Chaos in Rio de Janeiro: Olympia im Feuer

Reportage4. Juli 2016, 12:04
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Olympia sollte Rio de Janeiro den alten Glanz zurückgeben. Jetzt steht die Stadt vor dem finanziellen Kollaps. Die Gewaltrate steigt. Und die Frage ist, was kommt, wenn die Sportjugend der Welt gegangen ist

Rio – Anzeigen können auf Polizeiwachen nicht mehr aufgenommen werden. Auf den Straßen abseits der Touristenviertel patrouilliert kaum noch ein Beamter. Es fehlt an Personal. Auch für Druckerpatronen und Papier ist kein Geld mehr da. Eigentlich sind Rios Sicherheitskräfte auch mit Helikoptern ausgerüstet. Doch die stehen am Boden – keine Ersatzteile, kein Benzin. Polizisten aus Rio de Janeiro posten seit Monaten die Missstände in ihren Einheiten in den sozialen Netzwerken. Anfang Juni musste der Gouverneur den Finanznotstand verkünden. Doch die Olympiastadt steht schon länger vor dem Kollaps.

Rios Bürgermeister Eduardo Paes scheint einer der wenigen zu sein, die die olympische Flamme noch hochhalten. Unermüdlich weiht er Sportarenen, eine neue Schnellbusstrecke und die Uferpromenade im ehemals heruntergekommenen Hafenviertel ein. Doch inzwischen ist seine Mission mehr auf Schadensbegrenzung bedacht. Die Situation sei schwierig, gibt er zu, "aber der Finanznotstand beeinflusst Olympia in keiner Weise".

Geschlossene OP-Säle

Doch so einfach ist es nicht. Polizei, Gesundheitswesen und Bildung liegen zum großen Teil in der Verantwortung des Bundesstaates, und der kommt mit den Gehältern nicht hinterher. Wichtige medizinische Ausrüstungen fehlen, Notaufnahmen und OP-Säle in staatlichen Krankenhäusern wurden bereits geschlossen. Immer mehr Kinder mit Schädelfehlbildung werden geboren, hervorgerufen durch das Zika-Virus. Es fehlt an Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten. Es sei "unverantwortlich und eigentlich unvorstellbar", Olympische Spiele in einem Staat auszutragen, der den Finanznotstand ausgerufen habe, sagt der Historiker Lamartino da Costa, Mitglied einer Forschergruppe beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC).

Eine Finanzspritze der Regierung in Brasília in Höhe von umgerechnet 760 Millionen Euro soll die Olympia-Vorbereitungen zum Abschluss bringen. Mit dem Velodrom wurde die letzte Sportstätte übergeben. Noch ist aber nicht klar, ob die Verlängerung der Metro hin zu den Austragungsstätten in Barra da Tijuca fertig wird. Eine Einweihung mit Eröffnung der Spiele verspricht Rios Transportsekretär. Allerdings gibt es keinen wie sonst üblichen Probebetrieb, der für die Sicherheit eigentlich unerlässlich ist. Der Ausbau der Metro riss auch das größte Loch in die Kasse. Veranschlagt waren 1,4 Milliarden Euro, jetzt werden es wohl 2,7 Milliarden.

"Ihr riskiert euer Leben"

Fast im selben Verhältnis steigt die Zahl der Morde und Raubüberfälle. In vier Wochen erwartet die Metropole rund 150.000 Athleten und geschätzt eine halbe Million Touristen. Einige warnen vor einer Reise an den Zuckerhut. "Bleibt in euren Heimatländern. In Brasilien riskiert ihr euer Leben", schrieb Ex-Weltfußballer Rivaldo auf Instagram.

Eigentlich gilt Rios Sicherheitsstaatssekretär José Mariano Beltrame als besonnener Mann. Doch jetzt wird der 59-Jährige deutlich. Finanziell sei die aktuelle Situation die schwierigste in seiner neunjährigen Amtszeit. Der Etat wurde um 32 Prozent gekürzt. Geld bleibt nur noch für Gehälter und den Bürokratiebetrieb.

Dabei sah es einmal so aus, als könnte Rio den Ruf als gewalttätigste Stadt Südamerikas loswerden. 2008 wurden in den Armenvierteln Einheiten einer sogenannten Befriedungspolizei, der UPP (Unidade de Polícia Pacificadora), installiert, heute sind es 38 Einheiten für mehr als 1,5 Millionen Menschen. Damit wollte der Staat die von Drogenkartellen kontrollierten Gebiete zurückholen. Die Gewalt ging tatsächlich zurück, viele Bewohner hatten Hoffnung. Beltrame war für die Strategie verantwortlich und erntete weltweit Respekt dafür.

Doch der mit Polizeieinsätzen erkaufte Friede hielt nicht lange. Der Sicherheitschef kritisiert, dass der Staat seine Versprechen einer besseren Infrastruktur sowie einer Erhöhung der Anzahl von Schulen und Gesundheitsstützpunkten nicht gehalten habe. "Die Polizei ist immer nur Teil der Lösung", sagt er. Soziale Spannungen kann sie nicht lösen.

An Krieg gewöhnt

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Einheiten der UPP zu der als besonders korrupt und brutal agierenden Militärpolizei gehören, denen schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden. In Rio gebe es eine Polizei, "die an Krieg gewöhnt war und die eine Belohnung erhalten hat, wenn sie einen Menschen tötete", beschreibt Beltrame offen das Problem. Auf der anderen Seite gebe es drei sich gegenseitig bekämpfende kriminelle Banden, die mit modernsten Waffen ausgerüstet seien.

Inzwischen werden am Rande der Favelas wieder offen Drogen verkauft. Während sich die Bosse in die Nobelviertel der Stadt zurückgezogen haben, machen Jugendliche für sie die Drecksarbeit – alle mit großkalibrigen Pistolen bewaffnet. "Für uns hat sich nichts geändert. Wir sind wieder mittendrin in der Gewalt und beiden Seiten schutzlos ausgeliefert", sagt Adriana Campos, die in der Favela Complexo Alemão wohnt. Fast täglich kommt es wieder zu Schießereien. 2036 Tote gab es in den ersten vier Monaten dieses Jahres, zwölf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Zu den Olympischen Spielen werden jetzt 20.000 Soldaten entsandt, die rund um die Sportstätten im wohlhabenden Süden der Stadt für Sicherheit sorgen sollen. Insgesamt sind 85.000 Sicherheitskräfte im Einsatz, so viel wie noch nie bei Olympischen Spielen. "Doch was wird danach?", fragt auch Beltrame. Er befürchtet eine neue Gewaltwelle und den endgültigen Untergang der Idee einer Befriedung. (Susann Kreutzmann, 4.7.2016)

  • Viele Menschen fallen der sogenannten Befriedungspolizei in den Favelas zum Opfer – Olympia wird dafür verantwortlich gemacht.
    foto: ap/izquierdo

    Viele Menschen fallen der sogenannten Befriedungspolizei in den Favelas zum Opfer – Olympia wird dafür verantwortlich gemacht.

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