20 Jahre neue Rechtschreibung: Sprache bewusst machen

1. Juli 2016, 11:00
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Autor und STANDARD-Korrektor Armin Baumgartner blickt zurück auf Kinderkrankheiten der Reform – aus zwei Blickwinkeln

Wenn man mich fragt, was ich beruflich mache, antworte ich seit der globalen Finanzkrise zumeist: "Ich lebe von Fehlern der anderen. Das ist ziemlich krisenresistent." Für die meisten ist das keine befriedigende Antwort. Konkret heißt das: Ich korrigiere Texte aller Art. Überdies schreibe ich auch welche. Ich kenne somit beide Seiten: jene, die Fehler macht, und jene, die sie zu unterbinden sucht. Man könnte diesen Umstand als technische Schizophrenie bezeichnen, die mich jedoch nicht einschränkt. Sie hilft mir vielmehr, den Alltag zu meistern, ohne an fehlerhaften Werbeaufschriften oder Speisekarten zu verzweifeln.

Mit der Tätigkeit als Korrektor habe ich 1999 in der Schlussredaktion der Tageszeitung Kurier unter der Ägide des legendären Paul Uccusic begonnen, kurz nach der offiziellen Einführung der amtlichen Neuregelung der deutschen Rechtschreibung am 1. August 1998. Um einer zusätzlichen Schizophrenie zu entgehen, stand für mich von Anfang an fest, für Schreiben und Korrigieren nur eine Rechtschreibung anwenden zu können: die neue.

Grilletta und Hamburger

Ich erinnere mich mit einem Schmunzeln daran, wie heftig die Wogen des Widerstands damals hochgingen. Vertreter der Presse, der Lehrerschaft sowie Politiker orakelten vom Untergang der deutschen Sprache, und auch eine Vielzahl an Literaten verweigerte vehement – wenn auch verständlicherweise – die Neuerungen. Geldverschwendung und Geschäftemacherei, Verwirrung der Kinder, mutwillige Verkomplizierung des geschäftlichen Alltags oder "Weil ihnen schon wieder fad im Schädel ist" lauteten gängige Argumente der Reformgegner.

foto: reuters / ralph orlowski
Welchen nehmen wir denn? Neben dem Rechtschreib-Duden gibt der Verlag Bibliographisches Institut eine Reihe weiterer Fachwörterbücher heraus sowie die Duden-Grammatik.

Zäh müssen die Verhandlungen der Reformkommission gewesen sein, galt es doch, radikale Positionen, die eine generelle Kleinschreibung sowie die Abschaffung des scharfen S vorsahen, mit jenen der Bewahrer zu vereinen. Wie in allen demokratischen Prozessen ist ein Kompromiss geblieben, der nun laufend angepasst wird. Und das ist gut so.

Politische Veränderungen spürbar machen

Freilich lag damals die Vorgängerreform gar nicht so lange zurück (1991), und sie ging relativ still über die Bühne. Denn nach der Wiedervereinigung Deutschlands war es ebenfalls notwendig geworden, eine Vereinheitlichung des Deutschen zu schaffen. Seither drohen absurde politisch konnotierte DDR-Wortschöpfungen wie "Jahresendfeier" für Weihnachten oder "Grilletta" für Hamburger in Vergessenheit zu geraten. Doch war den Verantwortlichen daran gelegen, die politischen Veränderungen auch in der Sprache sicht- und spürbar zu machen. Fortan sollten alle Deutschen das sie trennende und im Osten einst als "Antifaschistischer Schutzwall" bekannte Bollwerk "Berliner Mauer" nennen.

Ein einheitliches Deutsch der freien Welt lautete das Ziel, ebenso wie es die Duden-Ausgabe 13 im Jahr 1947 garantieren sollte, die damals noch vom Bibliographischen Institut in Leipzig ausgegangen war. Angesichts dessen ließe sich trefflich über die Notwendigkeit einer neuerlichen Reform streiten, lagen doch 1996, zur Zeit der Beschlussfassung der hier zur Debatte stehenden Neuregelung, keinerlei politische Umwälzungen im deutschen Sprachraum vor, mit denen man eine solche begründen könnte. Vielmehr könnte man gesellschaftliche Veränderungen als Grund für den Entschluss nennen, die auch auf technische Errungenschaften zurückzuführen sind.

Handy und PC

Denn wie sich mit der Erfindung der Lokomotive unsere Mobilität verändert hat, hat sich auch unsere Art zu kommunizieren mit dem Gebrauch von PCs sowie dem Internet und Mobiltelefonen transformiert. "Sprache ist überhaupt nicht egal, sie prägt die Gesellschaft", wie der Linguist Lann Hornscheidt bemerkte, und beide Pole stehen wohl gegenseitig permanent in Wechselwirkung.

Nach ersten Jahren der Verunsicherung glätteten sich bald die Wellen der Aufregung. An viele Neuerungen, die vor der Reform als undenkbar galten, hat sich das Auge bereits gewöhnt, andere wiederum scheinen gar nicht durchsetzbar zu sein. Freilich hat die Redaktion des Duden darauf mit etlichen zusätzlichen Ausgaben reagiert und die Regeln nach Maßgabe angepasst.

Ein feiner Unterschied

Zum Beispiel war in der 20. Auflage des Duden eine massive Tendenz zur Getrenntschreibung gegeben, die teilweise zu Missverständnissen führen konnte: Es war kurz nach 9/11, als ich in der Redaktion einen Artikel korrigierte, in dem eine Wienerin islamischen Glaubens befragt wurde, ob sie denn eine verstärkte Ablehnung der Muslime seit den Anschlägen in New York feststellen könne. Die junge Frau bejahte die Frage und erklärte sinngemäß, dass sie dieser Umstand traurig mache, denn es sei in Österreich noch nicht so lange her, dass Menschen anderen Glaubens grausam verfolgt wurden. Ebendies müsse man "bewusst machen". Nun wird der Frau niemand die böse Absicht unterstellen, sie habe damit ausdrücken wollen, dass man bewusst eine derartige menschenverachtende Politik betreiben solle, doch bleibt eine Unschärfe in der Deutung der Aussage. Denn es ergibt einen feinen Unterschied, ob ich etwas bewusst mache oder mir dies danach bewusstmache.

Nach Vorlage meines Anliegens entschieden wir uns in der Redaktion, in diesem Zweifelsfall die Zusammenschreibung anzuwenden und den Duden-Menschen in Mannheim dieses Unschärfepotenzial bewusstzumachen. In einer der folgenden Neuauflagen wurde dies berücksichtigt. (Armin Baumgartner, 1.7.2016)

Top Ten der Widerspenstigen

aufwändig – aufwendig*

Demografie – Demographie*

Fantasie – Phantasie*

Gämse – Gemse

Gräuel – Greuel

Mikrofon – Mikrophon*

Potenzial – Potential*

Selbstständigkeit – Selbständigkeit*

Stillleben – Stilleben

zu viel – zuviel

Die Beispiele stammen aus persönlichen Erfahrungen des Autors. Mit * gekennzeichnete Wörter sind wieder in beiden Varianten gültig.

Armin Baumgartner, geboren 1968 in Neunkirchen, ist Korrektor und Schriftsteller; zuletzt erschien "Almabtreibung", Kitab-Verlag, Klagenfurt 2014.


Der Arbeitskreis "Lesen und Rechtschreiben heute" schreibt einen mit 20.000 Euro dotierten Schreibwettbewerb zum Thema Rechtschreibreform aus. Weitere Infos unter rechtschreibreform.de


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