Michael Gove bewirbt sich um Cameron-Nachfolge

Kopf des Tages30. Juni 2016, 20:03
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Der britische Justizminister ist ein neokonservativer Stratege aus dem Brexit-Lager

Welche Charaktereigenschaften ein Premierminister braucht? "Stehvermögen, Gleichmut und Urteilskraft", hat Michael Gove einmal gesagt und hinzugefügt: "Der Druck ist phänomenal hoch. Ich könnte das nicht." Noch vor kurzem, mitten in der Brexit-Kampagne, schloss der britische Justizminister Ambitionen auf das höchste Regierungsamt aus: "ohne mich!"

Aber in der Londoner Politik gibt es keine Gewissheit mehr. Gerade eine Woche ist das Brexit-Votum her, das die Amtszeit von Premier David Cameron jäh beendete. Bis zum Streit über die EU-Mitgliedschaft war Gove ein persönlicher Freund Camerons gewesen, sein Auftauchen im Brexit-Lager läutete dessen politisches Ende ein.

Am Donnerstag machte der 48-Jährige auch mit seinem neuesten Spießgesellen kurzen Prozess: Boris Johnson sei zur Führung des Landes nicht fähig, teilte Gove mit und gab seine eigene Kandidatur für den Vorsitz der konservativen Partei bekannt. Prompt zog sich Johnson zurück.

Brutale Rücksichtslosigkeit gehört vielleicht zu den Eigenschaften, die der Regierungschef der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt braucht. Der gelernte Journalist Gove bringt auch umfassende Bildung, elegante Ausdrucksweise und die Fähigkeit zu strategischem Denken mit. Dass er als Adoptivkind zweier Labour-Wähler im schottischen Aberdeen aufgewachsen ist, mag angesichts der Zerrissenheit des Königreichs auch nicht schaden.

Als Kolumnist von Rupert Murdochs Times, als Mitgründer des rechten Thinktanks Policy Exchange und als Autor stramm neokonservativer Bücher hat sich der mit einer Journalistin verheiratete Vater zweier Kinder einen Namen als Parteirechter gemacht. Eifrig und gelegentlich überhastet kämpfte Gove als Erziehungsminister gegen die militanten Lehrergewerkschaften, ließ sich von Cameron ohne Murren zum Fraktionseinpeitscher degradieren und zuletzt zum Justizminister aufwerten.

In der Brexit-Kampagne hat Gove der Horde fanatischer EU-Feinde intellektuelles Gewicht verliehen. Aber er hat auch gefährlich dummes Zeug geredet: Weil Ökonomen, Wissenschafter und andere Spezialisten vor dem Brexit warnten, teilte Gove mit, das Land habe "Experten satt". Die Volkswirte verglich er sogar mit Nazi-Sympathisanten. Nun muss sich Gove dem Stimmenfang in der Fraktion widmen. Dass Cameron und Johnson ihm dabei behilflich sind, darf als unwahrscheinlich gelten. (Sebastian Borger, 1.7.2016)

  • Michael Gove
    foto: apa/afp/stansall

    Michael Gove

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