"Sommernachtstraum": Ein elisabethanisches Hippie-Musical

30. Juni 2016, 17:24
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Michael Sturmingers Inszenierung nimmt Anleihe bei den Sechzigerjahren

Perchtoldsdorf – Von drei zueinandergestellten Tribünen blickt man wie in eine Zirkusmanege auf das Geschehen. Doch dieses moderne Amphitheater beherbergt heute keine mythischen Athener, wie sie William Shakespeare in seiner 400 Jahre alten Komödie ins Getümmel wirft. Es sollen kernige Dorfbewohner, ja gar Perchtoldsdorfer sein, die hier als vorgebliche Laiendarsteller Shakespeares Stück im Stück, das Drama von Pyramus und Thisbe, probieren.

Die Theaterhandwerker um Peter Squenz (Markus Kofler) sollen in Michael Sturmingers Inszenierung zum 40. Bestehen der Sommerspiele sinnbildlich stehen für alle Kraftanstrengungen, die ein solches Vorstadttheater für seinen Erhalt unternehmen muss. Nach einem Sturm (2015), der zum Lüftchen wurde, beschenkt Sturminger das Publikum auch zum Jubiläum mit Shakespeare. Aus der sicheren Bank Sommernachtstraum macht er Naheliegendes und präsentiert ein elisabethanisches Hippie-Musical, das auf Ideen von freier Liebe und Sechzigerjahre-Ästhetik verweist.

Feier der Unterbekleidung

Zugrunde liegt ein komplexes Beziehungsspiel: Egeus ist außer sich ob seines Töchterchens Hermia. Die will nämlich nicht den ihr angedachten Demetrius zum Manne nehmen, sondern mit Lysander ihr Glück versuchen. Helena hingegen verzehrt sich unterwürfig nach Demetrius, doch der hat nur Spott und Ekel für sie übrig. Abhilfe verspricht die Flucht ins Unterholz. Im dunklen Zauberwald werden Zwänge rasch bezwungen, doch Shakespeares listige Traumgeschöpfe spielen der Liebe einen Streich.

Andreas Patton gibt den Elfenkönig Oberon als Mephisto im Rockstargewand. Kühl, distanziert und undurchschaubar geheimnisvoll dirigiert er seinen Kobold Puck (Karl Walter Sprungala). Der geile Bock im Hippiehemd soll Königin Titania im Auftrag seines Herren disziplinieren. Die verhängnisvolle Blume, deren Saft aus Versehen auch das Beziehungsgeflecht der jungen Liebenden durcheinanderwürfelt, holt Puck aus seiner Unterflak hervor.

Feier der Unterbekleidung

Überhaupt zelebrieren die Ausstatter Renate Martin und Andreas Donhauser diesen Sommernachtstraum als Feier der Unterbekleidung. Die transparenten Stoffe der Kostüme (warum nur auf die weiblichen beschränkt?) halten die erotische Spannung der Aufführung fast schon übermäßig hoch. Als gelungen erweist sich das Rundumkonzept der Bühne. Sie lässt mit Fortdauer des Spiels, dank mancher technischen Überraschung, die gänzlich fehlenden Requisiten nicht vermissen.

Squenz und seine Truppe erinnern stellenweise an Monty Python und belustigen vor allem dann, wenn Thisbe (Michael Kreiner, auch musikalische Leitung) in einem Vorhang, der sich Kleid schimpft, seine/ihre Sexiness präsentiert. Für die vielen musikalischen Beiträge fügt man sich harmonisch an eine Elfenschar aus echten Laienschauspielern. Mittels Flöten, Lauten und Gesang entsteht ein verspielter Sound, der angelsächsische Folklore mit psychedelischen Motiven mischt.

Gesungen wird auf Shakespeare-Englisch, das mit einigen Phrasen auch in der Perchtoldsdorfer Neuübersetzung (Angelika Messner, Martina Theissl) zu originaler Geltung kommt. Freundlicher Applaus für eine schauspielerische Kollektivleistung. Sonderlob gebührt Bühne und Musik. (Stefan Weiss, 1.7.2016)

  • Hermia (Julia Richter) und Lysander (Benjamin Vanyek) hilft der Liebeszauber Oberons (Andreas Patton, Mitte) nur bedingt.
    foto: lalo jodlbauer

    Hermia (Julia Richter) und Lysander (Benjamin Vanyek) hilft der Liebeszauber Oberons (Andreas Patton, Mitte) nur bedingt.

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