zustand. Jetzt ist es besser integriert. Das ist die Sache mit dem Ikonischen: Das gelingt mit Architektur nicht, indem man ein Objekt einfach so auf den Tisch stellt (positioniert eine Kaffeetasse auf dem Tisch), sondern indem die Objekte daneben qualitativ besser werden. Dann haben wir etwas erreicht.

STANDARD: Ihre jüngsten Bauten in London und Basel oder eben das Schaudepot sind geradezu archaisch-massiv, mit einer deutlichen Trennung von Innen und Außen. Ist das rein funktional begründet oder eine neue Herangehensweise bei Herzog und de Meuron?

De Meuron: Wenn etwas bei uns gleich bleibt, ist es die Herangehensweise! Die heißt, eine Bauaufgabe zu begreifen. Beim Schaudepot heißt das, die Sammlung zu zeigen. Wir haben ausstellungstechnische, architektonische und städtebauliche Komponenten. Museografie ist Städtebau, Städtebau ist Architektur, und Architektur ist szenografisch. Das ist nicht voneinander zu trennen. (Maik Novotny, 3.7.2016)

  • Zaha Hadids Feuerwehrhaus (linker Bildrand) hat einen neuen Nachbarn bekommen.
    foto: vitra design museum, julien lanoo

    Zaha Hadids Feuerwehrhaus (linker Bildrand) hat einen neuen Nachbarn bekommen.

  • Das Vitra-Schaudepot von Jacques Herzog (links) und Pierre de Meuron ...
    foto: marco grob

    Das Vitra-Schaudepot von Jacques Herzog (links) und Pierre de Meuron ...

  • ... stellt Designklassiker in erhabener Schlichtheit aus.
    foto: vitra design museum, mark niedermann

    ... stellt Designklassiker in erhabener Schlichtheit aus.

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