Eine Frau. Zwei Männer. Eine Heirat. Eine Trennung

3. Juli 2016, 17:00
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Pariser Rauschen: Quer- und Tiefenschnitte und Panoramen aus dem Frankreich und über das Frankreich der Zwischenkriegszeit

Eine Frau. Zwei Männer. Eine Heirat. Eine Trennung. Eine Wiederheirat. Immer aber: die Liebe. Die Liebe zu beiden Männern. Die ihrerseits beste Freunde sind. Das ergibt einen zauberischen Liebesroman, der mit großer Leichtigkeit einsetzt, mit leicht hingetupften Szenen, die von 1907 an einen Bogen bis in die 1920er-Jahre schlagen. Und erst mit dem Tod Kathes und Jims, des Franzosen und Autors, enden, Jules, der Deutsche, der Übersetzer, bleibt übrig.

Jules und Jim dürfte eines der unbekannteren französischen Bücher der Nachkriegszeit sein. Weil der Film François Truffauts mit Jeanne Moreau, Oskar Werner und Henri Serre weltbekannt ist. Der Roman aber? Neu und gut übersetzt liegt er nun wieder vor. Bald wird deutlich, wie recht frei 1962 der junge Pariser Filmemacher die Vorlage bearbeitete. Wird doch bei Truffaut aus Kathe, der blonden großen Deutschen, Catherine, verkörpert von der dunklen, zierlichen Jeanne Moreau. Andererseits geht es bei Henri-Pierre Roché (1879-1959) promisker zu, offener, unverstellter. Sex ist hier Sprache, eine Weise der Kommunikation, mit der man auch strafen und Wunden schlagen kann.

Dokument freier Liebe

Ein Dokument freier Liebe ist dieser Roman, basierend auf einem realen Liebesdreieck, das aus Roché, dem Bankierssohn, Bohemien, Feuilletonisten und Übersetzer Franz Hessel und dessen Frau Helen bestand. Doch ist dies für die Lektüre eher unerheblich. Dafür für anderes aufschlussreich und symbolstark, für die Selbstreflexion des Kunstschriftstellers, Kunstsammlers und Erotomanen Roché als Autor seiner selbst.

Er verfasste diesen Roman mit einem Abstand von fast 40 Jahren zu den tatsächlichen, real weniger exzessiven Geschehnissen – der Roman erschien 1953 und blieb in Paris relativ unbeachtet, Truffaut berichtete später, er sei auf das Buch im Jahr 1955 in einer Pariser Buchhandlung gestoßen, bei den Sonderposten. Dabei schreibt Roché, bei der Veröffentlichung schon über 70 Jahre alt, eine federleichte, elastische, einnehmende, charmante Prosa, jedoch aufgeladen mit einer elementaren, vitalistischen tragischen Fallhöhe.

Kaum gealtert

Eine schöne Wiederentdeckung. Jedoch keineswegs so aufsehenerregend wie vor zwölf Jahren die Wiederentdeckung der um 24 Jahre jüngeren Irène Némirovsky. Ihre Erzählungen, die nun unter dem Titel Pariser Symphonie in der ausgezeichneten Übersetzung Susanne Röckels erstmals auf Deutsch vorliegen, präsentieren eine der bedeutendsten französischen Autorinnen, die Frankreich nicht hervorgebracht hat. Denn Irène Némirovsky kam in Kiew zur Welt und floh 1918 mit ihrer Familie, ihr Vater war Bankier, in den Westen. Französisch erzogen, veröffentlichte sie ab den späten 1920er-Jahren in Paris viel und umfangreich. Hans Magnus Enzensberger entdeckte sie für seine Andere Bibliothek hierzulande schon 1994 mit den Romanen David Golder und Der Fall Kurilow, zehn Jahre bevor Suite française in Frankreich erschien, jener große Roman, der der 1942 aus Frankreich ins KZ Auschwitz Verschleppten und Mitte August 1942 dort elendiglich Verreckten nach 60 Jahren eine famose Renaissance und zahlreiche Neuauflagen und Übersetzungen bescherte.

In ihren Geschichten, von denen einige, so auch die titelgebende, Filmszenarios in Prosa sind, wird gelebt, gelitten, werden Schmerzen ausgehalten, gibt es Sehnsucht, Verzweiflung, es finden sich verknappte alttestamentarische Tragödien – so lauern des Nachts zwei beste Freunde und Nachbarn mutmaßlichen Dieben auf, der eine erschießt den anderen und hängt sich nach dem fatalen Irrtum auf -, und es gibt immer wieder die Liebe. Dies sind Texte, die, obschon zwischen 1931 und 1942 entstanden, kaum gealtert, anrührend und voller Humanität sind.

Seinerseits Ästhet und Dandy

Und somit einen harschen Gegensatz bilden zu den durch und durch männlichen Kriegs- und Frontgeschichten Pierre Drieu la Rochelles (1893-1945). Ideologische Verwirbelungen prägten das gesamte Leben dieses Autors. Eleve einer Klosterschule, wurde er mit 14 Jahren Atheist. Meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst, nachdem er das Jusstudium abgebrochen hatte. Verkehrte mit Surrealisten, war aber nie Surrealist. Kritisierte in seinen Romanen die genusssüchtige Dekadenz des französischen Großbürgertums und war seinerseits Ästhet und Dandy. In den späten 1920er-Jahren engagierte er sich in einer konservativen Sammlungsbewegung, um nach 1930 linksliberal zu werden. Ab 1934 vertrat er faschistische Positionen. Trat einer rassistischen, dezidiert antidemokratischen Partei bei und war ab 1940, mit der Besetzung Frankreichs, einer der eminenten literarischen Kollaborateure.

Frankreichs bekannteste Literaturzeitschrift, die Nouvelle Revue française, im Sommer 1940 eingestellt, wurde ein halbes Jahr später von den Nazis reanimiert, mit Drieu la Rochelle als neuem Chefredakteur. Worauf Thomas Laux in seinem informativen Nachwort zum Erzählband Die Komödie von Charleroi, in Frankreich 1934 erschienen, aufmerksam macht: Der Posten, den Drieu rund zweieinhalb Jahre innehatte, verdankte sich auch dem Verheilen gekränkter Eitelkeit – er hatte sich kurz vorher mit den alteingesessenen Redakteuren überworfen. In seinen letzten anderthalb Lebensjahren wandte er sich enttäuscht von Hitler ab, warf sich dem Kommunismus in die Arme, widmete sich buddhistischen Studien und beging am 16. März 1945 Selbstmord. Seine Verhaftung stand unmittelbar bevor, ebenso wie die wahrscheinliche Aburteilung und Hinrichtung, so wie vier Wochen zuvor geschehen beim Autor und Faschisten Robert Brasillach.

Auch und erst recht mit den Kriegs-, Front- und Traumageschichten in Die Komödie von Charleroi bleibt Drieu la Rochelle ein Fall. Und kaum wirklich große Literatur. Er ist ein lesbarer, doch kein lesenswerter Autor. Zu schwach ist sein eigener Glaube ans Erzählen, der Wechsel von intensiv geschilderten Kriegsszenen zu leer klappernder Politrhetorik oft zu harsch, zu ausgeprägt die Suche nach der richtigen Form, mal Erinnerungsprozess, mal Dialog, mal Selbstgespräch.

Grausige Fußnote

Eine kurios grausige Fußnote der französischen Zeitgeschichte hat die 1947 geborene Autorin und Essayistin Francine Prose aus New York zu einem Roman ausgearbeitet. Mit Violette Morris, im Buch Louisianne Villars genannt, französische Athletin, Rennfahrerin, Lesbierin, Verräterin, Agentin der Nazis, die in den Folterkellern der Gestapo in Paris selber brutale Verhöre gefangener Maquisards leitete, stieß sie auf eine Figur mit pittoresker Vita und zugleich zutiefst abstoßender Charakterlosigkeit. Wie wird aus einem Menschen ein Monster, das ist Prose' Leitfrage. Den Chamäleon Club in Paris, Treffpunkt sexueller Devianz, entdeckt die flamboyante Sportlerin 1932. Und realisiert, dass und wie sie ihre Sexualität ausleben kann.

Sie arbeitet sich hoch von der Garderobiere zur Bühnenkünstlerin, bald präsentiert die stämmige Athletin eine Matrosentravestienummer. Als Lesbierin von der bourgeoisen heterosexuellen Welt ausgeschlossen, gleitet sie von der Dekadenz in den Faschismus ab, als Zuträgerin, Spionin, Verräterin, Sadistin. Im April 1944 wird sie eine Woche nach ihrem 51. Geburtstag von Widerstandskämpfern erschossen. Gelegentlich erinnert Prose' Namedropping an das Paris in Woody Allens Midnight in Paris. Dort paradierten ebenfalls nur die großen Namen. Dafür besitzt Prose ein Talent für Charakterzeichnungen und ein Ohr für unterschiedliche Tonfälle. Ein Panorama des Untergangs ist dies, zugleich ein Figurenkabinett des Bösen. Und ein Paris, eine Literaturwelt, die verschwunden ist. (Alexander Kluy, 3.7.2016)

Pierre Drieu la Rochelle, "Die Komödie von Charleroi". Aus dem Französischen von A. Spingler und E. Moldenhauer. € 25,70 / 288 Seiten. Manesse-Verlag, Zürich 2016

Irène Némirovsky, "Pariser Symphonie". Aus dem Französischen von S. Röckel. € 25,70 / 240 Seiten. Manesse-Verlag, Zürich 2016

Francine Prose, "Die Liebenden im Chamäleon Club". Aus dem Englischen von S. Aeckerle. € 23,70 / 544 Seiten. C.-Bertelsmann- Verlag, München 2016

Henri-Pierre Roché, "Jules und Jim". Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. € 23,60 / 272 Seiten. Schöffling-Verlag, Frankfurt am Main 2016

  • "Jules und Jim" dürfte eines der unbekannteren französischen Bücher der Nachkriegszeit sein. Weil der Film François Truffauts mit Jeanne Moreau, Oskar Werner und Henri Serre weltbekannt ist.
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    "Jules und Jim" dürfte eines der unbekannteren französischen Bücher der Nachkriegszeit sein. Weil der Film François Truffauts mit Jeanne Moreau, Oskar Werner und Henri Serre weltbekannt ist.

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