Wenn Eltern ihre Kinder erpressen

Blog1. Juli 2016, 09:00
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Tauschhandel-Situationen zeigen, wie schwer die Erziehung von Kindern und Jugendlichen oft sein kann. Wie man Wenn-dann-Situationen vermeidet

Valentin (8) mag die Besuche bei Tante Fanni nicht. Sein Vater Ralf muss sich jedes Mal aufs Neue überlegen, womit er für seinen Sohn einen Anreiz zum Mitfahren schaffen kann. Manchmal gibt es danach einen Abstecher in den Eissalon, einen Kinobesuch oder einen gemeinsamen Ausflug ins Schwimmbad. Ohne solche Arrangements gelingt es Ralf nicht, seinen Sohn zu überreden, ins Auto zu steigen und mitzufahren.

Franziskas Eltern sagen: "Iss dein Essen mit der Gabel, nicht mit den Fingern. Das Gemüse isst du aber auch brav auf, sonst gibt es keinen Nachtisch, und der Schokopudding fällt aus!" Oder: "Warum muss ich dich 100 Mal bitten, deinen Teller vom Tisch wegzuräumen, das geht aber wirklich nie beim ersten 'Bitte', immer muss ich dir erst Konsequenzen androhen!"

(Zu) gutes Vorbild

"Also", so hört Vera ihre sechsjährigen Zwillinge Hanna und Christoph sagen, "wir räumen unser gemeinsames Zimmer nur dann auf, wenn wir dafür danach fernsehen dürfen!" Dabei grinsen die beiden ihre Mama an und warten auf ihre Antwort. Vera ist hin und her gerissen zwischen ihrem Wunsch, dass das Kinderzimmer der beiden doch endlich aufgeräumt wird und ihrer Entscheidung, dass ihre Kinder doch viel weniger vor dem Fernsehapparat sitzen sollen. Und sie ärgert sich über diesen Erpressungsversuch. Gleichzeitig stellt sie fest, dass sich ihre Zwillinge gerade anhören wie sie selbst, wenn sie bei ihren Kindern etwas erreichen möchte. Hier hat ihr Vorbild eindeutig (zu) gut funktioniert – die Geschwister handeln so wie ihre Mutter das auch öfters tut.

Anders bei Silvio. "Schrei nicht so laut herum! Jetzt sei doch mal still, und bleib ruhig auf dem Sessel sitzen! Wenn du dauernd so herumzappelst, dann gehen wir eben nicht mehr auf den Spielplatz!" Der Vater wünscht sich Ruhe von der anstrengenden Woche, während Silvio ganz dringend Bewegung braucht, um seine überschüssigen Energien abzubauen. Leider geht diese Androhung des Vaters in genau die falsche Richtung. Die Situation schaukelt sich noch mehr auf, bis der Vater völlig genervt ist, seinen Sohn ins Zimmer schickt und der dort weint und raunzt. Manchmal handeln Eltern, ohne die eigenen Motive zu hinterfragen, nur um die eigenen Wünsche und Bedürfnisse ohne Rücksicht auf den Nachwuchs durchzusetzen.

Ist das Spiel der Erwachsenen erst durchschaut ...

Viele Eltern und Bezugspersonen bemerken fast täglich, wie schwer die Erziehung von Kindern und Jugendlichen oft sein kann. Die Erziehenden möchten einerseits Konsequenz zeigen, die Kinder ihrer Meinung nach lernen müssen, und andererseits Anordnungen und Wünsche sehr wohl verhandeln und ausmachen und diese auch zum Abschluss bringen. Nicht allzu selten verschwimmen dabei die Grenzen zwischen dem erpresserischen Tun der Erwachsenen und der trotzdem noch freiwilligen Handlung des Kindes oder Jugendlichen.

Haben Kinder dieses Spiel der Erwachsenen einmal durchschaut, dann bedienen sie sich der gleichen Mittel und fordern – ähnlich wie die Zwillinge im Beispiel – Gegenleistungen für ihr Tun ein.

Das schlechte Gewissen

Manchmal läuft es dann darauf hinaus: "Wenn du das tust, dann bekommst du jenes von mir." Nicht allzu selten wird dann der erpresserische Akt dahinter als Tauschhandel gesehen mit dem Hintergedanken, dass der Nachwuchs dies fürs spätere Leben brauchen kann. Schließlich müssen Kinder lernen, dass Aufgaben erledigt werden müssen, auch wenn sie nicht wollen oder nicht verstehen, warum etwas in dieser Situation so sein muss oder so zu geschehen hat.

Viele Eltern und Bezugspersonen quält nach solchen Handlungen das schlechte Gewissen. Man fragt sich: Wo ist der Weg der Erziehung, den wir gewählt haben, ein Aufzeigen von Konsequenzen und damit ein Lernen, dass vieles im Leben Folgen hat, und wo ist unsere Erziehung ein Akt der "Erpressung" des jungen Menschen?

"Wenn, dann!"

Keine Frage, es ist nötig, dass Kinder und Jugendliche einerseits lernen, dass manches im Leben durchaus im Vorhinein bedacht werden kann und andererseits, dass das Zusammenleben oftmals aus verschiedensten Arten von Geben und Nehmen besteht und Rücksicht für ein gelungenes Miteinander jedenfalls vonnöten ist.

Wichtig ist jedoch die Form, in der Eltern und Bezugspersonen dies dem Kind und Jugendlichen vorleben und aus welcher Motivation heraus sie dieses "Wenn, dann!" anwenden. Statt dem Kind schon im Vorfeld anzudrohen, dass es nicht fernsehen dürfe, wenn es sein Zimmer oder seine Spielsachen nicht aufräume, können die Eltern dem Kind altersadäquat erklären: "Schau mal, du darfst heute bis zum Abendessen fernsehen. Wann du den Fernseher aufdrehen darfst, hängt davon ab, wie lange du brauchst, um dein Zimmer zusammenzuräumen. Es liegt also an dir, wie lange du schauen kannst."

Unterschiedliche Lösungsideen

Klar ist auch: Es gibt kein menschliches Zusammenleben und kein Begleiten der Kinder beim Erwachsenwerden ohne Fehler, die alle Beteiligten dabei machen. Solche Fehler entstehen oftmals daraus, dass der Erziehende in der Situation auf die Schnelle keine bessere Handlungsalternative findet. Unterschiedliche Lösungsideen können sich Eltern vor allem in stressfreien Zeiten überlegen, da sie ihre Kinder gut genug kennen und deren Reaktionen in gewissen Situationen einschätzen können. Und Kinder lernen durch ihre eigenen Erfahrungen, sie nehmen nur in den seltensten Fällen dadurch Schaden.

Beispielsweise können Mutter oder Vater die Winterstiefel und trockene Socken mitnehmen, wenn das Kind diese partout nicht anziehen will, sondern mit den Sommersandalen durch den Schnee in den Kindergarten stapfen möchte. Alle profitieren davon, wenn sich die Erziehenden mehrere Lösungsmöglichkeiten für bestimmte Situationen überlegen und ihre Handlungen und ihre Anforderungen an die Kinder immer wieder hinterfragen.

Ihre Erfahrungen?

Wie setzen Sie Ihre Wünsche und Anforderungen an die Kinder durch? Was sind Ihre Erfahrungen mit Wenn-dann-Situationen? Welche Konsequenzen stellen Sie in Aussicht? Posten Sie Ihre Erfahrungen und Ideen im Forum! (Andrea Leidlmayr, Christine Strableg, 1.7.2016)

Andrea Leidlmayr und Christine Strableg bloggen auf derStandard.at/Familie und geben Eltern Tipps für den täglichen Erziehungsalltag.

  • "Wenn du nicht brav bist, gibt es keinen Nachtisch!" Noch schaut der Kleine – aber bald hat er den Dreh selbst heraus.

    "Wenn du nicht brav bist, gibt es keinen Nachtisch!" Noch schaut der Kleine – aber bald hat er den Dreh selbst heraus.

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