"Marshland": Die Tage der langen Schatten

30. Juni 2016, 16:55
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In dem spanischen Thriller machen sich zwei Polizisten an die Aufklärung einer brutalen Mordserie – und finden Francos Erbe in der Glut des Südens

Wien – "Ist es wahr, dass sie den Ort verlassen wollten?" Der Polizist, der im Klassenzimmer die Schulmädchen befragt, könnte sich die Antwort in Wahrheit auch selbst geben. Denn jeder will von hier weg, der jung genug ist. "Wer möchte das nicht?", ruft dennoch eine der Schülerinnen wie zum Beweis. Draußen brennt die Sonne auf das verdorrte Land. Erbarmungslos muss auch der Mörder gewesen sein, dem die beiden Schwestern in die Hände gefallen sind, deren Leichen wenig später aus einem der Bewässerungskanäle geborgen werden. Kein Anblick für den jüngeren der aus Madrid in die andalusische Provinz abgestellten Polizisten. Dabei wird er zur Aufklärung dieses Verbrechens noch größere Standfestigkeit brauchen.

Spanien im September 1980, fünf Jahre nach dem Tod Francos. Wenn Pedro (Raúl Alévaro) und sein Kollege Juan (Javier Gutiérrez) bei ihren Nachforschungen ein Abbruchhaus durchkämmen, finden sich noch die franquistischen Parolen an den Wänden. "Der Sieg war unser", steht da in großen Lettern. Wenn das Licht der Taschenlampe auf den Boden fällt, sieht man nur Schutt und Asche. Die Faschisten haben sich nicht gehalten, doch die Demokratie hat in den vergangenen Jahren auch auf sich warten lassen. In den Köpfen vieler ist sie noch immer nicht angekommen.

Schüsse fallen nur aus dem Hinterhalt

Diese dunkle Vergangenheit Spaniens liegt wie ein schwerer Schleier über der Erzählung von Marshland (La isla mínima), der den Riss, der nach wie vor durch die Gesellschaft und die Familien geht, gerade hier im entfernten Winkel des Landes deutlich macht: Blicke, Gesten und Worte künden von Misstrauen und Verrat. Schüsse fallen in diesem Film ausschließlich aus dem Hinterhalt. Nicht nur weil die Armut die Menschen zur Wilderei zwingt, sind Jagdflinten hier von Vorteil.

Alberto Rodríguez, der auch als Koautor verantwortlich zeichnet, orientiert sich mit seiner Erzählung rund um das mysteriöse Verbrechen zwar an den bekannten skandinavischen Vorbildern, die nervöse, nahezu pulsierende Atmosphäre seines Thrillers ist jedoch das Resultat einer bemerkenswerten Kombination: Rodríguez verbindet nämlich das Erbe des unterkühlten europäischen Polizeifilms der 70er-Jahre mit dem Schauwert dieser von Hitze gezeichneten Landschaft. Lang sind die Schatten der Körper und tieforange glüht der Horizont in der späten Abendsonne in Cinemascope. Wenn die Landschaft so weit ist, wie die Bilder breit sind, kann eine Verfolgungsjagd zu Fuß eine ganze Weile dauern.

outsider pictures

Der Lärm der Zikaden

Die Patina, die diesem Film anhaftet, ist dabei mindestens so dick wie die Staubschicht, die sich auf die Windschutzscheiben der Autos legt. Immer weiter werden die Wege der Polizisten, immer sinnloser scheint ihr Bemühen, wenn sie verzweifelt versuchen, das Netz um die Wisser und Mitwisser immer enger zu ziehen. Doch da ist aus dem Doppelmord bereits ein Serienmord geworden, das Lärmen der Zikaden rüttelt an den Nerven, und die verheißungsvollen Spuren lösen sich im Nichts auf.

Während sich Rodríguez' Inszenierung also auf die erprobten Spielregeln des Genres verlässt, liefert der zeithistorische Kontext die Munition: Anders als zuletzt etwa Pablo Traperos El Clan, der von einer Verbrechersippe nach dem Sturz der argentinischen Militärjunta erzählte, schließt Rodríguez die Verbrechen des alten Regimes mit der zweifelhaften Moral der neuen Gesetzeshüter kurz.

Denn Pedro und Juan kämpfen weniger für das neue, demokratische Recht nach der Diktatur, sondern ihren eigenen Kampf. Je weiter die Ermittler vordringen, desto klarer kommen auch ihre eigenen Biografien zum Vorschein, gezeichnet von Brüchen, Wunden und Gewalt. So sind sie hierhergekommen, und so werden sie diesen Ort hoffentlich verlassen. Denn dann hätten sie ihn immerhin überlebt. (Michael Pekler, 30.6.2016)

  • Die Jäger schnappen sich die Beute, während der Gejagte seine eigene verliert: Nicht nur das Wildern ist im "Marshland" verboten.
    foto: polyfilm

    Die Jäger schnappen sich die Beute, während der Gejagte seine eigene verliert: Nicht nur das Wildern ist im "Marshland" verboten.

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