Brexit schadet dem Serienwunder

1. Juli 2016, 11:00
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Mit "Downton Abbey", "Sherlock" und bald "The Night Manager" ist Großbritannien ein wichtiger Player im internationalen Serienbusiness

London/Wien – Rupert Murdoch findet den Brexit toll. Die Entscheidung der Briten, den europäischen Wirtschaftsraum zu verlassen, verglich der Medienmogul und Europaskeptiker mit einem "Gefängnisausbruch".

Mit seiner Euphorie steht Murdoch in der Film- und Fernsehbranche ziemlich allein da. Als "Desaster" bezeichnete der Hollywood-Filmproduzent Harvey Weinstein den Brexit. Weinstein produzierte Aviator und Django Unchained, gehört also zu den großen Nummern in Hollywood. Er zeigte sich vom Ergebnis "schockiert". Er rechnet mit Ungleichbehandlung von britischen und resteuropäischen Produktionen, sagte er dem US-Branchenportal Deadline. Der Ausstieg habe "verheerende Folgen" für die Kulturschaffenden, sagte der Vorsitzende der Unabhängigen Film-und-Fernseh-Allianz (IFTA) Michael Ryan zum Branchendienst Variety.com.

Seit Jahren ist Großbritannien wichtiger Player im internationalen Seriengeschäft. Produktionen wie Downton Abbey, Sherlock und The Night Manager (demnächst im ORF) werden in aller Welt gespielt. Gut möglich, dass das Interesse der Abnehmer nachlässt, wenn der Rechteerwerb durch Handelsbarrieren oder Kostensteigerungen erschwert wird.

Die Folgen des Ausstiegs für die britische Film- und Fernsehwirtschaft kann man sich ausrechnen. Der Brexit zieht Einschränkungen im Personen-, Waren- und Dienstleistungsverkehr nach sich, Film- und TV-Produktionen hängen hier überall mit drin.

Neu ausverhandeln

Je nach Härtegrad könnten Steuerbegünstigungen fallen, müssen Koproduktionsverträge neu ausverhandelt werden. Die Briten fallen zudem aus EU-Förderprogrammen, etwa "Media", das Verleih und Vertrieb für audiovisuelle Medien fördert.

Als Einzelplayer aufzutreten könne zudem Chancen verringern, mit Partnern wie den USA zu kooperieren, analysiert die Londoner Wirtschaftskanzlei Olswang für die Onlineplattform screendaily.com. Experten fürchten Auswirkungen auf den Export britischer Film- und Serienware. Kontinentaleuropa ist ihr wichtigster Abnehmer. Die Scheidung würde britische Filmemacher zudem von EU-Subventionstöpfen abschneiden, aus denen laut cnbc.com zwischen 2007 und 2015 mehr als 180 Millionen Dollar in UK-Produktionen flossen.

Eine EU-Richtlinie für audiovisuelle Medien wird derzeit überarbeitet. Nach dem Brexit verliert die britische Regierung jegliche Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen. Rundfunkstationen wie die BBC betreiben internationale Kanäle, Begünstigungen durch den freien Handel mit Rundfunkservices würden danach wohl neu aufgerollt werden. Netzwerke wie der Discovery Channel wollen eng mit britischen und EU-Verantwortlichen zusammenarbeiten, um den Ausstieg abzuwickeln.

Niedrige Pfund von Vorteil

Für Produktionen, die Großbritannien als Schauplatz von Filmen und Serien nutzen, ist das niedrige Pfund von Vorteil. HBO dürfte sich die Hände reiben: Wesentliche Teile von Game of Thrones spielen im Königreich. EU-Förderungen fließen, wie kurzfristig kolportiert, nicht mehr in die Großproduktion.

Auf Käuferseite herrscht Zurückhaltung. Dorothee Stoewahse von der deutschen Betafilm wagt noch keine Prognose. Nur so viel: "Eine Herausforderung für den Ein- und Verkauf sowie unsere Produktionsaktivitäten ist aber der Wechselkurs von Pfund und Euro." Serienchefin Andrea Bogad-Radatz sieht für den ORF beim Einkauf "keinerlei Auswirkungen auf den Rechtehandel."

ORF-Enterprise-Chefin Beatrice Cox-Riesenfelder rechnet damit, dass "Koproduktionen, insbesondere mit Mediaförderungen vielleicht komplizierter – und EU-Förderungen für britische Produzenten wohl schwerer zu bekommen sein werden." Für den ORF sieht sie vorerst "keine Auswirkungen, das ist alles viel zu früh." (Doris Priesching, 1.7.2016)

  • Mit der Serie "Sherlock" landete die BBC einen Verkaufshit.
    foto: ap/pbs

    Mit der Serie "Sherlock" landete die BBC einen Verkaufshit.

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