Ohne Krieg in Syrien, Irak und Afghanistan gäbe es das Wort "Asylkrise" nicht

Analyse12. Juli 2016, 05:30
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Frage und Antwort: Warum die Zahl der Mittelmeerüberfahrten nicht zwangsläufig mit den Temperaturen steigt und warum Migration nicht mit Bevölkerungswachstum zusammenhängt

foto: afp photo / joe klamar

Wien – Teilnahmen an EU-Sondergipfeln, hitzige Debatten in kleinen Gemeinderats- und großen Parlamentssitzungen, die Verlegung von Militär- und Polizeieinheiten, mediale Diskussionen um Zäune und den Verzicht auf den freien Grenzverkehr, Schaukämpfe zwischen Bürgermeistern, Landeshauptleuten und Ministern um die Quartierbeschaffung und aufgebrachte Gespräche in Wohnzimmern und Wirtshäusern über Gesellschaft, Sicherheit und Zukunft – die Flüchtlings- oder Asylkrise hat Auswirkungen auf Österreich wie kaum eine andere Sache in der Zweiten Republik.

Es wird weiterhin viel über die Ausmaße und die Hintergründe spekuliert, oft Erklärungen gefunden, wo es gar keine gibt. Dabei liefern die aktuellen Zahlen klare Antworten – lesen Sie hier drei Antworten zu populären Thesen.

Kommen seit vorigem Jahr plötzlich Leute aus aller Welt zu uns?

Ohne die geflüchteten Bewohner von lediglich drei Staaten hätte das Wort "Asylkrise" wohl nie Eingang in den österreichischen Sprachgebrauch gefunden. Denn die Ausnahmesituation des Vorjahres ist als singuläres Ereignis mehrheitlich auf Flüchtlinge aus den Kriegsregionen Syrien, Afghanistan und den Irak zurückzuführen. Zwischen Jänner 2015 und Mai 2016 stellten 76.730 Menschen aus diesen drei Ländern Asylansuchen in Österreich; aus den über 190 anderen Staaten waren es mit 33.967 nicht einmal halb so viele.

Aus diesem "Rest der Welt" kommen heute nicht mehr Menschen über den Weg eines Asylansuchens nach Österreich als im langjährigen Schnitt. Seit 2002 stellten monatlich 1.382 Menschen aus diesen Ländern Anträge in Österreich, im Mai 2016 waren es mit 1.446 Personen nur wenig mehr. Anfang bis Mitte der Nullerjahre lag dieser Wert meist deutlich höher als jetzt; im September 2003 waren es etwa 3.352 Anträge, im September 2002 sogar 4.314 Anträge.

Insgesamt stehen wir nach dem ersten Halbjahr 2016 in Österreich bei rund 25.700 Asylanträgen – davon wurden 22.135 zum Verfahren zugelassen. Im ersten Halbjahr 2015 waren es 28.300; die Kurve zeigte damals aber steil nach oben, während sie zuletzt fiel.

Aber steigen die Mittelmeer-Überfahrten jetzt im Sommer nicht wieder unweigerlich an?

Als die Zahl in Europa ankommender Flüchtlinge und Migranten im vergangenen November sank, war vielen Beobachtern klar: Die kalten Wintermonate werden wie eine natürliche Drossel wirken, doch mit den steigenden Temperaturen im Frühjahr werden auch die Überfahrten auf den Mittelmeerrouten wieder zunehmen.

"Spätestens dann, wenn die Temperaturen wieder steigen und Mazedonien wegen des großen Drucks die Grenzen aufmachen muss, müsse wieder mit Flüchtlingszahlen wie in den vergangenen Wochen gerechnet werden", zitierte "Die Presse" im vorigen November einen Sprecher des österreichischen Innenministeriums. Im heurigen Februar wusste das Boulevardblatt "Heute": "Eines ist allerdings auch klar. Wenn die Temperaturen wieder steigen, dürften auch wieder mehr Menschen über die Balkan-Route nach Österreich und Deutschland strömen." Und im März schrieben die Kollegen der deutschen "Tagesschau", als handle es sich um ein Naturgesetz: "Milde Temperaturen in Griechenland bedeuten: Die Zahl der Flüchtlinge nimmt wieder zu."

Es war keine weit hergeholte Annahme, denn die Korrelation zwischen Temperaturen und Ankunftszahlen schien nach allen Erfahrungswerten des Vorjahres offensichtlich. Von Jahresanfang bis Herbstbeginn wuchsen beide Werte nahezu im Gleichschritt an und sanken danach wieder gemeinsam. Einen unverrückbaren kausalen Zusammenhang auf das Jahr 2016 zu projizieren, war verlockend.

Doch während die durchschnittlichen Temperaturen auf den griechischen Inseln Lesbos, Chios und Kos – den lange Zeit am häufigsten angesteuerten Ankunftsorten in der Europäischen Union – seit Wochen über 25 Grad liegen und die Tageshöchstwerte 35 Grad erreichen, ist die vom UNHCR in Griechenland registrierte Zahl potenzieller Asylwerber seit drei Monaten auf einen Bruchteil der früheren Werte gesunken. 2016 kamen selbst in den Wintermonaten Jänner und Februar pro Tag teils mehr als 2.000 Menschen über die Ägäis, zuletzt waren es unter fünfzig.

Der Rückgang war in Griechenland am deutlichsten zu beobachten, in Italien blieben die Zahlen für das jeweils erste Halbjahr 2015 und 2016 etwa gleich. Über alle europäischen Mittelmeer-Anrainerstaaten hinweg haben sich die Ankünfte trotz heiteren Wetters mehr als halbiert. Im Juni 2015 kamen insgesamt 54.588 Menschen in Europa an, im Juni 2016 waren es 23.734. Die Zahlen für die ersten Juli-Tage deuten darauf hin, dass die Differenz im aktuellen Monat noch größer ausfallen wird.

Die bisherige Entwicklung ist freilich kein Indikator für jene in den kommenden Monaten. Sie zeigt vielmehr, dass in der Frage einer seriösen Prognose einfache Erklärmodelle wie steigende Temperaturen nicht als Krücken dienen. Fluchtbewegungen gleichen sich nicht vorhersehbar saisonal und zyklisch mit Umwelteinflüssen ab. Zu viele unvorhersehbare politische Steuerungsmechanismen in den Quell- und Zielländern – konkret die Sperre der Balkanroute und der Türkei-Deal –, zu viele persönliche Konstitutionen der Flüchtenden, die zu Eigendynamiken in den Strömen führen, wirken auf die Zahl der Ankünfte in Europa.

Kommen aus den am schnellsten wachsenden Ländern die meisten Migranten?

Zumindest nicht nach Österreich. Die Länder mit den höchsten Fertilitäts- und Reproduktionssraten scheinen so gut wie nie in den oberen Positionen der nach Nationen aufgeschlüsselten heimischen Asylstatistik auf. Die zehn Staaten mit der weltweit höchsten Zahl an Geburten pro Frau sind laut den Vereinten Nationen Niger, Somalia, Mali, der Tschad, Angola, die Demokratische Republik Kongo, Burundi, Uganda, Timor-Leste und Gambia. Von diesen Staaten befindet sich derzeit mit Somalia nur einer unter den zehn antragsstärksten Asylnationen in Österreich.

Auch wenn man den Ausschnitt vergrößert, bleibt die Rate ähnlich: Von den 30 geburtenstärksten Nationen finden sich nur vier (Somalia, Gambia, Nigeria, Afghanistan) in den 30 antragsstärksten Nationen der österreichischen Asylstatistik.

Die am schnellsten wachsenden Nationen schlagen sich ebenfalls nur selten in der heimischen Asylstatistik nieder: Der Oman, der Libanon, Kuwait, Katar, der Südsudan, der Niger, Burundi, der Irak, der Tschad und Angola verzeichneten laut Uno in den vergangenen fünf Jahren die größten prozentuellen Bevölkerungszuwächse. Davon befindet sich nur der Irak in den Top Ten der Herkunftsländer in Österreich. Zwischen den 30 am schnellsten wachsenden Nationen und den Top 30 der antragsstärksten Staaten gibt es ebenfalls nur vier Überschneidungen (Libanon, Irak, Gambia, Afghanistan).

Der Großteil der in Österreich und Europa Asylsuchenden stammt aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, Somalia, Pakistan und Nigeria – allesamt Staaten, die sowohl im "Fragile State Index" als auch im "Global Peace Index" zu den konfliktbeladensten der Welt zählen. (Michael Matzenberger, 12.7.2016)

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