Essl-Museum: Prozession der letzten Worte

Ansichtssache1. Juli 2016, 14:04
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Nach 17 Jahren endete mit dem letzten Junitag der Ausstellungsbetrieb im Essl-Museum – zumindest vorerst: Wie ein endgültiger Abschied fühlte sich das große Finale nicht an

Klosterneuburg – Ein Museum an einem heißen Sommernachmittag: Nicht viel deutet am Donnerstag im Essl-Museum darauf hin, dass sich hier in zwei Stunden die Türen endgültig schließen. In den Ausstellungen flanieren die Besucher, manche lauschen noch der letzten Führung oder fläzen auf der Wiese oder dösen auf Liegestühlen auf der begrünten Terrasse. Seele baumeln lassen – ganz so, als könnte man nächsten Sonntag wiederkommen.

Vollbetrieb auch im Atelier, wo eine Horde Kinder Bilder bunter Punktgewitter, Strichgetümmel und Regenbögen gemalt hat, eine riesige Sonnenblume hängt etwas traurig über dem Stiegengeländer. "Aber heute müssen alle Bilder mitgenommen werden": Die Realität entert die Idylle. "Minus 70 % auf alles". Im Bookshop ist Ausverkauf. Die Regale bereits so gut wie leer. Und nebenan im Café werden die Zuckerstreuer nun auch nicht mehr aufgefüllt.

Nach 17 Jahren regem, der österreichischen und internationalen Gegenwartskunst verpflichtetem Ausstellungsgeschehen, ist Schluss. Mit der Baumax-Pleite 2014 begann die Sammlung unter Druck zu geraten, nun ist auch der Museumsbetrieb nicht mehr finanzierbar, und die Förderzusagen sind nicht ausreichend.

Performance-Parcours-Prozession

Und dann tatsächlich: "Die letzte Stunde dieses Hauses ist angebrochen", leitet Kurator Andreas Hoffer die angekündigte Performance The Final Countdown ein, und die Prise Pathos ist ausnahmsweise einmal angebracht. Zum Finale, so Hoffer, wolle man "den Besuchern das allerletzte Wort geben". Und so werden beim performativen Parcours durch die lichten Säle die schönsten Erinnerungen ans Museum verlesen. Wortspenden von der Pinnwand, die etwa von der dort erfahrenen "Lebendigkeit, Stille und Inspiration" schwärmen, vom architektonischen "Gesamtkunstwerk" oder dem "Gang durch das schmale Haus" (eine Installation von Erwin Wurm von 2010).

Eine bedächtige Prozession, die durch die Stationen fast etwas von einem Kreuzweg hatte; statt Gebeten gab es auch wütende, Applaus erntende Statements zum "Ess-xit": Von der "Schande für Österreich" und dem "Bedauern des Staates", das Haus nicht zu besitzen, wenn es erst einmal unter Denkmalschutz stehe, war die Rede.

Stummes Geleit

Kein Abschluss mit lautem Knall, künstlerischen Protestaktionen oder Promi-Beteiligung also, sondern auf eine Art, die die Teilhabe der Besucher einmal mehr in den Vordergrund stellte. Auch die Hausherren, das Sammlerehepaar Agnes und Karlheinz Essl, war dem letzten Akt ferngeblieben. Stattdessen war es Karlheinz Essl junior, der nach dem stummen Geleit hinaus vor die Hallen der Kunst, ein kleines Schild von "Open" zu "Closed" wendete.

Auch eine Form der Inszenierung: Eine Woche hatte man noch einmal mit allem aufgewartet, wofür das Essl-Museum stand: mit dichtem Führungsprogramm, Workshops, Konzerten, Lesungen – und einem Künstlerfest vorvergangenen Freitag. Rund 10.000 Menschen kamen in der letzten Woche nach Klosterneuburg, etwa fünfmal so viele wie in einer regulären Ausstellungswoche. Andere, freilich kleinere private Institutionen, die ihr Engagement der Gegenwartskunst gewidmet hatten – die Bawag und die Generali Foundation – hatten einst ihre Wiener Schauräume völlig stumm entschlafen lassen.

Auferstehungshoffnungen

Scharfe Worte der Kritik fanden andere: Die Schließung des Museums sei eine "Bankrotterklärung der Republik" lautete eine Parte, die eine Privatperson gestern im STANDARD geschaltet hatte. Auf einem kleinen Zettel im Museum hinterließ jemand die Hoffnung auf "eine Auferstehung". Vorsichtig optimistisch sprach auch der Museumsgründer kürzlich in der NÖN, "er sei guter Hoffnung, dass es kein ewiges Ende" wird.

Grabesstille wird aber im vorerst zum Depot degradierten Museum trotzdem nicht herrschen: Die Bilder bleiben zunächst hängen, die Sommermalakademien finden statt. Vielleicht kursieren schon bald Gerüchte über eine Zukunft des von Heinz Tesar gebauten Hauses. Fix ist einstweilen nur das Wiedersehen mit ausgesuchten Teilen der Sammlung im Wiener Künstlerhaus, in das Hans Peter Haselsteiner investierte. Endgültige Adieus sehen anders aus. (Anne Katrin Feßler, 1.7.2016)

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