Ex-Unido-Chef Yumkella: "So würden mehr Junge in Afrika bleiben"

Interview1. Juli 2016, 07:00
234 Postings

Wie in Afrika mit EU-Hilfe Jobs entstehen können, damit weniger ihr Leben auf dem Weg nach Europa riskieren

Wien – Europa müsse sich aus Afrika auf das größte Migrationspotenzial einstellen, das es je gab, sagt Ex-Unido-Generalsekretär Kandeh Yumkella. Die EU müsse aus den Erfahrungen mit der Fluchtbewegung aus dem Nahen Osten lernen: Hilfe und Entwicklung vorort seien sinnvoller – und weniger teuer – als die Integrationsmaßnahmen, die nun zum Beispiel in Deutschland allein für die neu Angekommenen aus dem vergangenen Jahr zwölf Milliarden Euro kosten würden.

Yumkella war auf Einladung von der Kanzlei Benn-Ibler Rechtsanwälte GmbH in Wien, wo er im Rahmen einer BennIblerLecture für einen Kreis an Eingeladenen seine Vorstellungen zum Migrationsthema präsentierte. Er fordert Wirtschaftspartnerschaften europäischer Investoren in afrikanischen Staaten. Es gelte, die afrikanische Energiewirtschaft und Infrastruktur mit Hilfe europäischer Partner so weit aufzubauen, dass eine Industrialisierung möglich werde.

STANDARD: Ihnen eilt der Ruf voraus, die starke Fluchtbewegung 2015 nach Europa bereits vor Jahren prognostiziert zu haben. Stimmt das?

Yumkella: Als ich als Generalsekretär der Unido in Österreich lebte, diskutierte ich viel über das Thema Migration – und wies auf die Einwanderungsbewegung junger Afrikaner nach Europa vor zehn, zwölf Jahren hin. Verglichen mit 2015 waren das aber natürlich nur wenige Menschen.

STANDARD: Die, die jetzt nach Europa kommen, fliehen überwiegend vor den Kriegen in Syrien und dem Irak sowie aus Afghanistan. Sie aber meinen, dass die Migration aus Afrika künftig die große Herausforderung für Europa wird?

Yumkella: Absolut. In Europa wird derzeit zu kurzfristig gedacht. 2030 werden in Afrika 1,3 Milliarden Menschen leben, um 200 Millionen mehr als jetzt, 2050 werden es zwei Milliarden sein – 60 bis 70 Prozent jünger als 30. Das wird das größte Migrationspotenzial, das es je gab. Europa braucht langfristige Strategien. Man sollte aus den jetzigen Erfahrungen lernen.

STANDARD: Was zum Beispiel?

Yumkella: Dass die Integration der Flüchtlinge in der EU jetzt viel teurer kommt, als es Investitionen in der Nahostregion gewesen wären, die viele vom Weg nach Europa abgehalten hätten. Um für Schulen und bessere Wohnmöglichkeiten im Libanon, in Jordanien und in der Türkei zu sorgen, hätte man neun Milliarden Euro aufbringen müssen. In Deutschland kostet die Integration allein der 2015 Angekommenen zwölf Milliarden Euro. Wäre es also nicht intelligenter, Menschen in ihrer eigenen Region zu unterstützen – etwa auch in Afrika?

STANDARD: Was konkret schlagen Sie für Afrika vor?

Yumkella: In Afrika geht es um Wohlstandsschaffung und Industrialisierung. Die Wirtschaft sollte zu mehr industrieller Produktion befähigt werden. Für Europäer wäre das ein gutes Geschäft, etwa im Rahmen von Public-private-Partnerships. Denn Arbeitskräfte in Afrika sind billig, und durch die neuen Jobs würde der heimische Konsum angeregt: neue Absatzmärkte für europäische Firmen. Das könnte sich zu einer Win-win-Situation entwickeln – und so würden mehr Junge in Afrika bleiben.

STANDARD: Bei Geschäften in afrikanischen Staaten ist oft die Investitionssicherheit ein Thema. Wie diese verbessern?

Yumkella: Indem ein Teil der Investitionen genau dafür eingesetzt wird – etwa für neue, in Europa öffentlich abgesicherte Finanzinstrumente. Sowie – ein zentraler Punkt – für den Ausbau der Energiewirtschaft und der Infrastruktur. Das Ziel ist: Zuliefererindustrien in Afrika schaffen, die zum Handelspartner europäischer Unternehmen werden. Derzeit herrscht ja vor allem ein Rohstoffboom. Ein jeder kommt auf der Suche nach Mineralien nach Afrika. Das ist altmodisches Kaufmannsdenken.

STANDARD: Wo in Afrika sehen Sie für europäische Unternehmen besonders gute Chancen?

Yumkella: In Sachen Industrialisierung etwa in Kenia, Tansania und Mosambik. Das sind Länder, die nach der Entdeckung von Öl- und Gasvorkommen derzeit boomen. In Westafrika geht es um Nigeria, Ghana, Côte d'Ivoire und Senegal.

STANDARD: Was muss als Vorbedingung in Europa geschehen? Und was kann Österreich tun?

Yumkella: Die Handelsschranken für afrikanische Waren müssen fallen. Der African Growth and Opportunity Act (Agoa) mit den USA hat es etwa Lesotho ermöglicht, Textilien für den Export herzustellen. Österreich könnte Druck für vergleichbare Abkommen mit der EU machen. Und es könnte zum Ausbau der Wasserkraft beitragen, denn es hat das Know-how, und in Afrika gibt es viele Flüsse.

STANDARD: Zurück zu den jungen Afrikanern, die auf dem Weg nach Europa ihr Leben riskieren Ist deren Europabild illusorisch?

Yumkella: Schon, aber Migranten folgen dem Licht – vom Land in die Stadt, aus Afrika nach Europa. Ich glaube, das rosige Europabild hat viel mit den Fußballübertragungen zu tun. Da sehen junge Afrikaner diese gut gekleideten, glücklich wirkenden europäischen Kids. Und das erträumen sie auch für sich selbst. Ich kann das verstehen.

STANDARD: Auf legale Einwanderung in die EU haben die jungen Afrikaner keine Chance. Muss Europa auch Einwanderungsmöglichkeiten schaffen?

Yumkella: Ja, denn die europäischen Bevölkerungen sind im Durchschnitt alt, die Gesellschaften brauchen Migranten. Doch das hat, betrachtet man die Ereignisse des vergangenen Jahres, bisher nur Deutschland verstanden. (Irene Brickner, 1.7.2016)

Kandeh Yumkella (56) kommt aus Sierra Leone und ist Agrarökonom. Er war UNIDO-Chef und UN-Sonderbevollmächtigter für nachhaltige Energien.

  • Afrikanische Migranten auf einem Boot Richtung Europa: Um sie daran zu hindern, ihr Leben zu riskieren, müsse die EU die Schaffung von Zuliefererindustrien in Afrika fördern, meint der Ex-Chef der UN-Organisation für industrielle Entwicklung (Unido), Kandeh Yumkella.
    foto: afp / gabriel bouys

    Afrikanische Migranten auf einem Boot Richtung Europa: Um sie daran zu hindern, ihr Leben zu riskieren, müsse die EU die Schaffung von Zuliefererindustrien in Afrika fördern, meint der Ex-Chef der UN-Organisation für industrielle Entwicklung (Unido), Kandeh Yumkella.

  • Will Wasserkraftausbau in Afrika: Kandeh Yumkella.
    foto.: reuters/liyanawatte

    Will Wasserkraftausbau in Afrika: Kandeh Yumkella.

Share if you care.