"Zu viele Manager, zu wenige Fahrer"

1. Juli 2016, 11:37
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Mercedes-Motorsportchef nennt Gründe für Zuschauerschwund beim Österreich-Grand-Prix – Wurz warnt: "Ohne heimischen Piloten geht Begeisterung weg"

Spielberg – Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff ist begeistert von Spielberg und sieht mehrere Gründe, warum im dritten Jahr der Red-Bull-Ära weniger Zuschauer zur Formel 1 kommen. "Das Einzugsgebiet ist einfach klein. Wenn du in dieser Gegend lebst, wirst du wahrscheinlich in diesem Jahr die MotoGP anschauen und nicht den Grand Prix", glaubt der Wiener.

Zwar hat der Ticketverkauf für den Österreich-Grand-Prix am Sonntag nach dem EM-Aus der Fußball-Nationalmannschaft zugelegt, mehr als 60.000 oder 70.000 Fans werden es aber 2016 eher nicht werden. 2014 beim Comeback waren über 220.000 gekommen.

Ausgetrockneter Markt

"Im gleichen Einzugsgebiet hat der Nürburging zwölf bis 15 Millionen Einwohner, wir hier höchstens drei", erklärt Red-Bull-Berater Helmut Marko. Bei einer Vielzahl von Ring-Veranstaltungen von Air Race über Truck-GP, DTM und Formel 1 bis MotoGP sei der Markt etwas ausgetrocknet, heißt es.

Durch den Zusammenschluss mit der alten Westschleife (Flatschach) und Langstreckenrennen könnte man am Ring künftig mehr mehrtägige Veranstaltungen durchführen. Außerdem könnte dadurch auch ein zweiter Rennkurs entstehen, den man extra vermieten könnte.

Für Wolff fehlt in der Königsklasse zudem ein Lokalmatador wie einst ein Jochen Rindt, Niki Lauda, Gerhard Berger oder Alexander Wurz. "Wenn ein Österreicher in der Formel 1 vorne mitfährt, brechen hier alle Dämme." Dass Österreich mittlerweile die meisten Entscheidungsträger, aber seit 2010 keinen Fahrer mehr in der Formel 1 hat, macht auch Wolff nachdenklich. "Zu viele Manager, zu wenige Fahrer", lautet seine Analyse.

Ex-Pilot Wurz sieht darin sogar eine echte Gefahr. "Österreich hat durch die vielen guten Fahrer und die ganze Formel 1 Kultur, etwa durch die Übertragungen im ORF, ein sehr gutes Image. Das dürfen wir nicht riskieren. Wenn es zu lange keinen Fahrer gibt, geht die Begeisterung bei den Menschen weg", warnte der Niederösterreicher.

Marko wartet auf einen schnellen Österreicher

Das ist auch Marko bewusst, der auch das – allerdings international ausgerichtete – Junior-Programm von Red Bull betreut. "Wenn ein Österreicher schnell genug wäre, würden wir ihn eh reinsetzen", beteuerte Marko.

Es wird freilich dauern, bis es wieder ein Österreicher ganz nach oben schafft. Ein Kandidat wäre Ferdinand Habsburg Lothringen, beim 19-jährigen Kaiser-Urenkel könnte aber die Körpergröße zum Problem werden. "Das ist ein richtig langer Lulatsch", bemerkte Wolff.

Auch die Kinder von Wurz sind mittlerweile mit dem Kart schnell unterwegs. Felix, mit 14 der älteste der drei Wurz-Buben, wird kommendes Wochenende in Melk sogar erstmals Formel 4 testen.

Dass der Red Bull Ring eines der besten Formel-1-Rennen im WM-Kalender abliefert, ist aber unumstritten. "Was Dietrich Mateschitz aus der Gegend gemacht hat, ist wirklich unglaublich", gratulierte auch "Konkurrent" Wolff.

Der Wiener verneigte sich vor Mateschitz. "Gerade in einer Zeit, wo es so viele Schwätzer gibt und Blender, die nur viel reden, aber nichts machen, gibt es jemanden, der im Hintergrund so etwas auf die Beine stellt. Das ist unösterreichisch." (APA, 1.7.2016)

  • Toto Wolff: "Wenn ein Österreicher in der Formel 1 vorne mitfährt, brechen hier alle Dämme".
    foto: apa/angerer

    Toto Wolff: "Wenn ein Österreicher in der Formel 1 vorne mitfährt, brechen hier alle Dämme".

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