"Inside" im Test: Ein albtraumhaftes Meisterwerk

3. Juli 2016, 11:00
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Der "Limbo"-Nachfolger begeistert mit Atmosphäre, Gameplay und einzigartigem Storytelling

"Limbo", 2010 vom dänischen Studio Playdead veröffentlicht, ist zu Recht ein moderner Klassiker. Die düstere Geschichte eines kleinen Jungen, der in einer schwarz-weiß gestalteten Traumwelt seine Schwester sucht, begeisterte Spielerschaft und Kritiker gleichermaßen. Völlig zu Recht gilt der millionenfach auf einer Vielzahl von Konsolen, PC- und Mobilsystemen verkaufte Puzzle-Plattformer auch heute noch als zeitloses Ausnahmespiel.

Sechs Jahre hat sich Playdead für sein soeben veröffentlichtes zweites Spiel "Inside" Zeit gelassen, und ganz zu Beginn dieser Rezension muss ein erstaunlicher Befund stehen: "Inside" schafft es nicht nur mühelos, die Qualitäten von "Limbo" beizubehalten, sondern übertrifft sie auf allen Ebenen. So ist "Inside" logischerweise auch unser dieswöchiges Indie-Game der Woche.

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Video: Trailer zu "Inside"

Ein Höhepunkt der Animationskunst

Auf den ersten Blick ähneln sich die beiden Spiele: Auch in "Inside" steuern Spielerinnen und Spieler einen kleinen Jungen durch eine düstere Welt, müssen sich vor Gefahren in Acht nehmen und physikbasierte Rätsel lösen. Wie in klassischen Sidescrollern führt der Weg stets zweidimensional meist von links nach rechts, auch wenn durchaus beeindruckend räumliche Tiefe vorgetäuscht wird. Statt im diffusen Schwarzweiß zu bleiben, setzen sparsame Farbtupfer atmosphärische Akzente in einem Grafikstil, dem unbewegte Bilder nicht gerecht werden: "Inside" ist ein atemberaubender Höhepunkt der Animation, in dem kleinste Umgebungsdetails ebenso überzeugend verwirklicht sind wie die schier unglaubliche Vielfalt des Bewegungsrepertoires der Hauptfigur.

Das gehetzte Stolpern auf der Flucht, der ängstliche Blick zu Überwachungskameras, akrobatische Sprünge: Man kann sich kaum daran sattsehen, wie flüssig, lebensecht und überzeugend sich der namenlose Protagonist durch diese Welt bewegt, die zugleich steril und bedrohlich, aber auch detailliert und lebendig ist. Wie "Inside" aus der Interaktion dieser zwei Elemente, seiner Hauptfigur und seiner Welt, ein Erzählen entfaltet, das ganz ohne Text auskommt und dennoch mitreißt und berührt, lässt sich nur mit einem Wort beschreiben: atemberaubend.

Einzigartige Horrordystopie

Da im schrittweisen Erfahren dieser Erzählung einer der Hauptreize von "Inside" liegt, sei hier nichts vorweggenommen, nur so viel: Der Weg führt durch eine eigentümliche und einzigartige Dystopie, die sich vom banalen Schrecken ins grotesk Albtraumhafte steigert. Völlig ohne Worte erzählt die Welt von sich selbst, während sich der Protagonist seinen verschlungenen Weg durch sie bahnt. Auf die aus dem Vorgänger bekannten präzisen Sprungeinlagen verzichtet "Inside", dafür fordert es mit einer abwechslungsreichen Vielzahl von physikbasierten Rätseln, die sich logisch in die Welt fügen und dabei stets aufs Neue überraschen.

Die direkte Konfrontation mit den wenigen Gegnern, die diese Welt bevölkern, endet ebenso wie Stürze aus zu großen Höhen mit dem Tod; dank sinnvoller Speicherpunkte kommt allerdings an keiner Stelle Frust auf. Im Gegensatz zu "Limbo" lässt "Inside" auch im späteren Spielverlauf selbst weniger geübte Spielerinnen und Spieler nicht scheitern, sondern bleibt fordernd, ohne simpel zu werden. Die Begegnungen mit besonders unheimlichen Widersachern in der Spielmitte lassen die Hochachtung vor dem nur auf den ersten Blick nüchternen Grafikstil noch wachsen.

Spannung ohne jeden Leerlauf

"Inside" schafft das seltene Kunststück, seine Spielerinnen und Spieler auf traumwandlerische Weise zugleich zu fordern und sie völlig ohne Leerlauf voranzuführen. In den gut drei Stunden Spieldauer überschüttet es sein Publikum mit einem Überfluss an neuen Ideen, dramatischen Momenten und zum Teil völlig originellen Gameplay-Ideen. Statt seine Elemente aber über Gebühr zu strecken und so "Content" zu schinden, führt "Inside" immer weiter, von Szene zu Szene, die jede für sich lange im Gedächtnis bleiben.

Diese Überfülle lässt auch die relative Kürze zur Nebensache werden: Es spricht absolut für dieses Ausnahmespiel, dass man direkt nach seinem verstörenden Ende sofort aufs Neue startet und seine Welt mit anderen Augen, aber noch größerer Hochachtung noch einmal erleben will.

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Video: Gameplay-Montage zu "Inside"

Fazit

Grafisch und vor allem in Sachen Animation beeindruckend, in seiner Welt und seinem Erzählen absolut einzigartig, in Sachen Gameplay verschwenderisch abwechslungsreich: "Inside" ist ein überwältigendes Meisterwerk und ein Pflichtspiel nicht nur für Indie-Freunde, sondern schlicht für alle Spielerinnen und Spieler. Mit einer Einschränkung: Für Kinder ist das nur auf den ersten Blick simple Spiel wegen seiner Themen und verstörenden Bilder eher nicht geeignet.

Wer "Limbo" schätzte, wird in dieser düsteren Welt mehr als nur einen gelungenen Nachfolger im Geiste finden. "Inside" ist ein albtraumhaftes Meisterwerk, von dem noch lange gesprochen werden wird. (Rainer Sigl, 3.7.2016)

"Inside" ist für Xbox One erschienen. Für Windows-PC erscheint es am 7. Juli. Versionen für PS4 und weitere Plattformen sollen folgen. UVP: 19,99 Euro.

Im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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