Wo die Hunde tanzen, Teil 2

Glosse30. Juni 2016, 18:00
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Es entbehrt nicht einer gewissen Tragikomik, welche Probleme Balkandiktatoren bekommen, wenn sie sich mit Kriminellen ins Bett legen

Die Widersacher von Slobodan Milošević, die Autokraten von Kroatien und Bosnien, Franjo Tuđman und Alija Izetbegović, betreiben ab 1991/92 Mörderbrigaden aus Kriminellen und Turbopatrioten, die mit ihren serbischen Kollegen um den Oscar für das gemeinste Kriegsverbrechen wetteifern. Genauso wie Slobo bekommen Tuđman und Izetbegović auch Probleme mit Parteiarmeen ihrer politischen Konkurrenten oder mit eigenen Einheiten, die sich der Kontrolle ihrer jeweiligen Regierung entziehen.

Tuđmans Jungs

Als der erste Präsident aller Kroaten im Winter 1991 von seinem Innenminister hört, dass eine kleine Einheit des Innenministeriums mitten in Zagreb den serbischen Metzger Mihajlo Zec auf offener Straße erschießt, seine Frau und die 13-jährige Tochter Aleksandra verschleppt, beide mehrfach vergewaltigt, dann mit Kopfschüssen hinrichtet und die noch gefesselten halbnackten Leichen auf einem Müllhaufen ablegt, sagt er: "Lassen Sie mal ... Wir werden die Jungs noch brauchen ..."

... denn sie wissen, was sie tun

Diese Jungs (und einige Frauen) nennen sich selbst "Jesenje kiše" – Herbstregen. Und was Franjo Tuđman damals sagt, ist eine gerichtsnotorische Tatsache, bewiesen durch Tonbandmitschnitte des – leicht paranoiden – Präsidenten selbst. Erst seit wenigen Jahren läuft der Prozess gegen den vermutlichen Kommandanten der Einheit, den "Napoleon von Vukovar", Tomislav Merčep. Noch ist seine Unschuld eine gültige Vermutung, die ich nach dem Mediengesetz beachten muss.

Unstrittig, weil durch Prozesse und Zeugenaussagen belegt, foltern und morden die "Herbstregen" 1991/92 in der Ebene von Pakrac (Pakračka poljana) im lieblichen Slawonien und betreiben kurz eine Art Außenstelle für Folterungen auf dem Messegelände von Zagreb. Einige Angehörige dieser Einheit werden erst lange nach dem Krieg verurteilt. Die Überlebenden der Familie Zec bekommen erst vor wenigen Jahren von der kroatischen Regierung eine Entschädigung zugesprochen. Bei den Gerichtsverfahren rund um die "Herbstregen" wird auch die Rolle des Präsidenten Tuđman besprochen, aber zu diesem Zeitpunkt ist er schon tot.

Die Untoten

Doch im Jahr 1991/92 sind die Taten seiner Jungs noch kein Problem für Tuđman. Sein Problem ist die Parteiarmee des Neo-Ustaša Dr. Dobroslav Paraga. Dessen Partei, die Hrvatska stranka prava (Kroatische Partei des Rechts), ist nicht nur sehr beliebt, sondern betreibt eine paramilitärische Einheit aus Freiwilligen. Sie heißt Hrvatske obrambene snage (Kroatische Verteidigungskräfte), das Kürzel HOS prangt auf ihren Abzeichen. Auf dem Höhepunkt ihres Bestehens zählt die HOS 15.000 Mann unter Waffen in Kroatien und Bosnien. Wo sie – eh klar – eine Blutspur unter Nichtkroaten hinterlassen. Und jetzt kommt der komische Teil der Tragödie.

Tuđman lässt Dobroslav Paraga in einer spektakulären Aktion verhaften, vor Gericht stellen und verurteilen. Aber nicht wegen der Verbrechen der HOS, sondern weil die Waffen, die Munition und der Sprengstoff der HOS, die in Tonnenmengen im Keller der Parteizentrale der HSP mitten in Zagreb lagern, eine schwere Allgemeingefährdung darstellen. Die Mörder aus den HOS-Einheiten übernimmt kurzerhand die reguläre kroatische Armee (Hrvatska vojska, HV) oder die kroatischen Verteidigungskräfte in Bosnien (Hrvatsko vijeće obrane, HVO). Wo sie mit der Mordbrennerei weitermachen. Seit 2014 steht in Split ein Denkmal für die 9. HOS-Brigade, während ihre Verbrechen noch immer von Gerichten untersucht werden.

Diese und andere kroatische Killerkommandos richten während der Kriege in Kroatien und Bosnien unaussprechlich grausame Verbrechen an. Tuđman stirbt, kurz bevor das Haager Tribunal Anklage gegen ihn erhebt.

Izetbegovićs Jungs

Der Präsident Bosniens und seine Partei Stranka demokratske akcije (Partei der demokratischen Aktion, SDA) ermöglichen es bewaffneten Kriminellen und ihren Haufen, sogar offiziell Teil der Polizei in Sarajevo zu sein. So tragen zum Beispiel die Polizeidienstausweise des Berufsverbrechers Jusuf "Juka" Prazina und seiner "Wölfe" (Jukini vukovi) die Unterschrift von Izetbegović persönlich. Die "Wölfe" sind aber nichts anderes als eine Mörderbande, die ohne Unterschied alle Bewohner von Sarajevo gleichermaßen terrorisiert.

Der Köter im Wolfspelz

Vor dem Krieg ist Prazina ein erfolgreicher Schutzgelderpresser, Schuldeneintreiber und Drogenhändler, der in seiner Freizeit minderjährige Mädchen vergewaltigt. Im Krieg ist Juka ein Held, ein Wolf gar, der nur noch serbische Minderjährige vergewaltigt und über den Volkslieder komponiert und im Radio gesendet werden. In Wahrheit kontrollieren seine Leute den Schwarzmarkt, verdienen daran, reichen einen Teil an das Regime weiter und säubern Sarajevo von unbewaffneten Nichtmuslimen, hauptsächlich Serben.

Das Morden und Plündern von Serben ist für Izetbegović kein Problem. Erst als der Chef der Wölfe auch noch Polizeichef werden will, zieht man die Notbremse. Jusuf Prazina desertiert Anfang 1993 mit 200 Kämpfern und läuft zu den herzegowinischen Kroaten über. Er stellt sich unter das Kommando der kroatischen Warlords und Berufsverbrecher Mladen Naletilić "Tuta" (Falschspieler und Zuhälter) und Vinko Martinović "Štela" (Totschläger, Schutzgelderpresser und Vergewaltiger). Tuta und Štela sind Tiere aus dem Heldenzoo von Franjo Tuđman, die er auf die Herzegowina loslässt.

Hier ermorden Juka, ein bekennender Muslim, und seine Wölfe hauptsächlich Muslime aus Mostar. Seine Rechtfertigung vor laufender Kamera: "Das sind keine echten Muslime." Zur Belohnung für seinen "Dienst" am kroatischen Volk in der Herzegowina erlaubt Franjo Tuđman dem Massenmörder und Vergewaltiger Jusuf Prazina, eine Weile in Kroatien zu leben. Aber nur wenige Wochen später zieht es ihn mit einer Rumpfcrew aus Heldentagen nach Belgien, wo ihm schon im Dezember 1993 seine eigenen Leibwächter ein paar Kugeln in den Kopf jagen und ihn in einen Abwassergraben neben der Autobahn werfen.

Ein Problem weniger für Alija Izetbegović und Franjo Tuđman. DVDs mit Liedern über Juka kann man noch immer in Sarajevo kaufen.

Bärentöter

Im Winter 1993 entledigt sich Izetbegović auch eines anderen Problembären aus der Menagerie der "Helden" von Sarajevo: Mušan Topalović "Caco". Der Berufsverbrecher befehligt einen Haufen aus Mitarbeitern und Kollegen, der ganz offiziell "10. Gebirgsbrigade" heißt. Doch ins Gebirge gehen die Männer von Caco nur, wenn sie serbische Einwohner von Sarajevo gruppenweise verschleppen, ermorden und in die tiefen Karsthöhlen von Kazani bei Sarajevo werfen.

Im Oktober 1993 weigert er sich, seine Banditen unter das Kommando der Armee zu stellen, und rebelliert gegen die Regierung. Caco lässt in seinem Hauptquartier Polizisten der Regierung als Geiseln nehmen und töten. Nach einem Feuergefecht mit Regierungstruppen und Polizei und einem Dutzend weiteren Toten ergibt sich Caco der Armee. Doch unter den Offizieren, die ihn vernehmen, ist auch der Vater eines der ermordeten Polizisten. Er prügelt Mušan Topalović zu Tode. Seine Leiche wird verscharrt und erst 1996 exhumiert und mit Pomp beigesetzt.

Am Begräbnis des Kriegsverbrechers, Massenmörders und Vergewaltigers nehmen 12.000 Bewohner von Sarajevo teil, sein Name prangt heute auf der Gedenktafel für gefallene Helden an der Schule "Edhem Mulabdić" in Sarajevo. Inzwischen tauchen bei Kazani immer neue Knochenfunde aus der Zeit seiner Heldentaten auf.

Das Schwert der Gerechten

Einer der wenigen Unterschiede zwischen Izetbegović und seinen zwei Despotenkollegen ist, dass die bosnische Regierung als einzige Kriegspartei eine Einheit (die 7. Gebirgsbrigade) hat, die ausschließlich aus tiefreligiösen außereuropäischen Ausländern besteht. Eine ihrer offiziellen Waffen, nur für diesen Zweck geschmiedet und geweiht, ist ein Krummschwert, mit dem Gefangene geköpft werden.

Die Verbrechen der 7. Gebirgsbrigade, begangen an Serben und Kroaten, sind noch immer Gegenstand gerichtlicher Untersuchungen. Izetbegović, zu Lebzeiten ein gerngesehener Gast der Brigade, stirbt, kurz bevor das Tribunal in Den Haag eine Anklage gegen ihn erhebt.

Wartesaal zur Hölle

Wie du siehst, gibt es im blutigen Ball der Hyänen vom Balkan keine nur Bösen und keine nur Guten. Sogar die armen Überfallenen sind am Ende gar nicht so arm und überfallen, wie sie gerne selbst behaupten. Als ich 1993 erneut im Kriegsgebiet bin, begegne ich einem Angehörigen einer kroatischen "Sondereinheit", der mir bei Bier und Pizza die Vergewaltigungen schildert, die er drei Wochen zuvor in Bosnien begeht.

Am Ende sagt er: "Ich werde in der Hölle für das brennen, was ich alles getan habe. Ich weiß das. Aber ich werde für Kroatien brennen!" (Bogumil Balkansky, 30.6.2016)

  • Am 21. November 1995 in der Nähe von Dayton: Slobodan Milošević und Franjo Tuđman reichen einander die Hände.  Alija Izetbegović steht dazwischen.
    foto: apa/afp/john ruthroff

    Am 21. November 1995 in der Nähe von Dayton: Slobodan Milošević und Franjo Tuđman reichen einander die Hände. Alija Izetbegović steht dazwischen.

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