Sieg im Elferschießen: Das Glück ist ein Vogerl aus Portugal

1. Juli 2016, 00:01
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Portugal ist der erste Halbfinalist dieser EM und streitet am Mittwoch mit Wales oder Belgien um einen Platz im Endspiel. Nach einem 1:1 hatte Polen im Elferschießen das Nachsehen, Jakub Blaszczykowski vergab entscheidend. Das Ende war nicht unverdient

Marseille – Wenn man so will, hat am Donnerstagabend in Marseille Bayern München dominiert. Spieler des deutschen Rekordmeisters drückten dem ersten Viertelfinale dieser EM, drückten der Partie Polen gegen Portugal zunächst ihren Stempel auf. Erst brachte Robert Lewandowski die Polen nach exakt 100 Sekunden in Führung. Es war das zweitschnellste EM-Tor der Geschichte nach jenem von Dimitri Kiritschenko, der in der EM-Vorrunde 2004 beim russischen 2:1-Sieg über Griechenland nach 67 Sekunden gescort hatte.

Wie die Geschichte damals ausgegangen ist (Europameister Griechenland!), mag als Omen gegolten haben. Jedenfalls kamen auch die Portugiesen zurück. Renato Sanches, der 35-Millionen-Neuzugang der Münchner und jüngster Spieler in einer portugiesischen Startelf, glich nach schönem Doppelpass mit Nani aus (33.), Sanches’ Schuss wurde von Krychowiak leicht abgefälscht, Polens Goalie Fabianski stand auf verlorenem Posten.

Ein Kunststück

Beim 1:1 blieb es nicht nur nach 90, sondern auch nach 120 Minuten. Die Entscheidung musste im Elfmeterschießen fallen. Die Penaltys: Ronaldo 1:0, Lewandowski 1:1, Sanchez 2:1, Milik 2:2, Moutinho 3:2, Glik 3:3, Nani 4:3, Blaszczykowski – Rui Patricio hält, Quaresma 5:3. Portugal, das in der Vorrunde dreimal remisierte und die Kroaten in der Verlängerung schlug, steht also ohne einen einzigen Sieg nach 90 Minuten im Semifinale.

Schon vor dem Ausgleich zum 1:1 hatte der deutsche Schiedsrichter Felix Brych den Portugiesen in Person von Cristiano Ronaldo, der von Pazdan umgerempelt wurde, einen Foulelfmeter vorenthalten. Ronaldo baute mit dem Anpfiff seinen Rekord von Einsätzen bei EM-Endrunden auf 19 aus. Bei dieser EM kann ihn keiner mehr ein- oder überholen, der Deutsche Schweinsteiger und der Italiener Buffon halten bei je 16 EM-Partien, zumindest einer der beiden wird nicht über ein 17. Match hinauskommen.

Der 42. Ronaldo-Freistoß

Ansonsten scheiterte Ronaldo auch mit seinem 42. direkten Freistoß en suite bei einem großen Turnier. Sogesehen ging gestern eher Sanches in die Geschichtsbücher ein. Dreimal war er eingewechselt worden, nun wurde er mit 18 Jahren und 317 Tagen der jüngste Spieler, der je in der Startelf Portugals stand. Und prompt wurde er der jüngste Kicker überhaupt, der jemals in der K.-o.-Phase einer EM getroffen hat.

Die Portugiesen hatten nach dem 0:1 kurz geschockt gewirkt, fanden nur schwer ins Spiel. Sanches war noch der Auffälligste im Spiel nach vorne, doch auch seine Bemühungen blieben zunächst ohne Wirkung gegen die stabile polnische Abwehr. Lewandowski hatte eine weitere gute Chance (17.), wurde aber von Pepe noch gestört, wenig später agierte Grosicki nach einer feinen polnischen Aktion zu zögerlich.

Auch nach Seitenwechsel setzten beide Teams auf kontrollierte Offensive. Die Partie blieb dennoch oder deshalb interessant. Die erste Topchance fanden wieder die Polen vor, doch Milik scheiterte an Portugals Goalie Rui Patricio (69.). Auf der Gegenseite hatte Polens Goalie Fabianski mit einem Fonte-Kopfball wenig Mühe. Gefährlicher für Fabianski wurde sein Verteidiger Jedrzejczyk, der in einen Pepe-Pass auf Ronaldo rutschte und den Ball knapp am eigenen Tor vorbeibugsierte (81.). Als dann auch noch Ronaldo allein vor Fabianski den Ball nicht traf (86.), schien ein portugiesischer Sieg fast verdient. In der Verlängerung sorgte allein ein Flitzer kurz für Aufregung. Er wurde geschnappt und kann sich die EM ab sofort im Fernsehen geben. Wie nun auch die Polen. (red, 1.7.2016)

EM-Viertelfinale, Donnerstag

Polen – Portugal 3:5 im Elfmeterschießen (1:1, 1:1; 1:1)
Marseille, Stade Velodrome, 62.940 Zuschauer, SR Felix Brych (GER)

Tore:
1:0 ( 2.) Lewandowski
1:1 (33.) Renato Sanches

Elfmeterschießen: 0:1 Cristiano Ronaldo trifft, 1:1 Lewandowski trifft, 1:2 Renato Sanches trifft, 2:2 Milik trifft, 2:3 Joao Moutinho trifft, 3:3 Glik trifft, 3:4 Nani trifft, 3:4 Blaszczykowski scheitert an Rui Patricio, 3:5 Quaresma trifft

Polen: Fabianski – Piszczek, Glik, Pazdan, Jedrzejczyk – Blaszczykowski, Krychowiak, Maczynski (98. Jodlowiec), Grosicki (82. Kapustka) – Milik, Lewandowski

Portugal: Rui Patricio – Cedric Soares, Pepe, Fonte, Eliseu – William Carvalho (96. Danilo) – Joao Mario (80. Quaresma), Renato Sanches, Adrien Silva (74. Joao Moutinho) – Nani, Ronaldo

Gelbe Karten: Jedrzejczyk, Glik, Kapustka bzw. Adrien Silva, William Carvalho

Fernando Santos (Portugal-Trainer): "Wir kommen unserem Ziel immer näher. Wir glauben, dass wir Großes schaffen können. Im Elfmeterschießen muss man Charakter zeigen, es ist nicht nur Glückssache. Man muss an sich glauben. Wir hatten keinen guten Start, aber ich habe damit gerechnet, dass Polen sehr stark beginnen wird. Dann sind wir ins Spiel gekommen. Polen hat eine sehr starke Mannschaft, aber wir waren bereit. Wir wollten das Spiel an uns reißen. Ich glaube, wir hatten die besseren Chancen und haben verdient gewonnen."

Adam Nawalka (Polen-Trainer): "Es ist eine große Enttäuschung. Die Erwartungen waren hoch, weil wir sehr gut gespielt haben. Ich glaube, wir haben die Fans glücklich gemacht. Die Qualifikation für die EM war ein Schritt, das Erreichen des Viertelfinales ein nächster. Wir müssen weiter an uns arbeiten. Wir haben bei diesem Turnier kein Spiel verloren. Das Elfmeterschießen ist immer Glückssache. Wir schauen jetzt mit viel Optimismus in die Zukunft."

  • Ein langer Abend in Marseille endet glücklich für Portugal.
    foto: apa/leong

    Ein langer Abend in Marseille endet glücklich für Portugal.

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